Herpes beim Pferd – Wenn die Seuche im Stall ist

Herpes beim Pferd

Ist ein Pferd an Herpes erkrankt, kann sich die Krankheit schnell ausbreiten. (© St.GEORG)

Tote Pferde, abgeriegelte Ställe, abgesagte Turniere – solche Meldungen häufen sich in den vergangenen Jahren und nicht selten steckt Herpes beim Pferd dahinter.

Montag, 4. Juli 2016, Reitstall Meilinger. Ein Pferd hat sein Pferdefutter nicht aufgefressen, liegt in seiner Box und hat erhöhte Temperatur, 38,9 Grad Celsius. Diagnose: Darmverschlingung. Das Pferd wird in die Klinik gebracht und operiert. Niemand ahnt, was die wahre Ursache ist. Bis zum Abend wird bei zwölf Pferden auf Hof Meilinger erhöhte Temperatur festgestellt. Die Tierärzte gehen von einem Virus aus, welches ist unklar. Dienstagmorgen stehen 26 Pferde mit Fieber im Stall. Sie bekommen Entzündungs­hemmer und fiebersenkende Mittel. Bei einigen Pferden geht die Temperatur wieder herunter. „Wir dachten schon, es ist alles gut“, erinnert sich Julia Meilinger. Doch das Schlimmste kommt noch. Freitag, 8. Juli: Eine Stute liegt in der Box und kann nicht aufstehen. Ihre Hinterhand ist gelähmt. Sie muss eingeschläfert werden. Jetzt ist klar, um welches Virus es sich hier handelt: Herpes beim Pferd, Typ I, kurz EHV-1. 

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Oft haben erkrankte Pferde sehr hohes Fieber. Die Temperatur sollte regelmäßig kontrolliert werden. (© St.GEORG)

Was ist Herpes beim Pferd?

Herpes ist ein hoch ansteckendes Virus, das laut dem langjährigen FN-Veterinär Dr. Michael Düe bei 60 bis 80 Prozent der Pferde latent schlummert. Die Viren ziehen sich in die Nervenzellen zurück. Das Immunsystem erreicht sie nicht. Das Virus kann nicht eliminiert werden. Ein einmal erkranktes Pferd bleibt lebenslang Virusträger.

Wie kommt es zum Herpesausbruch?

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Viele Turnierwochenenden nach einander können den Pferdekörper stressen. (© www.toffi-images.de)

In Stresssituationen (Transporte, andere Erkrankungen, seelischer Kummer) kann das Herpesvirus aktiviert werden. Das muss aber nicht mit klinischen Symptomen einhergehen. Im Blut befinden sich Antikörper, die ungewünschte Eindringlinge abwehren. So lange sich die Herpes-Viren also im Blutkreislauf befinden und der Antikörperspiegel hoch genug ist, schützt das Immunsystem den Organismus.

Herpes: Verlauf der Erkrankung

Was bewirkt Herpes? Es gibt vier Typen des Equinen Herpes-Virus. Relevant sind aktuell insbesondere EHV 1 und 4. Vor allem EHV 1 führt zu Virusabort (Verfohlen) oder der Geburt lebensschwacher Fohlen. Die Stute zeigt meist keine Krankheitssymptome, verliert aber zwischen dem siebten Trächtigkeitsmonat und dem Geburtstermin ihr Fohlen. Kommen die Fohlen lebend zur Welt, sterben sie meistens wenige Tage nach der Geburt.

EHV 4 (aber auch 1) verursacht fieberhafte Atemwegserkrankungen (Rhinopneumonitis). Die Pferde haben Fieber, oft auch über 39° Celsius. Es gesellen sich wässriger Nasen- und Augenausfluss sowie Husten hinzu. Der zunächst harmlose Verlauf kann schwerwiegende Folgen haben, wenn etwa eine bakterielle Infektion hinzukommt.

Vor allem EHV 1 kann das Nervensystem schädigen (paretisch-paralytischer Verlauf). Die Folge: Lähmungserscheinungen und Koordinationsstörungen. Anfangs macht sich die Krankheit nur durch leichtes Fieber bemerkbar. Einige Tage später zeigen die Pferde einen schwankenden, unkoordinierten Gang oder gleich Lähmungserscheinungen, insbesondere der Hinterhand. Der Grund: Es kommt zu Einblutungen ins Rückenmark und dadurch zu Funktionsstörungen bis hin zum Absterben bestimmter Nervenbereiche. Dies wird auch als EHM (Equine Herpesvirus-Myeloenzephalopathie) bezeuchnet. Manche Pferde verhalten auch Kot und Urin (Penislähmung). Unter Umständen kann der Tierarzt hier nur noch eine erlösende Spritze geben.

Bei Typ 1 des Equinen Herpesvirus, der neurologischen Variante, wird zwischen der N- und der D-Variante unterschieden. Dabei handelt es sich um Punktmutationen an einem bestimmten Genort des Virus. 

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Herpes Inkubationszeit

Meistens wird Herpes durch Tröpfcheninfektion übertragen. Weil die ­klimatischen Bedingungen dafür in der nasskalten Jahreszeit am günstigsten sind, tritt Herpes in der Regel in der Übergangszeit zwischen Winter und Frühjahr auf. Der Fall im Stall Meilinger zeigte aber, dass das kein Muss ist. Möglich ist aber auch die indirekte Übertragung, z. B. durch Kontaktpersonen, Putzzeug, Futter- oder Wassereimer, Schubkarren etc. Die Mutterstute kann das Virus auf ihr ungeborenes Fohlen übertragen. Daraus folgt, dass Pferde auf zweierlei Arten durch das Herpesvirus bedroht sind: zum einen, weil die Viren in den meisten Pferden ohnehin schlummern, zum anderen kommt außerdem noch der Infektionsdruck von außen hinzu.

Damit sich die Herpes-Erkrankung nicht ausweitet, sollten rechtzeitig Quarantäne-Maßnahmen ergriffen werden.

Diagnose

Bei einem Verdacht ist eine genaue Diagnose des Virus sehr sinnvoll, um schnellstmöglich die nötigen Hygienemaßnahmen vornehmen zu können. Der Tierarzt beprobt das Pferd und schickt das Material an ein zugelassenes Labor (z.B. in Wien, Berlin oder Ludwigsburg). Entweder man kann das Virus direkt in Blut, Sekreten aus der Nase oder auch Gehirnflüssigkeit nachweisen, oder aber in zwei Blutproben im Abstand von einigen Tagen über die Antikörper. In NRW hat Dr. Lutz Ahlswede ein Diagnoseprojekt geleitet, das von der Tierseuchenkasse NRW gesponsert wird. Bei entsprechendem Verdacht können (für Mitglieder der Tierseuchenkasse) kosten­lose Diagnosen durchgeführt werden. Dr. Ahlswede und seine Kollegen hoffen, so Informationen über die Infektionskrankheiten zu erhalten, die dabei helfen sollen, künftig besser mit ihnen umgehen zu können.

Behandlung

Die Herpesviren selbst kann man nicht bekämpfen. Auch das macht die Krankheit so tückisch. Man kann nur versuchen, das Immunsystem des Pferdes zu unterstützen. Behandelt werden darum lediglich die Symptome. Das Pferd bekommt entzündungshemmende sowie Medikamente, die den Kreislauf- und das Immunsystem unterstützen. Es hat sich zudem bewährt, zusätzlich Vitamin B-Präparate zu verabreichen. Kommt zu dem viralen noch ein bakterieller Infekt hinzu, muss das Pferd ein Antibiotikum verabreicht bekommen.

Ausbreitung verhindern

Erkrankte sollten unverzüglich von den gesunden Tieren getrennt werden. Sie dürfen weder direkt noch indirekt (z.B. über Menschen, Putzzeug, Futterwagen, Eimer, Mistgabeln, Schubkarren etc.) Kontakt zu den noch nicht infizierten Pferden haben. Die Betreuer der Pferde sollten Schutzkleidung tragen und sich für den Aufenthalt bei den gesunden Pferden umziehen, Hände waschen, desinfizieren und Desinfektionswannen für die Füße nutzen. Für mindestens drei Wochen sollte der Stall unter Quarantäne gestellt werden. Das heißt, kein Pferd verlässt den Stall, kein Pferd kommt von außen auf die Anlage.

Nachsorge

Das Herpesvirus kann in den Ställen noch zwei bis drei Monate überleben. Daher ist nach Abklingen der klinischen Symptome eine Grunddesinfektion der Stallungen unumgänglich. Auch Pflegegegenstände, Sattelzeug, Halfter, Decken, Gamaschen usw. sollten gründlich gereinigt werden.


Die Herpes-Impfung beim Pferd

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Kein Impfstoff? Bestehen Sie darauf, dass ihr Tierarzt sich kümmert. (© www.slawik.com)

Eine Impfung gegen Herpes wird von der StIKo Vet sowie damit einhergehend auch der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) zwar empfohlen. Verpflichtend ist sie jedoch nicht. Das ideale Impfschema bei Herpes sieht folgendermaßen aus:

• Erste Impfung im Alter von 6 Monaten

• Zweite Impfung 4 bis 6 Wochen nach erster Impfung

• Dritte Impfung 5 bis 6 Monate nach zweiter Impfung

• Wiederholungsimpfungen im Abstand von 6 Monaten

Achtung bei trächtigen Stuten: „Überdies ist darauf zu achten, dass Zuchtstuten gemäß der Gebrauchsinformation von beispielsweise Equip EHV 1,4 zur Verhütung eines Abortes nicht nur halbjährlich, sondern im 5., 7. und 9. Monat der Trächtigkeit mit jeweils einer Dosis zu impfen sind“, so die StIKo Vet.

Tiermediziner berichten schon seit mehreren Jahren von einer dünnen Impfdecke in Deutschland. Auch stellen sie fest, dass sich die Meldungen von Herpesausbrüchen häufen. Prof. Dr. Karsten Feige: „Ein möglicher Grund ist, dass deutlich weniger geimpft wird. Es gibt Zahlen, nach denen aktuell 10 bis 15 Prozent der deutschen Pferdepopulation gegen Herpes geimpft sind. Vorher waren es über 30 Prozent.“ Feiges Fazit: „Es ist bedauerlich, dass die Hersteller nicht in der Lage sind, in Deutschland genügend Impfstoff zur Verfügung zu stellen. Derzeit können zwar Impfstoffe­ aus Tschechien importiert werden, der damit verbundene Verwaltungsaufwand trägt aber sicher auch dazu bei, dass weniger geimpft wird.“

Einige Tierseuchenkassen in Deutschland bieten Tierhaltern Beihilfen an für die Impfung gegen EHV. Damit soll im Falle der Tierseuchenkasse Sachsen „die freiwillige geschlossene Impfung von Pferdebeständen“ gefördert werden, heißt es auf der Website. Auch die Tierseuchenkasse in Hessen bietet eine Beihilfe für die Impfung gegen EHV an. Sie können sich bei der Tierseuchenkasse in Ihrem Bundesland nach möglichen Beihilfen erkundigen, wenn Sie über eine Impfung Ihres Pferdes bzw. Ihres Bestands nachdenken.

Prevaccinol & Co. 

Es gibt drei von der zuständigen Prüfstelle, dem Paul-Ehrlich-Institut (PEI), genehmigte EHV-Impfstoffe auf dem Markt: Equip® (EHV 1 und 4) von Zoetis, Prevaccinol® (EHV 1 Lebendimpfstoff) von MSD Intervet sowie Bioequin H von Bioveta. Dr. Tanja Buchmann von Zoetis sagt: „Natürlich möchten wir die Impfstoffversorgung gewährleisten. Aber das ist bei biologischen Produkten nicht immer planbar. Die Herstellung eines Impfstoffes unterliegt einer langen Abfolge verschiedener komplexer biologischer (z.B. Zellkultur) und nicht-biologischer Produktions- und Chargenprüfungsverfahren. Der Lieferengpass hängt u.a. mit dem Wechsel des Produktions­standortes von Equip® EHV 1,4 zusammen. Einige zuletzt produzierte Chargen konnten die firmen­internen Qualitätsstandards nicht erfüllen, so dass das Produkt nicht regelmäßig in Verkehr gebracht werden konnte.“

Dr. Albert Raith von MSD Intervet erklärt: „Bei uns werden veterinär- und humanmedizinische Impfstoffe hergestellt. Mitunter kommt es zu Engpässen bei bestimmten Produktions­abschnitten. Dann haben die Impfstoffe der Humanmedizin Priorität. Deshalb können wir auch nicht einfach nachproduzieren.“ Raith betont aber auch, dass stets Impfstoff verfügbar ist: „Das Paul-Ehrlich-Institut nimmt alle Impfstoffchargen ab. Hier weiß man also immer Bescheid über die Deckung am Markt. Wenn es eng wird, lässt das PEI Impfstoff aus Tschechien zu. Den müssen sich die Tierärzte zwar genehmigen lassen. Aber die Möglichkeit besteht immer.“

Tatsächlich heißt es bei der ständigen Impfkommission Veterinärmedizin (StIKo Vet) am Friedrich-Loeffler-Institut: „Es ist in Deutschland wiederholt zu Lieferengpässen bei zugelassenen EHV-Impfstoffen gekommen. In derartigen Fällen wird empfohlen, auf andere EHV-Impfstoffe auszuweichen. Wenn deutschlandweit kein alternatives Produkt verfügbar ist, besteht die Möglichkeit, Impfstoffe, die im Ausland für die entsprechende Indikation zugelassen sind, per Ausnahmegenehmigung anzuwenden.“ Die Tierärzte erhalten bei den zuständigen Veterinärämtern Informationen, wie sie in diesem Fall vorzugehen haben.

Über welche Bestände des EHV-Impfstoffes Bioequin H die Firma Bioveta derzeit verfügt, entzieht sich der Kenntnis der StIKo Vet (Stand März 2021).

Beispiel aus der Praxis: Galoppsport

Dr. Friedrich Appelbaum, praktischer Tierarzt in Nordrhein-Westfalen, plädiert für ein einheitliches Impf­regime: „Selbst bei vielen Pferden auf begrenztem Raum gibt es keine Probleme, wenn alle geimpft werden. In Ställen ohne einheitliches Impfmanage­ment gehen Infektionskrankheiten hingegen oft von Pferd zu Pferd. Durch turnusmäßiges Impfen gegen Influenza und Herpes wird das Immunsystem der Tiere zweimal im Jahr geärgert und damit trainiert. Das macht sie auch widerstandsfähiger gegen andere Infektionskrankheiten.“

Dass konsequentes Impfen Herpes in Schach halten kann, zeigt das Beispiel der deutschen Vollblutzucht. Beim Direktorium für Vollblutzucht und Rennen e.V. (DVR) ist die EHV-Impfung für alle Zuchtpferde Pflicht. Nach den Vorfällen in Valencia im Februar 2021 hat Deutscher Galopp die Herpes-Impfung nun auch für alle Galopprennpferde zur Pflicht erklärt, die an Rennen teilnehmen sollen. Zuchtleiter Dr. Hubert Uphaus erklärt: „Seit 1984 ist die Impfung aller Vollblutpferde in Zuchtbeständen gegen Virusabort in Deutschland verbindlich für alle Züchter vorgeschrieben. Sogenannte Abortstürme sind in ordnungsgemäß geimpften Beständen der Vollblutzüchter nun schon seit vielen Jahren nicht mehr vorgekommen. Dies ist, wie wir meinen, ein Erfolg unserer konsequenten Impfpolitik“, so Dr. Uphaus.

Antikörper bilden durch Impfung

Bestandsimpfungen bieten einen verlässlichen Schutz. So lautet der Tenor der Experten. Lange galten Deutschlands Pferdehalter als „impfmüde“. Fasst man die Berichte der Experten zusammen, gibt es dafür zweierlei Gründe: Zum einen eine gewisse Bequemlichkeit der Pferdehalter, die den mit der Impfung verbundenen Aufwand scheuen, zum anderen, so man sich denn dran hält (was man tunlichst sollte!), eine kurzfristige Trainingspause. Das viel schwerwiegendere Argument ist jedoch die Angst vor Nebenwirkungen der Impfungen. Die einschlägigen Internetforen­ sind voller Beiträge zum Thema. Viele handeln von eher harmlosen Begleiterscheinungen wie Abgeschlagenheit der Pferde, auch leichtem Fieber.

Alles Dinge, die auf den Beipackzetteln der Impfstoffe als potenzielle Nebenwirkungen vermerkt sind. Aber einige Pferdehalter klagen auch über Störungen im Gangbild bis hin zu bleibenden Ataxien nach einer Impfung gegen EHV. Tatsächlich sind Praktiker sich einig, dass geringfügige Nebenwirkungen sogar wünschenswert sind. Professor Dr. Feige sagt: „Dies zeigt, dass der Körper sich mit dem Erreger auseinandersetzt. Und das wollen wir ja erreichen. Nur so können Antikörper gebildet werden, die das Pferd im Ernstfall schützen.“

Mittlerweile gibt es aber möglicherweise ein größeres Problem als die Impfmüdigkeit der Pferdebesitzer. Es ist, Stand März 2021, nicht genug Impfstoff vorhanden. Zur aktuellen Lage (Stand März 2021) auf dem Impfstoff-Markt sprach St.GEORG online mit der StIKo Vet, die berichtet: „Derzeit sind in Deutschland drei Impfstoffe gegen EHV-1, bzw. EHV-1 und 4 zugelassen. Der Lebendimpfstoff Prevaccinol der Firma Intervet ist seit Längerem nicht lieferbar. Bis vor Kurzem standen die beiden anderen, zwei Inaktivatimpfstoffe, in ausreichender Menge zur Verfügung. Nach einer Pressemitteilung der FEI, wonach aufgrund des EHV-Geschehens (ab 1. März 2021) alle Turniere in Kontinentaleuropa für zunächst vier Wochen abgesagt wurden, war nach Auskunft der Firma Zoetis der Impfstoff Equip EHV1,4 innerhalb eines Tages ausverkauft. Die Firma rechnet in Kürze mit einer weiteren Lieferung für den deutschen Vertrieb.“

Nebenwirkungen einer Herpes-Impfung

Das Paul-Ehrlich-Institut hat in 2014 47 Berichte über unerwünschte Nebenwirkungen bei EHV-Impfungen gezählt (aktuellere Zahlen gibt es noch nicht). Wobei nicht näher darauf eingegangen wird, um welche Art Nebenwirkungen es sich handelt. Aber um eine Verhältniszahl zu bekommen: Im selben Jahr hat eine der beiden Hersteller­firmen allein 140.000 Impfungen verkauft. Das klingt nach einer Menge, ist aber geradezu verschwindend gering, wenn man bedenkt, dass es in Deutschland nach Hochrechnungen von Statistischem Bundesamt, Versiche­rungen und Tierseuchenkassen rund 1,1 Millionen Pferde und Ponys gibt. Nur interessieren Statistiken mich als betroffenen Pferdehalter nicht, wenn mein Pferd nach einer Herpes-Impfung im Stall steht, den Kopf hängen lässt oder Schlimmeres. Nachvollziehbar, findet auch Dr. Friedrich Appelbaum. Er gibt jedoch zu bedenken: „Wenn eine Erkrankung nach einer Impfung auftritt, liegt der Verdacht zwar nahe, dass es hier einen Zusammenhang gibt. Aber es gibt keinerlei gesicherte Beweise, ob die Nebenwirkungen allein auf den Impfstoff zurückzuführen sind.“

Appelbaum sagt: „Wie ein Pferd die Impfung verträgt, hängt auch von unzähligen anderen Faktoren ab. Vor allem aber vom Pferd selbst – ich kann es abhören, Fieber messen, den Allgemein­zustand kontrollieren. Aber ich sehe nicht, ob in dem Pferd etwas schlummert. Eines kann man aber sagen: Regelmäßig geimpfte Pferde haben ein trainiertes Immunsystem, das mit der Impfung in aller Regel gut zurecht kommt. Vorausgesetzt, dass sich Tierarzt und Pferdehalter an die Empfehlungen auf dem Beipackzettel halten, also z.B. dem Pferd nach der Immunisierung zwei bis drei Tage Ruhe und nur leichte Bewegung gönnen.“

EHV-Impfung

Eine EHV Impfung ist nur sinnvoll, wenn sie im GESAMTEN Bestand vorgenommen wird. Es geht nicht (nur) um den Schutz des Einzelpferdes, sondern vor allem darum, den Infektionsdruck so niedrig wie möglich zu halten. Da geimpfte Pferde im Vergleich zu ungeimpften nur zehn Prozent des Virus ausscheiden, kann die Impfung dies leisten. Im Idealfall wird der gesamte Bestand stets zur (fast) gleichen Zeit geimpft, damit der Titer (also die Anzahl der Antikörper gegen das Herpesvirus im Blut) bei allen Pferden gleich hoch ist.


Impf- und Meldepflicht?

Herpes und Druse sind weder anzeige- noch meldepflichtig.

Welche Krankheiten melde- bzw. anzeigepflichtig sind, bestimmt das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Aber warum werden Herpes und Druse beim Pferd nicht hinzugenommen? Kann die FN hier keinen Einfluss nehmen? Wir haben mit Dr. Henrike Lagershausen von der Abteilung Veterinärmedizin bei der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) über das Thema gesprochen.

Woran liegt es, dass weder Herpes noch Druse meldepflichtig sind?

Henrike Lagershausen: Das hatten wir bereits im letzten Jahr mit dem BMEL besprochen. Weder für Druse noch für Herpes steht derzeit beim BMEL eine Meldepflicht zur Debatte. Bei diesen beiden Infektionskrankheiten handelt es sich nicht um Erkrankungen, die auf den Menschen übertragbar sind (Zoonosen). Weiterhin sind die wirtschaftlichen Schäden zwar für den jeweils betroffenen Stall zum Teil verheerend, aber im Vergleich mit anderen Tierseuchen (MKS, Vogelgrippe, usw.) gering. Auch kann z.B. die Druse in den allermeisten Fällen gut symptomatisch behandelt werden und ausheilen. Dies ist auch bei den allermeisten Ausbrüchen von Herpes der Fall. Die Zahl dramatischer Aus­brüche mit vielen toten Pferden, die der neurologischen Form der Erkrankung zum Opfer fallen, kommen immer wieder vor, insgesamt gesehen aber nur vereinzelt. In den meisten Fällen bleibt der Ausbruch auf einen Hof begrenzt. Wir werden dieses Thema aber auch noch einmal auf die Tagesordnung für unser nächstes Gespräch mit dem BMEL setzen.

Generell sind wir nicht gegen die Einführung einer Meldepflicht, glauben jedoch nicht, dass diese zur Verringerung der Ausbrüche führen wird. Es würde lediglich bedeuten, dass die Untersuchungs­ämter verpflichtet sind, einen Herpes-Nachweis an die zuständige Behörde zu melden. Diese pflegt die Informationen in das Tierseuchenregister ein. So ständen für Fachleute Informationen darüber zur Verfügung, wann und in welcher Gemeinde Herpes beim Pferd bestätigt wurde. Eine Meldepflicht führt nicht zur Anordnung einer verpflichtenden Quarantäne für den betroffenen Betrieb.

Der Vollblutverband hat aber bereits eine Meldepflicht. Wieso geht das bei der FN nicht?

HL: Die fehlende rechtliche Grundlage hindert uns daran. Wir sind nicht befugt, den Untersuchungsämtern vorzuschreiben, was Sie uns melden müssen. Auch dürfen wir die Tierärzte nicht von Ihrer Schweigepflicht entbinden. Wir können mit der LPO nur Einfluss auf die Turnierteilnehmer nehmen. Die LPO spricht eine Empfehlung für die EHV-Impfung aus. Außerdem dürfen keine Pferde an den Start gehen, die an ansteckenden Krankheiten leiden oder unter Gesundheitsbeobachtung stehen. Aber das ist schwer zu kontrollieren. Und selbst wenn die Turnierpferde alle geimpft wären, gäbe es da noch die vielen Freizeitpferde, bei denen wir keine Handhabe haben.

Wäre es denkbar ein Turnierverbot im Umland zu verhängen, wenn ein Betrieb ein Herpes-Problem hat?

HL: Ein Stall in dem Druse/Herpes ausgebrochen ist, darf kein Turnier ausrichten. Und ein Pferd aus einem akut betroffenen Stall darf nicht auf ein Turnier fahren. Soweit unsere Meinung. Wir können nur leider nie genau wissen, wo ein Ausbruch bestätigt ist, weil wir an keiner Stelle verlässliche Informationen erhalten, es sei denn der Veranstalter/Stallbetreiber/Besitzer ruft direkt bei uns an und schickt uns womöglich noch das Laborergebnis, so dass wir es schwarz auf weiß haben. Viele gehen bereits vorbildlich mit einer solchen Situation um. Theoretisch darf nicht einmal der behandelnde Tierarzt seine Schweigepflicht brechen. Auf Meldungen bei Facebook und Co., anonyme Anrufer und Schreiber können wir uns nicht verlassen. Wenn wir Hinweise bekommen, gehen wir diesen nach und versuchen herauszufinden, ob an den Gerüchten etwas dran ist oder nicht. Wir versuchen an die Vernunft der Reiter/Stallbetreiber zu appellieren, verantwortungsvoll mit einem Ausbruch umzugehen.

Und warum kann man die Impfung gegen Herpes nicht verbindlich einführen, ähnlich wie die Influenza­impfung für Turnierpferde?

HL: Wir werden immer noch häufig dafür angegriffen, dass wir die Influenza-Impfung für alle Turnierpferde strikt fordern. Diese Impfung kann aber den Ausbruch der Erkrankung so gut wie sicher verhindern. Dank der Impfung spielt Influenza im Turniergeschehen kaum noch eine Rolle. Leider steht kein Impfstoff gegen Herpes zur Verfügung, der den Ausbruch sicher stoppen kann. Hinzu kommt, dass der Impfstoff in Deutschland z.B. im letzten Jahr so gut wie nicht verfügbar war. Alles schlechte Voraussetzungen, um eine verpflichtende Impfung aller Turnierpferde vorzuschreiben, deshalb empfehlen wir die Impfung aller Pferde eines Stalles als Bestandteil der bestandshygienischen Maßnahmen.

Einer aktuellen Pressemitteilung der FN aus März 2021 ist in Sachen Impfpflicht für EHV Folgendes zu entnehmen: Die FN erklärt darin, es gebe sowohl Argumente, die für eine Impfpflicht sprechen, als auch Argumente, die dagegen sprechen. Voraussetzung für eine Impfpflicht sei aber, dass genügend Impfstoff zur Verfügung stehe. Das sei in der Vergangenheit nicht immer der Fall gewesen und auch aktuell komme es aufgrund der hohen Nachfrage zu Engpässen. Es werde keine Impfpflicht von heute auf morgen geben, heißt es weiter, diese Entscheidung müsste von den Mitglieds- und Anschlussverbänden der FN im Beirat Sport, der Mitgliederversammlung des Bereiches Sport, mit einer gewissen Vorlaufzeit getroffen werden, damit sich alle Turnierreiter sowie die Tierarztpraxen und Impfstoffhersteller darauf einstellen können.

    • Jan Tönjes

      Sehr geehrte(r) Herr oder Frau „Erdkunde“. Vielen Dank für den Hinweis. In der Grafik sind leider die Orte Sehnde und Neustadt/Dosse vertauscht worden. Das haben wir umgehend korrigiert.

  1. Thunder

    Heute wurde unser dreijähriger Wallach gegen Herpes zum zweiten Mal geimpft. Er hat es nicht überlebt und ist durch einen Schock gestorben.

  2. M. Bach

    Das ist ja ganz, ganz schrecklich!!!
    Es tut mir furchtbar leid für das junge Pferd, dessen Leben gerade erst begonnen hat.
    Und was für ein Schock auch für Euch, als „Angehörige“.
    Da will man alles richtig machen, lässt sein Pferd impfen – und dann solch ein Schicksalsschlag.
    Unfassbar!

    Vielleicht kannst Du ja in den nächsten Tagen, noch ein wenig mehr dazu schreiben.
    Jedenfalls herzlichen Dank, dass Du Deinen Kummer und den großen Schreck hier mit uns teilst.
    Ich bin mit meinen Gedanken ganz bei Euch.

    (Dies unbarmherzige Virus!
    Und da wird schon wieder von Olympia geträumt, trotz Corona und Herpes –
    ohne Rücksicht auf die Strapazen und Gefahren für Mensch und Tier. )


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