Olympia 2020: Der Status quo, erste Absagen, Stimmen von Reitern und FEI

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Stößt ein Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees vielleicht mit seiner Aussage zu weit vor?

Ein großes Fragezeichen hängt momentan über der Sportwelt: In 123 Tagen sollen die Olympischen Spiele in Tokio starten. Eigentlich. Denn angesichts der derzeitigen Corona-Pandemie wird nun über eine Verschiebung verhandelt. Auch einige Reiter und FEI-Präsident Ingmar de Vos haben sich bereits zu Wort gemeldet.

Bislang hatte das Internationale Olympische Komitee (IOC) noch an dem Termin für die Olympischen Sommerspiele festgehalten. Seit gestern wird nun aber ganz offiziell über eine Verschiebung nachgedacht. Auch der japanische Premierminister Shinzo Abe sagte gegenüber dem Parlament: „Es ist schwierig, Spiele unter diesen Umständen abzuhalten, wir müssen über eine Verschiebung entscheiden, wobei die Gesundheit der Athleten oberste Priorität hat.“

Die letztendliche Entscheidung liegt allerdings beim IOC, welches eine Absage grundsätzlich verneint. Dennoch wird nun darüber diskutiert, ob der tatsächliche Termin noch realistisch ist. In spätestens vier Wochen soll eine endgültige Entscheidung gefällt werden – viele Athleten und Offizielle kritisieren dies als „Hinhaltetaktik“. Ob die Sommerspiele auf den Herbst 2020, auf Sommer 2021 oder sogar auf 2022 verschoben werden könnten, steht bisher nicht fest.

Erste Absagen aus Kanada und Australien

Einige Nationen sorgen bereits für klare Fronten. So hat Kanada sich als erstes Land dazu entschlossen, nur dann Athleten zu Olympia 2020 zu schicken, wenn dieses tatsächlich verschoben wird. Diesen Entschluss hat das Kanadische Olympische Komitee auf seiner Internetseite kommuniziert. Gleiches gilt für die Paralympics. „Das ist kein Boykott“, heißt es dazu von Pressesprecher Photi Sotiropoulos. Sollte ein neuer Termin gefunden werden, würde man sehr gerne an Olympia teilnehmen.

Auch die Australier denken ähnlich. Angesichts der aktuellen Situation im In- und Ausland könne man keine Mannschaft zusammenstellen, ließ das Australische Olympische Komitee verlauten. Man gehe eher davon aus, dass es erst 2021 Olympische Spiele in Tokio geben werde.

Wie reagiert Deutschland?

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat die deutschen Sportler zu der Teilnahme an einer Umfrage aufgefordert, um zu klären, ob sie zum eigentlichen oder zu einem verschobenen Zeitpunkt an der Großveranstaltung teilnehmen wollen. Die Meinung von bereits qualifizierten Athleten zählt ebenso, wie die Meinung derer, die sich noch qualifizieren könnten. Aus verschiedenen Sportarten wurden bereits Stimmen laut, die auf ihre Teilnahme verzichten wollen, wenn der geplante Termin eingehalten wird. Der DOSB hat angekündigt,  nach der Auswertung der Umfrage die Interessen der Deutschen gegenüber dem IOC vertreten zu wollen.

Zieht die FN die Reißleine?

Nachdem heute bekannt geworden war, dass die Deutschen Meisterschaften in Balve erst im September stattfinden, hieß es zudem von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN): „Die Verschiebung der DM beeinflusst nun direkt den Sichtungsweg und die Vorbereitung unserer Reiter und Pferde auf die Olympischen Spiele.“ Dr. Dennis Peiler, Geschäftsführer des Deutschen Olympiade-Komitees für Reiterei (DOKR), sagte außerdem: „Ich habe die Ausschüsse unserer drei olympischen Disziplinen Dressur, Springen und Vielseitigkeit deshalb gebeten, intern festzulegen, wann für sie die „rote Linie“ erreicht ist, ab der keine systematische und sportfachlich vertretbare Vorbereitung und Sichtung auf Olympia mehr stattfinden kann.“

Zwar könnten die meisten Reiter auf ihren privaten Reitanlagen weiterhin ihre Pferde bewegen, aber zu einer professionellen Olympia-Vorbereitung gehörten auch entsprechendes Training und Vorbereitungswettkämpfe. „Wir sprechen jetzt also über die Frage, an welchem Zeitpunkt wir die Reißleine ziehen und sagen müssen: Wenn die Olympischen Spiele wie geplant stattfinden sollen, dann ohne uns Reiter“ so Dr. Peiler.

Das sagen die Reiter

Inzwischen haben sich auch schon viele Athleten und Athletinnen zu der Thematik geäußert. Manch einer nimmt das IOC in Schutz, andere kritisieren es scharf. Unter den Reitern gab es bislang nur wenige öffentliche Äußerungen.

Pauline von Hardenberg

Grüßen, Olympiasieger – Isabell Werth und Weihegold nach dem Grand Prix Special zum Mannschaftsgold in Rio. (© Pauline von Hardenberg)

Eine, die sich aber bereits positioniert hat, ist Isabell Werth. Die erfolgreichste Dressurreiterin der Welt und sechsfache Olympiasiegerin kritisierte: „Das ist eine unverständliche und überhaupt nicht nachvollziehbare Hinhaltetaktik vom IOC und den Japanern.“ Weiterhin hieß es von ihr: „Olympia im Juli ist unmöglich, das wissen wir alle, und ich bin sicher, das IOC und die Japaner wissen das auch und arbeiten an einer Lösung.“

Michael Jung, dreimaliger Olympiasieger in der Vielseitigkeit, hofft, dass Olympia stattfinden kann. Er sagte gegenüber dem SWR: „Das ist für jeden Athleten ein großer Traum, ein großes Ziel, da trainiert man jahrelang drauf hin. Wenn das einfach wegfällt, das ist zwar kein Weltuntergang, aber so bitter.“ Er fügte hinzu: „Im Moment hoffe ich immer noch, dass alles klappt oder dass es wenigstens verschoben wird.“

Weitere Meinungen von Sportlern aus allen Disziplinen hat die Sportschau gesammelt. Den ganzen Artikel finden Sie hier.

Statement von FEI-Präsident Ingmar de Vos

Greg Martin/IOC

FEI-Präsident Ingmar de Vos. (© Greg Martin/IOC)

Auch Ingmar de Vos, Präsident der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI) hat sich bezüglich der Corona-Pandemie und Olympia 2020 zu Wort gemeldet: „Für Athleten, ihre Teams und die Nationen, die Tokio 2020 anstreben, ist das alles eine große Herausforderung, weil ihre sorgfältig geplante Vorbereitung und das Training angepasst und verändert werden müssen. Ich weiß, dass diese Unsicherheit bezüglich der Olympischen Spiele und der Paralympics frustrierend ist. Die FEI prüft proaktiv alle Maßnahmen, die nun ergriffen werden müssen, damit alle faire und gleiche Möglichkeiten haben, um ihre Ziele zu erreichen und gleichzeitig sichergestellt wird, dass die Gesundheit und das Wohlbefinden immer an erster Stelle stehen.“

Zwar hätten die Reiter – im Gegensatz zu anderen Sportarten – bereits alle Qualifikationsturniere für Olympia absolviert, dennoch müsse man nun flexibel bleiben. Dabei gehe es unter anderem darum, neue Termine für abgesagte Veranstaltungen zu finden, aber auch gegebenenfalls den Zeitrahmen für die zu erbringenden Mindestanforderungen in den einzelnen Disziplinen zu verlängern. Die grundsätzlichen Voraussetzungen für einen Start bei Olympia wolle man aber nicht ändern.

„Wir überwachen jeden Aspekt unseres Sports und greifen ein, wo es notwendig ist, um die nationalen Verbände, Organisatoren, Athleten, Offiziellen und die gesamte Reitsport-Industrie zu unterstützen. Es wird Kompromisse geben und diese werden bestimmt nicht perfekt sein. Aber wir sind absolut darum bemüht, die beste Lösung für unsere Gemeinschaft und unseren Sport zu finden – und ich glaube fest daran, dass uns dies auch gelingen wird.“

Zudem richtete Ingmar de Vos noch einmal ermutigende Worte an alle: „Resilienz, Entschlossenheit und Hingabe stehen als Synonyme für den Reitsport. An diesen Werten müssen wir nun mehr als je zuvor festhalten, um die weitreichenden Konsequenzen dieser globalen Pandemie zu überwinden.“

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