Kissing Spines – Das Problem sitzt in der Wirbelsäule

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Kissing Spines ist eine Erkrankung an der Wirbelsäule im Rücken des Pferdes. (© willierossin - Fotolia)

Kissing Spines, die schmerzhaften Veränderungen an den Dornfortsätzen der Wirbelsäule sind eine Schockdiagnose. Über gezieltes Rücken- und Muskelaufbautraining kann man aber viel erreichen.

Die Kissing Spines betreffen den besonderen empfindlichen Teil des Pferderückens – die Wirbelsäule. Auch wenn die Kisssing Spines häufig erst einmal eine Schockdiagnose für den Reiter sind, so sagt das Röntgenbild alleine noch nicht viel aus und man kann mit gezieltem Training den Pferderücken stärken. Das bedeutet zwar einen aufwendigen, durchdachten Trainingsplan und erfordert besondere Rücksicht von Seiten des Reiters, aber auch ein Pferd mit Kissing Spines Befund kann beschwerdefrei sportlich unterwegs sein.

Kissing Spines – Schwachstelle Wirbelsäule

Der Grund dafür, dass die Wir­belsäule zu den Schwach­stellen gehört, ist ganz einfach: Die Natur hat nicht mit einge­plant, dass der Mensch auf ihr Platz nimmt.

„Die Wirbelsäule ist eine Hängekonstruktion, die nur an den Gliedmaßen der Vorder- und Hinterhand aufgehängt ist“, erklärte Dr. Karl Blobel, der lange Jahre Mannschaftstierarzt der deutschen Vielseitigkeitsreiter und Vertrauensarzt des Holsteiner Verbandes gewesen war.

Der Reiter sitzt auf dem „schwebenden“ Ab­schnitt der Wirbelsäule; nur einen Fingerbreit über dem Skelett. Of­fensichtlich also, dass es sich hier um eine schwache Stelle handelt.

„Um es mal ganz klar auszu­drücken, die meisten Wirbel­säulenerkrankungen werden durch falsches Reiten ausgelöst“, so Dr. Blobel.

Nahezu jedes Rückenproblem beginnt in der Muskulatur. Falsche Belastung und Überbeanspruchung führen zu Muskelkater, der, nicht ernst ge­nommen oder erkannt, zu Ent­zündungen führt. Ein entzünde­ter Muskel schwindet mit der Zeit und die Wirbelsäule liegt schutzlos da. Jede Belastung wirkt direkt auf die knöcherne Struktur.

Verspannte Muskeln können mit Massa­gen gelöst und blockierte Ge­lenke wieder in ihre Ursprungsstel­lung gebracht werden. „Aber nur eines wird dem Pferd auf Dauer hel­fen“, sagte Dr. Blobel, „näm­lich richtiges Reiten.“ Nur ein gut bemuskelter Rücken, der sich bei der Arbeit nach oben auf­wölbt, wird dem Gewicht des Reiters über Jahre standhalten.

Dr. A. Merz - Tierklinik Telgte

So sieht ein ziemlich perfekter Pferderücken aus. (© Dr. A. Merz - Tierklinik Telgte)

Dr. A. Merz - Tierklinik Telgte

Auch dieser Pferderücken ist ohne Befund. (© Dr. A. Merz - Tierklinik Telgte)

Was bezeichnet man als Kissing Spines?

Das Kissing Spine Syndrom ist ei­ne knöcherne Veränderung der Dornfortsätze. Dabei berühren oder überlagern sich die Dornfort­sätze einzelner Wirbel, was beson­ders häufig im Bereich vom zwölf­ten bis zum 18. Brustwirbel vor­kommt, da der Abstand zwischen den Wirbeln dort besonders eng ist. Zum großen Leidwesen der Pfer­de liegt dieser Bereich genau un­ter der Sattellage. Wenn das Pferd seinen Rücken während des Rei­tens nicht aufwölbt, weil die Haltevorrichtung des langen Rücken­muskels noch nicht stabil genug ist, dann drückt das Pferd seinen Rü­cken nach unten durch. Die Folge ist, dass sich die Domfortsätze mit der Zeit immer weiter einander annähern.

Das kann soweit gehen, dass sie sich an einer oder mehre­ren Stellen berühren oder sogar überlagern – sich „küssen“. Das ist für das Pferd eine sehr schmerzhafte Angelegenheit.

Diagnosemöglichkeiten und Behandlung Kissing Spines

Bereits in einer genauen Untersuchung im Stall kann der Tierarzt Rück­schlüsse ziehen. Bei einem Ver­dacht auf Kissing Spines muss das Pferd geröntgt werden, um genau herauszufinden, wo die Dornfort­sätze verändert sind. Ob sich die Wir­belkörper einander annähern und die Dornfortsätze aneinander reiben und vor allem, wie weit dieser Prozess fortge­schritten ist. Diese Krank­heit durchläuft mehrere Stadien und ist äußerst schmerzhaft.

In manchen Fällen rei­chen die Röntgenbilder nicht aus, um den tatsächlichen Grad der Erkrankung festzustellen. Dann bietet sich eine Szintigraphie an, ei­ne nuklearmedizinische Untersu­chung, die genauere Ergebnisse lie­fert. Röntgen- und Szintigraphieauf­nahmen zeigen, wie weit die Dornfortsätze sich aufeinander zube­wegt haben. Dabei kann eine be­ginnende Veränderung, die auf der Röntgenaufnahme noch nicht zu sehen ist, in der Szintigraphie be­reits erkannt werden. Erkrankungen der Musku­latur oder Blockaden sind dage­gen für den Tierarzt, Physiothe­rapeuten oder Osteopathen zu er­tasten.

Kissing Spines auch ohne Auffälligkeiten

Die Definitionen von Kissing Spines sind leider recht unterschiedlich. „In Amerika werden Kissing Spines einfach nach ihrer eigentlichen Wortbedeutung definiert: Dornfortsätze, die sich berühren“, berichtet Tierarzt Dr. Alexander Merz von der Tierklinik Telgte.

In Deutschland gilt das alleine jedoch nicht. „Hier muss eine klinische Problematik vorliegen. Wir sagen: Kissing Spines ist definiert durch eine klinische Ausprägung mit reaktiven Engständen. Das bedeutet sich überlappende Dornfortsätze mit massiver Reaktion wie tiefe Sklerosierungen.“

Der Röntgenbefund lässt also noch kein Pferd alleine an Kissing Spines erkranken. Und er schließt auch bei massiven Befunden keinen Sporteinsatz aus. „Wir kennen viele Pferde mit ernsthaften Röntgenbefunden, die in allen Sparten hoch erfolgreich im Sport funktionieren“, betont Dr. Merz.

Dr. A. Merz - Tierklinik Telgte

Hier sieht man deutlich die Sklerosierung zweier Dornfortsätze. (© Dr. A. Merz - Tierklinik Telgte)

Symptome und Anzeichen für Kissing Spines

Doch auch die klinische Symptomatik der Kissing Spines ist mit Vorsicht zu beurteilen. Schon bei der Palpation, dem Abtasten des Rückens: „Es gibt Pferde, die haben so eine hohe Grundempfindlichkeit, dass man da nicht nach standardisierten Untersuchungsmethoden vorgehen darf. Der Tierarzt muss das Pferd in der Bewegung sehen, das Pferd als Gesamtkomplex werten. Entscheidend für mich ist, wie sich das Pferd im Rücken biegen kann, wie elastisch es ist, ob es sich nach unten dehnen kann – ein rückenkrankes Pferd kann sich nicht in die Tiefe dehnen. Das kennt man von sich selbst, wer Rückenschmerzen hat, dehnt sich auch nicht“, so Dr. Merz.

Vielfältige Symptome können auf Kissing Spines hindeuten: Steifheit des Pferdes, häufiges Umspringen in den Kreuzgalopp, gebundener Gang, Widersetzlichkeit in der Versammlung und/oder beim Rückwärtsrichten, Sattel- und/oder Gurtzwang, ein eingeklemmter Schweif, hohe Sensibilität beim Abtasten und Putzen des Rückens. Auch das Wegdrücken des Rückens beim Aufsitzen und Anreiten, Steigen, panisches Wegrennen und allgemeine Widersetzlichkeiten können – müssen jedoch kein Zeichen für Kissing Spines sein.

Haken an den Zähnen, blockierte Wirbel, diverse Lahmheiten, unpassende Sättel oder generell schlechtes Reiten können ebenfalls zu diesen Reaktionen führen.

Ein schmerzfreies Pferd mit Rückenbefund im großen Sport: Beispiel „Benni“

Nur weil die Röntgenbilder zeigen, dass es einen Rückenbefund gibt, bedeutet das nicht zeitgleich, dass ein Pferd dadurch automatisch Schmerzen hätte. Es gibt viele Beispiele, bei denen die Röntgenbilder von Pferden, die ohne Probleme laufen, eine Abweichung von der Norm zeigen. Ein prominentes Beispiel dafür ist Bantry Bay.

Er war bei den Olympischen Spielen in Sydney am Start, wurde Sechster auf der deutschen Meisterschaft und startete erfolgreich bei der Europameisterschaft in der Vielseitigkeit: Bantry Bay – für Dr. Annette Wyrwoll das „Pferd ihres Lebens“. Aufgrund seiner Rücken-Röntgenbilder mit massiven Veränderungen an den Dornfortsätzen in der gesamten Sattellage wäre er heutzutage von den meisten Kunden aussortiert worden. Doch Bantry Bay, Spitzname Benni, hatte Glück: in den Händen der Tierärztin und Pferdewirtschaftsmeisterin Dr. Annette Wyrwoll aus dem bayerischen Duggendorf formte er sich zum Weltklasse-Eventer mit Championatserfolgen. Sie hat den irischen Vollblüter systematisch aufgebaut und mit durchdachtem Training zu einem internationalen Buschcrack und dem erfolgreichstem Pferd ihrer Karriere gemacht, der auch seine Rente noch fit und glücklich genießen konnte.

Erstaunliche Röntgenstudien

Der „normale“ Reiter ist natürlich in der Regel weder Pferdewirtschaftsmeister noch Tierarzt. Und doch verlangt auch er immer öfter das Röntgen des Rückens und steht dann meist recht hilflos vor der Frage, wie die eventuell auftauchenden Befunde einzuordnen sind. Denn dass Befunde da sind, davon muss er anhand der Ergebnisse vieler Studien ausgehen.

Zu viele Studien belegen nach Dr. Schades Meinung, dass den Rücken-Röntgenbildern vielleicht zu viel Beachtung geschenkt wird. Besonderes Aufsehen erregte im Jahr 2005 die „Brunken-Studie“ des Verdener Tierarztes Dr. Gerd Brunken, bei der von 904 Pferden Reihen-Untersuchungen des Rückens durchgeführt wurden. Dabei wiesen 67,5 Prozent klinisch gesunder Pferde (also Pferde ohne jegliche Einschränkung oder Schmerzäußerung)  Änderungen vom Idealzustand auf. Bei 28,1 Prozent der Pferde traten verkürzte Abstände zwischen den Dornfortsätzen auf, bei 17,9 Prozent wurde ein Kontakt oder Überlappen festgestellt – die berüchtigten Kissing Spines, so genannt sofern sie Schmerzen verursachen.

Diese Befunde traten auch bei noch nicht gerittenen Pferden auf – je nach Alter nahmen die Befunde leicht zu. Interessanterweise stellte Brunken fest, dass in Springpferdelinien deutlich weniger hochgradige radiologische Befunde auftraten, als bei Pferden mit Dressurpedigrees.

Eine an der Uniklinik München durchgeführte Studie kommt zu einem noch extremeren Bild: Im Rahmen einer 2005 abgeschlossenen Doktorarbeit mit dem Titel „Röntgenbefunde an den Dornfortsätzen klinisch rückengesunder Warmblutpferde“ untersuchte Matilda Holmer 295 Pferde.

Bedeutung der Wirbelsäulenveränderungen

Ein Kaufinteressent eines jungen Pferdes ist selten durch Statistiken zu beeindrucken und auch der Röntgen-Leitfaden verzichtet auf das Röntgen des Rückens, sondern legt sein Augenmerk auf den Bewegungsapparat. Für den Kaufinteressenten zählt das vor ihm stehende Pferd, eine lange gemeinsame Zukunft und damit die Prognose seiner zukünftigen Gesundheit und damit „Haltbarkeit“ als Reitpferd.

Genau die ist jedoch schwierig zu geben, wie Dr. Merz betont: „Die Prognose beim Rücken ist sehr schwierig. Denn der Einfluss des Reiters ist enorm hoch und kann die Rückengesundheit des Pferd stark beeinflussen – sowohl in die positive, wie in die negative Richtung.“

Um es kurz zu sagen: Pferdegerechtes Reiten macht gesund.
 Aufzuchtfehler bewertet Dr. Merz in puncto Rücken-Röntgenbilder als vernachlässigbar. „Wir röntgen vielfach auch zweijährige Pferde, auf denen noch keiner draufgesessen hat. da liegt die zahl der Pferde mit Veränderungen zwar nicht ganz bei 70 Prozent, aber immer noch sehr hoch. Teilweise treten dort sogar bereits massive Veränderungen auf, die also nicht durchs Reiten entstanden sein können.“

Die Ursachen für Befunde am Rücken sind aber noch viel zu wenig bekannt. „Derzeit laufen sogar Studien an Fohlen und Jährlingen, ob auch bei ihnen schon Veränderungen an den Röntgenbildern des Rückens auftreten. Für uns Tierärzte ist es sehr interessant zu wissen, ab wann die Veränderungen auftauchen.“

„Beim momentanen Stand der Forschung erscheinen Rücken-Röntgenbilder durch die Aufzucht nicht beeinflussbar zu sein. Auch eine genetische Disposition kann nicht vermutet werden, da die Streuung dazu zu breit ist“, erklärt Dr. Merz. Studien, die dieses Gefühl untermauern könnten, stehen allerdings noch aus.

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Ein passender Sattel und gezieltes Rückentraining sind wichtig. (© www.toffi-images.de)

Gutes Reiten, gesunder Pferderücken

Rückengesundheit aufbauen und erhalten, gymnastizierende Ausbildung mit pferdegerechtem Erarbeiten der Losgelassenheit, immer wieder vorherrschendem Vorwärts-Abwärts-Reiten und konsequentem Aufbau einer starken Rückenmuskulatur, sind die beste Vorbeugung jeglicher Rückenproblematiken.

Beim Reiten in der Dehnungshaltung wölbt sich der Rücken auf, das vom Genick über den Hals und den ganzen Rücken laufende Nackenband zieht die Wirbel und Dornfortsätze auseinander. Das Gegenteil ist der Fall, wenn Pferde in eine Form gepresst werden, den Rücken wegdrücken, permanent in zu hoher oder nicht reell erarbeiteter Aufrichtung geritten werden.

„Dann kann es zu Stauchungen der Dornfortsätze kommen, die Muskulatur verkrampft sich immer mehr, das Pferd hält sich fest. Im weiteren Verlauf entzünden sich die Dornfortsätze. Bei anhaltender Problematik bildet der Körper als Gegenreaktion neue Knochensubstanz, die sich an den Dornfortsätzen anlagert (Sklerosierungen). Die Dornfortsätze können sich schließlich überlappen“, erklärt Pferdefachtierarzt Dr. Merz.

Eine dem Alter und  Trainingszustand des Pferdes angepasste Reitweise mit regelmäßiger Kontrolle der Passform des Sattels und genügend Ausgleich für die innere Losgelassenheit des Pferdes können Rückenproblemen am besten vorbeugen. Dazu gehört der Weidegang – beim Grasen wölbt sich der Rücken auf, das Pferd kann entspannen. „Klettertraining im Gelände, Arbeit über Stangen und Cavalettis an der Longe und unter dem Reiter sowie kleine Gymnastikspringreihen unterstützen den Aufbau der Rückenmuskulatur“, erklärt die Tierärztin und international erfolgreiche Vielseitigkeitsreiterin Dr. Annette Wyrwoll. Die Losgelassenheit muss immer im Vordergrund stehen. Auch das Training im Aquatrainer kann helfen. „Ziel der Ausbildung und des Trainings ist es, die für das Reiten wichtige Muskulatur aufzubauen, zu kräftigen und zu erhalten.“

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