Moment Mal: CHIO Aachen reloaded

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Nachdem im vergangenen Jahr nur eine Mini-Version als Dreisterne-CSI im Dressurstadion möglich war, wurde der große grüne Rasen in der Soers in diesem Jahr wieder zur Bühne von Dramen, Tränen und Triumphen.

Das CHIO Aachen 2021 ist Geschichte, man staunt ja immer, wie schnell nach der letzten Ehrenrunde und nachdem der letzte Zuschauer sein Taschentuch vom Abschiedswinken eingesteckt hat, die Aufräumarbeiten beginnen. Während die Besucher noch an den Sekt- und Bierständen Party machen, rollen im Hintergrund schon die Traktoren und fahren die Stangen und Ständer ins Winterquartier. Jeder hat es dann wahnsinnig eilig und will weg. Es ist ja auch alles gesagt und geschrieben und Pressechefin Edith hat die allerletzte Packung Kekse rausgezogen, die gefühlt in Sekunden weg waren. Nur die Fotografen müssen noch nachsitzen, bis sie ihre Hunderten von Fotos einsortiert und verschickt haben, das dauert.

Aachen 2021, es war wie immer und doch ganz anders. Es war nicht Juni, sondern September. Nicht Frühsommer mit großen Erwartungen für die kommenden Championate, kein Kampf in Aachen um die Teamplätze. Sonst wird am letzten Tag bekannt gegeben, wer mitkommt, das ist nicht nur für die Reiter spannend, sondern auch für uns, die wir darüber berichten. Diesmal war eher die Rede von dem Urlaub, nach dem sich die meisten sehnten und für den sie reif waren. Es war das Ende einer trotz Corona-Einschränkungen langen und erschöpfenden Saison, Deutsche Meisterschaften, Olympische Spiele, Europameisterschaften, für die Springreiter dazwischen noch diverse Nationenpreise und Global Champions Tour-Turniere – da war bei manchem die Luft ein bisschen raus.

Tickets nicht aus der Hand gerissen

An den Haupttagen, beim Großen Preis von Aachen, bei der Musikkür im Dressurstadion, kennt man eigentlich nur volle Ränge. Die Karten sind für diese Top-Events meist Monate vorher ausverkauft. Diesmal waren nur halb so viele Zuschauer zugelassen und es sah so aus, als ob dem Aachen-Laurensberger Rennverein (ALRV) selbst die wenigen Tickets nicht aus der Hand gerissen wurden. Vielleicht hatten auch viele Menschen keine Lust auf die Masken, die durchgehend getragen werden mussten, außer am Sitzplatz oder beim Essen und Trinken. So waren die amtlichen Vorgaben. Die strengen (und korrekten) Ordner jagten jeden Maskenmuffel.

Aber ein Turnierbesuch soll ja auch Spaß machen, und ewig dieses Ding vor dem Gesicht ist nicht gerade vergnügungssteuerpflichtig. 121.000 Menschen, ein Bruchteil der Besucher anderer Jahre, fanden diesmal den Weg in die Soers, weswegen die Sorgenfalten auf dem Gesicht von Turnierchef Frank Kempermann sich von Tag zu Tag ein wenig vertieften. Hatte man jedenfalls den Eindruck.

Campus Aachen: Hochfliegende Pläne

Aachen ist inzwischen ein riesiges Wirtschaftsunternehmen, da wird am Ende auch nachgezählt, was übrig bleibt. Die Pandemie passte gar nicht ins Konzept eines Betriebes, dessen Zeichen auf Expansion stehen. Noch größer und schöner soll es in Aachen werden. Das Stichwort heißt Aachen Campus, und das klingt ja ein bisschen nach Eliteuniversität. 365 Tage CHIO ist der Wunsch des Aachen-Laurensberger Rennvereins (ALRV). Ein weiterer Turnierplatz mit Vorbereitungsplätzen und vor allem eine neue Veranstaltungshalle in großartigem futuristischen Design sind geplant, mehr Turniere, Trainingstage, Seminare und andere Events. Die Pläne liegen schon fertig in der Schublade, nur wann sie umgesetzt werden und wer das alles bezahlt, steht noch nicht fest. Ist ja nicht ganz unwichtig, die Verhandlungen mit möglichen Geldgebern in Stadt und Land haben gerade erst begonnen.

Was schon läuft und wozu man eigentlich auch keine größere und pompösere Anlage braucht, ist die Abteilung Jugendförderung auf Topniveau, genannt das „Exzellenz Cluster.“ Zwei Ikonen des Sports, die beide in Aachen 2006 Weltmeister wurden, Isabell Werth und Jos Lansink, sind die „Head Coaches“, die mehrmals im Jahr junge Ausnahmetalente um sich scharen. Es können auch Stipendien vergeben werden. Das heißt, normalerweise kostet das Training, wieviel wollte Stefan Knopp, der Leiter des Campus-Projekts, nicht verraten: „Das verhandeln wir mit dem jeweiligen Reiter.“ Die jungen Leute kommen nicht nur aus Deutschland, sondern, so ist es angedacht, aus der ganzen Welt. Zur Zeit haben die beiden „Head Coaches“ deutsche und niederländische Reiter in ihr Programm berufen. Ein bisschen wird einem angst und bange, wenn man von den hochfliegenden Plänen hört, aber die Aachener haben ja schon öfter erstaunliche Sachen auf die Beine gestellt. Im nächsten Jahr wird man uns sicher von den Fortschritten berichten.

In diesem Jahr waren wir erst mal alle glücklich, wieder da zu sein. Wie immer wurden wir fabelhaft versorgt wie sonst eigentlich nirgendwo – jeden Mittag ein köstliches Wohlfühlmenü – und wenn man Englisch konnte, bekam man auch ein Mineralwasser an den Tisch gebracht.

Jugend prescht nach vorn

Der VIP-Glamour ist die eine Seite, aber die Hauptdarsteller sind immer noch die Pferde und Reiter. Königin im Parcours war in diesem Jahr Killer Queen, mit der Daniel Deußer am Sonntag den Großen Preis von Aachen, Teil der Rolex Grand Slam Serie, gewann. Schon vorher hatte die Stute im Nationenpreis mit zwei Nullrunden brilliert, als einziges Pferd der deutschen Mannschaft. Ein anderes Pferd noch als noch in Tokio: souveräner, ohne jede Unsicherheit flog sie durch die Soers. Daniel Deußer gehört mit seinen 40 Jahren ja wahrlich noch nicht zum alten Eisen, aber neben ihm bei der Pressekonferenz saß einer, der könnte fast sein Sohn sein, der 20-jährige US-Amerikaner, Brian Moggre, auch Doppelnull im Nationenpreis. Welch ein Talent!

Junges Blut auch auf dem Dressurviereck. Die Niederländerin Dina van Liere (31) , die Tokio verpasste, weil im Pferdepass ihres Pferdes Hermes nicht rechtzeitig der Besitzwechsel vermerkt war, und die 25-jährige Britin Charlotte Fry, die gleich vier schwarze Grand Prix-Pferde im Stall hat, die außer ihr und den Besitzern kaum einer auseinanderhalten kann, machten unseren Golddamen Isabell Werth und Jessica v. Bredow-Werndl das Leben schwer.. So ist der Sport, nichts ist forever. Wäre ja auch langweilig.

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