WM junge Dressurpferde 2018: Einmal mehr Stall Helgstrand

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2017 war der damals fünfjährige Hannoveraner d’Avie unter Severo Jurado Lopez bei der WM junge Dressurpferde in Ermelo noch so durch den Wind, dass bei allem Talent an eine vordere Platzierung nicht zu denken war. In diesem Jahr gab es den Titel für den Hengst aus dem Stall Helgstrand.

Severo Jurado Lopez durfte heute seine drei Longines Uhr entgegen nehmen. Die letzten beiden hatte er alle mit der Stute Fiontini gewonnen. 2017 hatte er schon um ein Damenmodell gebeten, das er dann seiner Freundin schenken wollte. Nun hat er eine in Reserve. Sollte mal eine kaputt gehen. Oder er eine neue Frau an seiner Seite haben.

Möglich gemacht hat es der Hannoveraner Fuchshengst d’Avie v. Don Juan de Hus-Londonderry (Z.: Dorothee Heitmüller). 2014 war d‘Avie Preisspitze des Hannoveraner Hengstmarkts gewesen, wechselte in gemeinschaftlichen Besitz des Gestüts Peterhof und Helgstrand Dressage. Dann übernahm Helgstrand den Hengst ganz. d’Avie zog wieder nach Dänemark. Seitdem wird er von Severo Jurado Lopez geritten. Im vergangenen Jahr sah man immer mal wieder etwas von dem Talent des Fuchses durchblitzen, aber er war so über die Uhr, dass eine Medaille weit entfernt war. Das war heute deutlich besser.

Wobei D’Avie beim Abreiten immer mal wieder durchstarten wollte. Aber Severo Lopez hielt ihn so zwischen Zügel- und Schenkelhilfen, dass der Hengst keine Chance hatte. Im Viereck kam er hingegen sogar dazu, zwischendurch immer wieder ein Überstreichen anzudeuten. Anders als die anderen Pferde aus dem dänischen Handelsstall (unter Anreas Helgstrand selbst und der Australierin Simone Pearce) sind die des Spaniers von hinten nach vorne an die Hand herangeritten. Das galt sowohl für Fiontini als auch jetzt für d’Avie.

Dabei war der Hengst zu Anfang noch sehr „passagey“ in der Trabtour, fand aber zunehmend seinen natürlichen Takt – wenngleich er in den Verstärkungen noch etwas eilig wurde. Die Richter lobten, dass d’Avie seinen Takt „fast immer“ halten konnte, 9,8.

Seine schwächste Gangart ist der Schritt – geregelt, aber im Raumgriff doch sehr begrenzt. Dafür klappte die Rückführung in Mittel- und versammelten Schritt gut, worauf die Richter heute zu Recht großen Wert legen, 8,0.

Das Highlight ist der Galopp – bergauf, rhythmisch, hoch elastisch mit viel Raumgriff, aber genauso easy wieder zurückzuführen, gab es hier nachvollziehbar die einzige 10 der Prüfung.

Aus einem solchen Grundgalopp lassen sich dann auch tolle fliegende Wechsel entwickeln. Die sind genauso viel versprechend für die Zukunft wie die Traversalen. In der nach rechts zeigte sich d’Avie zwar kurzfristig etwas instabil, aber das weite Kreuzen, der Fluss und die Kadenz lassen für die Zukunft Großes erwarten. So gaben die Richter hier ein glattes „Sehr gut“, sagten aber explizit, dass dies trotz gelegentlicher Balanceverluste geschehe. Zusammen mit der 9,5 für die Perspektive kamen Severo Jurado Lopez und d’Avie auf eine 9,26. Aber noch kamen einige Paare, darunter der Sieger der Qualifikation.

Erste WM-Medaille für Laura Strobel

von Korff

Laura Strobel und Villeneuve (© von Korff)

Das letzte Pferd des Finales war nämlich der Sieger der Qualifikation, der Rheinländer Villeneuve v. Vitalis-Dancier (Z.: Edeltraud Hähn) unter Laura Strobel, Bereiterin im Stall von Dorothee Schneider und wie diese eine, die für gutes Reiten steht. Das war auch heute nicht anders. Trotzdem hatte sie etwas Mühe, den bildschönen Fuchs vor sich zu behalten und zu verhindern, dass er ihr eng wurde. Das gelang nicht immer und das drückte die Note. Später sagte Strobel, sie habe das Gefühl gehabt, Villeneuve sei schon etwas müde gewesen nach den anstrengenden Tagen. Richter Dr. Dietrich Plewa bestätigte, das sei auch sein Eindruck gewesen. Im Trab überzeugt Villeneuve mit hohem Gleichmaß, sicherer Bergauftendenz und großer Elastizität. Dass er von hinten etwas matt wirkte, mag der oben genannten Müdigkeit geschuldet sein. Das Bild änderte sich im Galopp, die beste Grundgangart des Bundeschampionats-Dritten von 2015. Besonders die Verstärkungen und die Rückführungen waren auffällig gut – energisch und raumgreifend einerseits, durchlässig mit deutlicher Lastaufnahme andererseits. Hinzu kommen sichere fliegende Wechsel, wenngleich der zweite auch über dem Zügel war. Von den Richtern gab es für den Galopp eine 9,8 und für den Schritt die 8,8.

Im letzten starken Trab ritt Strobel noch einmal auf Risiko, hatte einen Taktfehler, den die Richter den beiden aber nachsahen. Was sie allerdings bemängelten, war die unausbalancierte erste Grußaufstellung, das Abkippen hinter die Senkrechte und die erste Traversale, in der Villeneuve kaum kreuzte. Trotzdem gab es im Bereich Durchlässigkeit noch eine 8,7 für das „schöne, ausdrucksstarke und gut gerittene“ Pferd (so die Worte von der richtenden Kommentatorin Isobel Wessels).

Die Jury hatte lange gerechnet, ehe sie die Noten bekannt gab. Zusammen mit einer 9,5 für die Perspektive („Wir haben keinen Zweifel, dass wir ihn im großen Viereck wiedersehen!“) hatten Laura und Villeneuve genau zwei hundertstel Punkte weniger als der spätere Sieger – Silber mit 9,24. Für Laura Strobel trotzdem eine Riesensache: „Ich kann das gar nicht glauben! Letztes Jahr waren wir Reservisten und jetzt sitze ich hier!“ Sie reitet Villeneuve für die Besitzerin Sissy Max-Theurer seitdem er dreijährig ist und hofft natürlich, dass sie ihn auch weiterhin auf seinem Weg begleiten darf.

Über das kleine Finale zu Bronze

von Korff

Dinja van Liere mit Hermes (© von Korff)

Gleich das allererste Pferd der Prüfung fand sich am Ende auf dem Bronzeplatz wieder: der KWPN-Hengst Hermes unter Dinja van Liere. Wie Jessica von Bredow-Werndls Shooting Star Dalera BB ist Hermes ein Nachkomme des Gribaldi-Sohnes Easy Game aus einer Mutter v. Flemmingh (Z.: G. Gijsbers). Die beiden hatten den Umweg übers kleine Finale nehmen müssen und liefen heute zu ganz großer Form auf. Ganz elastisch, durchlässig und stets im Bergauf mit guter Anlehnung zelebrierte der schicke Hengst heute seine Aufgabe und wurde mit 8,78 Punkten insgesamt belohnt (9,0 für Trab und Perspektive, 8,6 im Schritt, 8,5 im Galopp, 8,8 in der Durchlässigkeit). Dinja van Liere meinte später: „Ich bin am Freitag in der Qualifikation wohl etwas zu sehr auf Sicherheit geritten. Heute dachte ich mir, jetzt sind wir im Finale, jetzt zeigen wir auch, was wir alles können!“ Gesagt, getan. Und Dr. Dietrich Plewa freute sich: „Das zeigt ja, dass die Richter offen und ohne voreingenommen zu sein an die Sache herangehen!“

Gutes Richten, nachvollziehbares Kommentieren

Überhaupt haben die Richter in dieser Prüfung einen guten Job gemacht, nachvollziehbar kommentiert und auch deutliche Worte gefunden, wenn etwas nicht funktioniert hat, bzw. die Ausbildung auf dem falschen Weg ist. So wünscht man sich das. Anders als gestern bei den Fünfjährigen, wo es hieß, man sehe ja so viel besseres Reiten als noch vor einigen Jahren, tatsächlich aber dieses Jahr mal wieder überdurchschnittlich viele Pferde mit Spannungstritten und daraus bedingten Takt- und Balanceproblemen ihr Potenzial nicht zeigen konnten. Aber zurück zum Finale der Sechsjährigen.

Weitere deutsche Pferde

Acht der 15 Finalisten kamen aus Deutschland. Vierter wurde der Oldenburger Matchball v. Millennium-De Niro (Z.: Helga Luetje), der von seiner Ausbilderin Stefanie Wolf durchgehend in herrlicher Anlehnung und meistens mit dem Genick als höchstem Punkt vorgestellt wurde – die beiden sind „ein Team“ bestätigte Isobel Wessels den Eindruck von der Tribüne. Beeindruckend bei dem Rappen ist vor allem das aktive Hinterbein. Matchball ist ein richtiger Athlet. Absolutes Highlight: die fliegenden Wechsel. Hätte es dafür Einzelnoten gegeben, es hätte mindestens eine 9 sein müssen. Vielleicht müsste der Wallach gerade im Galopp noch mehr Last aufnehmen. Aber das kommt mit der zunehmenden Kraft. Alles in allem kam er auf eine 8,62.

Hinter dem dänischen Vorjahres-Dritten Hesselhøj Donkey Boy v. Era Dancing Hit-Milan (ZG.: Hoeck) unter Jan Møller Christensen (8,56) wurde Dorothee Schneider mit dem zweiten von drei Max-Theurer-Pferden dieses Finales Sechste: der Oldenburger Stute Sisters Act vom Rosencarree v. Sandro Hit-Royal Diamond. Die Stute ist ein gutes Beispiel dafür, wie ein Pferd durch gute Ausbildung ausdrucksvoller und schöner wird. Sie war schon Reitpferdebundeschampionesse in Warendorf und im vergangenen Jahr hier Vierte in Ermelo. Seitdem hat sie an Kraft gewonnen und ist deutlich geschlossener geworden. Ausbilderin Dorothee Schneider bekam von den Richtern höchstes Lob und ihr Pferd eine 8,54.

Mit dem dritten Max-Theurer-Pferd, dem ebenfalls in Oldenburg eingetragenen Flying Dancer v. Fürst Romancier-Sir Donnerhall (Z.: Wilhelm Hoffrogge), wurde Schneider mit einer 8,42 Siebte. Auch hier wieder: einfach schönes, altersgerechtes Reiten.

Komplettiert wurde das deutsche Aufgebot durch die Pferde auf den Plätzen neun bis elf, zwei weiteren Oldenburgern und einem Westfalen. Der erste Oldenburger war der Totilas-Sohn Total Hope, den Christine Arns-Krogmann per Embryotransfer aus Superstute Weihegold gezogen hat. Total Hope ist ein richtiger Flummi hoch elastisch und engagiert. Allerdings arbeiten die Hinterbeine mit hohen Sprunggelenken noch zu wenig unter den Körper, so dass er immer mal wieder auf die Vorhand kam. Im Schritt – der eigentlich sehr schreitend angelegt ist – hatte er Taktprobleme, das war teuer: 6,8. So wurde es trotz der 9 im Galopp insgesamt eine 8,04.

Platz zehn ging an den Vorjahres-Zweiten Ferrari v. Foundation-Hotline (Z.: Gestüt Lewitz) unter Andreas Helgstrand. Diesmal sah der über die P.S.I. Auktion für einen siebenstelligen Betrag verkaufte Hengst nicht wie ein potenzieller Medaillengewinner aus. Dass die Trabverstärkungen eilig wirkten, erklärten die Richter damit, dass der versammelte Trab nur langsam geritten wurde. Im Trab konnte der Hengst das noch kompensieren. Im Galopp kam er jedoch auf die Vorhand und verlor zunehmend den klaren Dreitakt – ebenso wie im Schritt zwischen den Pirouetten den Viertakt. So wurde es diesmal eine 7,66.

Elfter wurde der Westfalen-Hengst Backround v. Boston-Florencio (Z.: Dr. Heinrich Aretz) unter Ann-Christin Wienkamp, die den schicken Dunkelfuchs für die Hengsthaltung Becks vorstellte. Die beiden zeigten eine ansprechende Runde ohne große Patzer. Allerdings müsste der Hengst insgesamt mehr unter den Schwerpunkt arbeiten und deutlicher Last aufnehmen, 7,64.

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