Wiesbaden: Start-Ziel-Sieg für Julia Krajewski, Grand Prix an Kristy Oatley, C Vier triumphiert mit neuem Reiter

Für Julia Krajewski war ihr erster Start seit ihrem Olympiasieg in Tokio ein voller Erfolg, Kristy Oatleys „Düse“ hat einmal mehr Vollgas gegeben und David Wills C Vier holte seinen ersten Sieg mit seinem neuen Reiter – der Samstag beim Wiesbadener Pfingstturnier.

Bereits gestern legten Julia Krajewski und Amande de B’Neville den Grundstein für den Sieg im Preis der Familie Prof. Bernd Heicke, dem CCI4*-S im Wiesbadener Schlosspark. Als Führende starteten die beiden Olympiasiegerinnen heute ins Gelände und ließen nichts anbrennen. Ihre 0,8 Zeitfehler waren das zweitbeste Ergebnis im Cross und reichten locker für einen sicheren Sieg mit 26,8 Minuspunkten. Besser war im Gelände nur einer gewesen: Michael Jung auf Highlighter. Sie waren das einzige Paar, das ganz ohne Fehler ins Ziel kam. Damit konnten sie den Abwurf gestern im Parcours wieder wett machen und wurden Zweite mit 31,8 Minuspunkten.

An dritter Stelle reihte sich die Österreicherin Lea Siegl mit ihrem DSP Fighting Line ein. Sie waren exakt genauso schnell gewesen wie Krajewski und konnten sich so von Platz sieben auf drei vorarbeiten (38,5). Vierter und zugleich bester U25-Reiter war Jérôme Robiné mit Brave Heart (39,8) – trotz eines verlorenen Eisens. Für Robiné hatte Bundestrainer Peter Thomsen besonderes Lob, weil es bei ihm stetig bergauf geht zur Zeit. Er sagte sogar: „Ich könnte mir vorstellen, wenn das so weitergeht, sind die Europameisterschaften im kommenden Jahr ein reelles Ziel für ihn.“

Für Julia Krajewski war es der perfekte Einstand in die WM-Saison. Dabei war Wiesbaden die erste Vielseitigkeit für „Mandy“ seit ihren Triumph in Tokio. Die zwölfjährige Oscar des Fontaines-Tochter hatte sich im Winter leicht verletzt, ist nun aber wieder voll da. Das Ziel ist Pratoni, wie Julia Krajewski erklärte:

„Es war unsere erste richtige Geländerunde seit Tokio und ich will nicht sagen, dass ich ‚angespannt‘ war, aber man ist natürlich schon ein bisschen gespannt. Wie geht das jetzt los? Ich glaube, Mandy hätte sich erstmal gewünscht, dass sie zwei Minuten einfach nur geradeaus galoppieren darf. Sie war doch ein bisschen überrascht, als es plötzlich rechts, links ging. Hat sich dann aber super, ab Sprung fünf oder sechs, gefunden und einen super Rhythmus gehabt.“ Und weiter: „Wiesbaden war unser Startschuss in Richtung WM, dann sind noch Aachen und Haras du Pin geplant. Und wenn alles klappt, kommt dann im September die WM.“

Julia Krajewski war das neunte Mal in Wiesbaden am Start, zum zweiten Mal hat sie den Preis der Familie Prof. Heicke gewonnen. Mandy sei zwar Olympiasiegerin habe aber durch die Pandemie noch nicht so viele Zuschauer erlebt, erzählt die Siegerin. Auch das sei ein Grund gewesen, sie in Wiesbaden an den Start zu bringen. „Aber das hat ihr gar nichts ausgemacht, die ist schon ziemlich abgeklärt.“

Bundestrainer Peter Thomsen, zum ersten Mal in dieser Funktion vor Ort, zuvor seit 1998 regelmäßig als Reiter in Wiesbaden am Start, war hochzufrieden: „Ein Kompliment an das ganze Aufbauteam rund um Rüdiger Schwarz. Das war eine anspruchsvolle Strecke, die in jeder Wendung akkurates Reiten erforderte. Und das haben die Pferde und Reiter, in die ich Hoffnung gesetzt habe, voll erfüllt.“

Kaum einer strahlte so wie Prof Dr. Bernd Heicke, der Sponsor der Prüfung ebenso wie der U25-Wertung und der Besitzer des Siegerpferdes. „Mein Gefühl ist gerade schwer zu beschreiben. Ich bin in der Tat stolz, aber weil ich nach meinem Empfinden den geringsten Anteil am Erfolg habe, ist mein Gefühl vor allen Dingen auch große Freude, dass die Person (Julia Krajewski) und auch das Pferd (Amande de B’Neville) so gut zusammenpassen und so erfolgreich sind. Das ist sehr schön.“

Anm. d. Red.: Prof. Bernd Heicke haben wir übrigens vor kurzem zuhause besucht. Die dabei entstandene Reportage können Sie im aktuellen St.GEORG lesen und den gibt es hier zu bestellen.

Dressur

Highlight auf dem Wiesbadener Dressurviereck war heute der Grand Prix für die Kür, bei dem acht Paare am Start waren. Der älteste von ihnen war Kristy Oatleys langjähriger Erfolgspartner Du Soleil v. De Niro, genannt „Düse“. 18 Jahre ist er nun alt, war mit seiner Reiterin bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen am Start und zeigte schon im Frühjahr in Neumünster, dass man auch als „volljähriges“ Pferd immer wieder Sternstunden haben kann. Und auch heute demonstrierte der Dunkelfuchs, dass er nichts an Schwung und Ausdruck eingebüßt hat. Kleine Unsauberkeiten wie das Anpassagieren aus dem versammelten Schritt über Trab und ein etwas unsicheres Durchparieren aus dem Galopp zum Trab kosteten unnötig Punkte. Der Schritt selbst ist ohnehin nicht die große Stärke des Wallachs. Im Galopp kam er in den Zick-Zack-Traversalen und den Einerwechseln etwas hinter die treibende Hilfe und wurde dadurch eng. Aber richtige Fehler hatten die beiden nicht. So wurden es unter dem Strich 71,848 Prozent – heute das beste Ergebnis.

Zweite wurde die Belgierin Laurence Vanommeslaghe im Sattel ihres 13-jährigen KWPN-Wallach Edison v. Johnson. Die beiden waren eine kleine Überraschung in der Wintersaison beim Global Dressage Festival in Wellington gewesen, wo sie sich in die Siegerliste eintragen konnten. Heute wurde es trotz Wechselfehlern eine 71,261 Prozent-Runde. Dritte wurde Anja Plönzke auf dem inzwischen 15-jährigen Hannoveraner Fahrenheit (70,478) vor Nicole Wego-Engelmeyer im Sattel von Budhi (70,348), der ja der Familie Collin gehört, die ihn vom Hof Kasselmann erworben haben, wo Nicole Wego-Engelmeyer als Bereiterin tätig ist.

Youngster-Prüfungen

Wiesbaden ist inzwischen ja auch so etwas wie ein kleines Bundeschampionat mit Prüfungen für fünf-, sechs- und siebenjährige Nachwuchsdressurpferde, die die internationalen Aufgaben ihrer jeweiligen Altersklasse gehen.

Bei den Fünfjährigen fehlte der Sieger von gestern, der Morricone-Sohn Montgomery unter Nicola Haug heute. Er war nicht angetreten. So war der Weg frei für das Paar von Rang zwei, die Schwedin Jessica Lynn Thomas mit dem KWPN-Hengst Maddox Mart v. Hennessy, den sie für das Gestüt Schafhof vorstellt. Sie gewannen die Prüfung mit einer Durchschnittsnote von 8,94, die sich zusammensetzte aus Trab 8,8, Schritt 7,8, Galopp 9,5, Durchlässigkeit und Perspektive je 9,3. Platz zwei ging an das Paar, das gestern auf Rang drei gelegen hatte, Lena Waldmann mit der Oldenburger Stute Chere Celine. Sie kamen auf eine 8,38. 8,06 lautete das Endergebnis für Juliette Piotrowski und ihren Rheinländer Escolar-Sohn Earl of Pearl, Rang drei.

Bei den Sechsjährigen fühlte sich Dorothee Schneiders Westfalen-Hengst Borghese MT v. Baccardi heute deutlich wohler auf dem Wiesbadener Viereck, als noch gestern, wo er arg abgelenkt gewesen war. Heute konnte der schöne Fuchs mit dem hellen Langhaar sein Potenzial voll ausspielen und siegte mit einer Gesamtnote von 9,16. 8,9 gab es im Trab, 8,8 im Schritt, 9,3 für Galopp und Durchlässigkeit und 9,5 für die Perspektive. Dahinter landete der Sieger von gestern, Diaton v. Dimaggio unter Nicole Wego-Engelmeyer mit einer 8,98. Rang drei sicherten sich Lisa Horler und der Goldberg-Tochter Get you the Moon (8,34).

Die Siebenjährigen hatten heute morgen den Tag auf dem Wiesbadener Viereck eröffnet. Den überzeugendsten Gesamteindruck hinterließen die ehemalige Deutsche Bank Reitsport-Akademistin Franziska Stieglmaier und ihr Hannoveraner Zack-Sohn Zahin. Die beiden hatten im April in Stadl Paura schon einen sehr guten Eindruck hinterlassen mit einem zweiten und einem ersten Platz. Heute kam eine weitere goldene Schleife hinzu.

Bei den Siebenjährigen gibt es eine Note für die technische Ausführung der Lektionen auf Prix St. Georges-Niveau und eine für die Qualität der Grundgangarten, Durchlässigkeit und Perspektive. Technisch bekamen Franziska Stieglmaier und Zahin 72,679 Prozent. Die Qualität der Grundgangarten wurde mit 84,40 Prozent bewertet, was in Summe 78,539 Prozent bedeutete.

Ein spannendes neues Paar reihte sich auf Rang zwei ein: Lena Waldmann im Sattel der Westfalen-Stute Scarlett O’Hara v. Scuderia. Die Fuchsstute war 2021 Fünfte beim Bundeschampionat gewesen. Im Sattel saß damals Kira Wegmann, die die Stute ausgebildet und auch schon als Reit- und fünfjähriges Dressurpferd in Warendorf in die Platzierung geritten hat. Nun ist sie in Beritt bei Lena Waldmann. Heute war Turnierpremiere und die war rundum gelungen. Mit 73,929 Prozent hatten die beiden das beste technische Ergebnis aller Teilnehmer. Für die Grundgangarten gab es 80,80 Prozent. Ergab unter dem Strich 77,364 Prozent. Interessant übrigens, dass die Stute zwar die technisch höhere Note hatte als der Sieger, der aber in der Durchlässigkeit mit 8,5 bewertet wurde, während es für Scarlett O’Hara ein glattes „Gut“ gab.

An dritter Stelle reihte sich der Oldenburger Hengst Fürst Kennedy v. Fürsten-Look unter seinem portugiesischen Reiter Joao Pedro Moreira ein. Auch diese beiden kannte man bereits aus Warendorf. Heute kamen sie technisch auf dieselbe Endnote wie die Sieger. Für Grundgangarten, Durchlässigkeit und Perspektive gab es 77,80 Prozent.

Springen

Und schließlich wird in Wiesbaden ja auch noch gesprungen. Die große Tour war fest in der Hand der Gäste aus dem Ausland. Sieger in dem 1,50 Meter-Zwei-Phasen-Springen um den Lotto Hessen-Preis wurde der Ire Cian O’Connor auf einem Pferd, das in Deutschland gut bekannt ist: dem Holsteiner C Vier, den zuvor David Will hoch erfolgreich für Deutschland geritten hatte. O’Connor wollte den 14-jährigen Cardento-Sohn als zweites Toppferd neben seinem Olympiapferd Kilkenny. Das scheint zu funktionieren. Schon mehrfach hatten die beiden Nullrunden gedreht. Heute folgte nun die erste gelbe Schleife für eine fehlerfreie 28,37 Sekunden-Runde in Phase zwei des Springens.

Zweiter wurde der Ägypter Karim Elzoghby im Sattel des Zento-Sohnes Zandigo (0/28,77) vor Tom Wachman für Irland mit Lazzaro Delle Schiave v. Acodetto. Tom und sein Bruder Max (der heute acht Fehler hatte mit dem zuvor unter Simon Delestre hoch erfolgreichen Berlux Z) sind Schüler von Cian O’Connor, der davon träumt, zusammen mit ihnen bei den Olympischen Spielen in Paris an den Start zu gehen. Die beiden waren schon als Ponyreiter hoch erfolgreich. Sie gehören zur Familie Magnier, die hinter dem legendären Coolmore Stud steckt. O’Connor hat in jüngster Zeit einige Spitzenpferde für die Wachman-Brüder geholt, neben Berlux Z zum Beispiel auch Urvoso du Roch von Nicolas Delmotte.

David Will, der frühere Reiter von C Vier, ist ebenfalls in Wiesbaden am Start und war im Sattel der zehnjährigen Colorit-Tochter Concordia heute bester Deutscher auf Rang sechs. Ludger Beerbaum und Cool Feeling waren als Neunte ebenso noch im Geld wie Ulrich Hensel auf Europa H direkt dahinter.

Cian O’Connor war nach seinem Sieg voll des Lobes für C Vier: „Ich liebe dieses Pferd. Er ist intelligent, sensibel, hat eine tolle Einstellung und Vermögen. Außerdem hat er vor nichts Angst und das Herz eines Löwen.“

Und auch für die Reiter, die ihn vor ihm unter ihren Fittichen hatten: „Dieses Pferd ist sehr gut ausgebildet worden, erst von Janine Rijkens und dann von David, das macht vieles für mich leichter. Natürlich muss man zu jedem Pferd erst mal eine Beziehung aufbauen, aber wenn ein Pferd so gut mitdenkt und so viel Erfahrung hat, hilft das sehr.“

Trotz, die Weltmeisterschaft in diesem Jahr plant O’Connor in erster Linie mit seinem Olympiapartner von Tokio, Kilkenny, aber die Option C Vier hat er im Hinterkopf – auch für die Olympischen Spiele 2024 in Paris.

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