Pilotprojekt Hengst-Kurztest Vechta: 9,43 für Schockemöhle-Hengst Escanto PS

Kurz-Hengsttest-Vechta-2022

Hengst-Kurz-Test in Vechta im Pilotjahr 2022 (© st-georg.de(Screenshot Climpmyhorse.tv)

Beim Hengst-Kurztest in Vechta gingen fast 30 Hengste an den Start. Vier von ihnen waren besser als „sehr gut“ (9,0). Und Escanto PS war die absolute Leistungsspitze.

Beim Hengst-Kurztest in Vechta war die Teilnehmeranzahl groß und die Anfahrtwege lang. Hengste aus Dänemark und den Niederlanden waren neben Hengste aus Bayern und Mecklenburg-Vorpommern sowie aus dem Oldenburger Zuchtgebiet ins Oldenburger Pferdezentrum Vechta gekommen. Der Großteil war dreijährig. Die Aussicht, dass ein ein Hengst nur zwei Tage nicht decken kann, ließ viele Hengsthalter aufhorchen.

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Am Mittwoch wurden die Hengste unter ihrem eigenen Reiter gezeigt. Der abschließende Donnerstag war der Tag des Fremdreiters, das war Philipp Hess, der einmal mehr sein Gefühl für junge Pferde unter Beweis stellte.

Hengst-Kurztest: Escanto strahlt über allen

Elf der 23 dreijährigen Hengste waren noch keine drei Jahre alt. Und einer der jüngsten ließ alle anderen alt aussehen: Escanto, Ende Mai im Gestüt Lewitz von Paul Schockemöhle geborener Brauner, brillierte in jeder Sekunde beim Hengst-Kurztest. Gefühlvoll von seiner Reiterin Brandi Roenick vorgestellt, gab es für Escanto PS nur eine Note unter dem „sehr gut“ (9,0), das war der Trab (8,8). Für den herrlichen Bergaufgalopp gab es eine 9,5, für den Schritt eine 9,3. Zusammen mit einer 9,7 für die Rittigkeit und einer glatten Zehn für die Leistungsbereitschaft ergab das ein Endergebnis von 9,43. Es war die einzige 10,0 des Hengst-Kurztests.

Escanto PS v. Escamillo ist der Finnländerin-Familie entsprungen. Seine Ururgroßmutter ist eine Vollschwester zu Don Schufro, dem Vater von Weihegold. Er setzte sich mit einem Abstand von fast 0,4 Punkten vom Zweitplatzierten ab. Das war der Floricello-Sohn Feliciano, den Walter Wadenspanner von Bayern nach Vechta gefahren hatte. Der Weg hat sich gelohnt! Der hochbeinige Dunkelfuchs kam auf eine Endnote von 9,04 (Trab: 9,2, Galopp: 9,5, Schritt: 8,5, Rittigkeit: 9,0,  Leistungsbereitschaft: 9,0).

Platz drei bei den Dreijährigen nahm der Reservesieger der Oldenburger Körung ein: Fifty-Fifty v. Fürst Toto-Royal Classic, einer von diversen Hengsten, die Helgstrand Dressage in Vechta zeigte. Seine Wertnote 8,84 setzte sich wie folgt zusammen: Trab: 8,6, Galopp: 8,7, Schritt: 8,2,  Rittigkeit: 9,3,  Leistungsbereitschaft: 9,5.

Auch lineare Beschreibungen beim Hengst-Kurz-Test

Bewertet wurden die Hengste von der Oldenburger Körkommission ergänzt um Sachverständige von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN). Oliver Oelrich gab Anregungen an Reiter und Fremdreiter, Ute von Platen kommentierte die Bewertung. Für die Kommission waren einige der Teilnehmer am Hengst-Kurztest alte Bekannte. So auch der Siegerhengst Incredible v. Indian Rock, der derzeit wegen Spermaproblemen, nicht im Deckeinsatz steht. Der Braune trat vor allem am ersten Tag hinten mehrfach deutlich ungleich. In der Trabnote – 7,8 – spiegelt sich das nur bedingt wider. Aber parallel zu den Noten wurden die Hengste auch linear beschrieben. Und die machte das Problem deutlicher. Da geht der Balken bei Incredible im Trab nach links in Richtung „unregelmäßig“, allerdings nur um eine von drei möglichen Einheiten. Die Beschreibungen (hier kann man sie für jeden einzelnen Hengst einsehen) geben die Leistung der Hengste tatsächlich gut wieder. Ein Beispiel: der niederländische Dunkelfuchs Opoque, ein weiterer Helgstrand-Hengst. Der Hengst ist in aller Munde, unterm Reiter trabte er aber noch sehr eilig und ohne den Rücken zu benutzen. Dafür bekam auch er eine 7,8 (Endnote: 8,34). Bei der linearen Beschreibung sieht man: Schwung und Elastizität gingen zwei Einheiten in Richtung „wenig“, und wirklich losgelassen (eine Einheit Richtung „fest“) ging Opoque – noch – nicht, wohl aber mit viel Knieaktion (drei Einheiten, das Maximum) und auch mit überdurchschnittlichem Schub (zwei Einheiten Richtung „energisch, aktiv“) – so erscheint eine Einordnung der bloßen Wertnote deutlich einfacher, weil mehr Daten betrachtet werden können. Züchter haben nun zusätzlichen Lesestoff in Ergänzung zu den Hochglanz-Hengstbroschüren. 

Man wundert sich allerdings schon, wenn ein Hengst, der sich am ersten Tag alles andere als kooperativ zeigte, der Vitalis-Vollbruder One Two Three, noch eine 7,5 für die Leistungsbereitschaft erhält. 7,5 – also besser als „ziemlich gut“ für fortwährendes Blockieren? Der Blick in die lineare Beschreibung hilft nicht weiter. Dort bricht das Protokoll vor diesen Kriterien (Stand Donnerstag, 7. April) leider ab.

Clipmyhorse.tv hat die gesamte Veranstaltung aufgezeichnet.

Vierjährige im Hengst-Kurztest

Auch fünf Vierjährige absolvierten die neue Alternative in Sachen Hengstleistungsprüfung. Hier setzte sich mit einer 9,04 der Niederländer This is Naqueen v. Trafalgar (v. Totilas-Lord Loxley) aus einer Samba Hit I-Mutter an die Spitze (Trab: 9,5, Galopp: 9,3, Schritt: 8,3, Rittigkeit: 9,0, Leistungsbereitschaft: 9,2) von der Hengststation Holstud aus den Niederlanden. Auf ihn folgte der Oldenburger For Kingdom v. For Emotion a.d. Dornröschen v. Dimaggio mit der Wertnote 8,92. Er hatte bereits den Sporttest in Verden für sich entschieden.

Alle Wertnoten-Ergebnisse finden Sie hier.

Schon am Wochenende geht es im Pilotjahr weiter. Dann findet ein Hengst-Kurztest beim Hannoveraner Verband in Verden statt.

  1. Monika

    Balken im Auge? Endlich!
    Die Redewendung steht ursprünglich ja für die Voreingenommenheit des Sprechers, aber in der Beurteilung von Pferden erscheint mir die lineare Beschreibung mit ihren Balken als größter Fortschritt. Sie ist viel aussagekräftiger als diese beinahe schon inflationäre Ansammlung von Höchstnoten.
    Auch wenn der Stress für die jungen Hengste erheblich ist und mir das so frühe Gerittenwerden der Pferde prinzipiell missfällt – viele sind ja im Moment noch nicht einmal ganz drei Jahre alt und sicher schon mindestens drei Monate unter dem Sattel – finde ich die Kategorien, die die Psyche des Pferdes im Blick haben, besonders erfreulich, also z.b. Einträge zu Widersetzlichkeit, Gegen die Hand oder Zähneknirschen, Schweifschlagen oder scheu/ ängstlich usw.
    Kooperation und prinzipielle psychische Stabilität des Freizeitpartners Pferd ist für die meisten Reiter und Käufer das wichtigste! Sich nach einem anstrengenden Arbeitstag auch noch als Psychotherapeut seines Pferdes wiederzufinden, gefällt nur einer kleinen Gruppe von Pferdebesitzern.
    Aufschlussreich sind aber auch Beobachtungen „Steife“ oder zu wenig Muskeltonus im Schweif, galt doch lange Jahre „Ohne starken Schweif kein starker Rücken“.
    Manches finde ich dann sogar im Bereich der Grundgangarten überraschend. Auffälliges Bügeln oder Tralopp bei einem späteren Zuchthengst? Das Prädikat gehört würde für mich eigentlich prinzipiell einhergehen mit überdurchschnittlich guten und v.a. korrekten, verschleißarmen Grundgangarten. Es drängt sich hier schon die Frage auf, warum das bei der Körung vor wenigen Wochen nicht schon aufgefallen ist.
    Auf die Ergebnisse der weiteren KV mit Balkendiagrammen bin ich jedenfalls schon gespannt.

    Ich finde es übrigens schade, dass die lineare Beurteilung der älteren Zuchthengste und ihrer Nachkommen, also ihrer Vererbungsleistung, wenn überhaupt möglich, nur schwer zu finden ist.

    Mit freundlichen Grüßen
    Monika


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