Der Aktivstall: Wie Pferde wohnen wollen

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Ein Aktivstall bietet viel Komfort für Pferd und Reiter. (© www.slawik.com)

Das Modell Aktivstall erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Gut für die Pferde! Die Vor-, aber auch Nachteile im Überblick.

Für die meisten Pferde ist der Aktivstall ein Paradies – 24 Stunden an der frischen Luft, ständig mit den besten Kumpels zusammen, den ganzen Tag auf den Beinen. Das tut nicht nur der Seele gut. Häufig erledigen sich gesundheitliche Probleme wie Chronische Bronchitis etc. hier von ganz alleine. Trotzdem tut mancher Pferdebesitzer sich noch schwer mit der Entscheidung, sein Pferd in einem Aktivstall unterzubringen.

Diese Erfahrung hat auch Christian Mainzl gemacht, der im bayerischen Kastensee einen Aktivstall gebaut hat: „Ich wollte den Pferden eine möglichst tiergerechte Haltung bieten, die nicht auf Kosten des Komforts der Reiter geht“, berichtet der Pferdewirt. „Dennoch sagten in der Planungsphase viele Interessenten zu mir: Wenn wir eine Einzelbox haben, kommen wir. Mit dem Aktivstall konnten sie sich erst nicht anfreunden.“ Doch das Blatt wendete sich. „Mit Eröffnung im Sommer 2008 sind innerhalb von vier Stunden 52 Pferde im Aktivstall eingezogen. Und der zweite Aktivstall für 30 Pferde soll nächstes Jahr bezugsfertig sein“, so Mainzl.

Seine Haupt-Kundengruppe: „Jobmäßig stark eingespannte Reiter, die es zu schätzen wissen, dass ihr Pferd hundertprozentig bewegt ist, auch wenn sie mal einen Tag nicht kommen können. Und viele junge Mütter, bei denen die Zeit fürs Pferd meist auch immer knapper wird.“ Mainzl setzte von Beginn an auf großen Komfort für seine vier- und auch zweibeinigen Kunden.

Der Offenstall wird zum Aktivstall – mit allem Komfort

„Offenstall – das war früher oft mit Vorurteilen besetzt wie dreckig, matschig, ungemütlich, kein Wasser, kein Strom. Der einzige ,Umstand‘, den unsere Reiter hingegen haben, ist ihr Pferd aus dem Aktivstall herauszuholen. Danach haben sie den gleichen Komfort wie die Paddockboxen-Einstaller mit einer komplett ausgestatteten Anlage mit Halle, Außenplatz, Rennbahn, Waschplätzen und Solarium.“

Jede Stunde kann sich das Pferd an der Heu- oder Kraftfutterstation eine kleine Portion Futter abholen. Lange Futterpausen gibt es dadurch nicht. „Die Pferde verändern sich in ihrem Wesen. Man merkt, dass sich enge Freundschaften bilden und es gibt Kleingruppen oder Pferdepaare – meist nicht gleichgeschlechtlich – die alles gemeinsam machen: Schlafen, grasen, hin und her wandern. Sie wirken zufrieden und ausgeglichen“, berichtet Mainzl von seinen Beobachtungen. Verhaltensstörungen oder Problemen im Magen-Darm-Trakt wird durch diese naturnahe Haltungsform entgegengewirkt. Die Pferde können ihrem natürlichen Bewegungsdrang nachgehen und müssen nicht erst in ihren Pferdeboxen darauf warten, dass sie auf die Weide gebracht werden.

Damit so ein Aktivstall für die Pferde möglichst stressfrei funktioniert, ist jedoch ein gutes Stallmanagement erforderlich. Aus Sicht des Stallbetreibers wird der Arbeitsaufwand in einem gut geführten Aktivstall nicht wesentlich geringer: „Der Fütterungsautomat ersetzt nicht den Menschen, der kontrolliert, ob die Pferde alle zu ihrem Recht kommen“, betont Katharina von Lingen, die im niedersächsischen Osterholz-Scharmbeck seit 2006 einen Aktivstall führt.

Die Eingewöhnung neuer Pferde in den Aktivstall

Und das beginnt bei der Eingewöhnung in den neuen Pferdestall: „Bis sich bei einem neuen Pferd die Unruhe legt, können leicht drei Monate vergehen“, berichtet von Lingen. „Das kann bei vielen Aktivställen ein Problem werden, wenn dort ständig Fluktuation herrscht. Im Idealfall bleibt die Herde in ihrer Zusammensetzung auf lange Sicht zusammen, aber natürlich kann kein Pensionsbetreiber seine Kunden fesseln“, so von Lingen.

Pferdeboxen mit Paddock sind in den meisten Aktivställen zur Integration neuer Pferde mit angelegt. Dort können die Neuankömmlinge einige Tage bleiben und die Gruppenpferde kennenlernen. „Wir schauen ganz genau, welche Pferde und Besitzer wir aufnehmen. Und integrieren sehr behutsam. Wir stellen den Neuen täglich mit ein paar jeweils anderen Pferden aus der Herde in einen neutralen, nicht zum Stall gehörenden Paddock. So können sich alle unter entschärften Bedingungen kennen lernen, bevor der Neue in die Gruppe kommt“, berichtet von Lingen. Selbstverständlich muss das Pferd gesund sein, bevor es integriert wird, also vor allem frei von ansteckenden Krankheiten.

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Im Aktivstall teilt ein Futterautomat die individuelle Kraftfutterration zu. (© www.toffi-images.de)

Die richtige Gruppengröße im Aktivstall

Für ideale Gruppengrößen gibt es laut Pferdewissenschaftlerin Dr. Uta König von Borstel von der Uni Göttingen keine festen Regeln.

„Wichtig ist immer, dass die Größe und die Art der Fläche – beispielsweise Ruheinseln für rangniedrige Pferde – zusammen passen. Gerade Zahlen sind besser für die Paarbildung als ungerade. Eine große Anzahl Pferde spaltet sich oft von selbst in kleinere Untergruppen auf “, berichtet die Wissenschaftlerin. In Hinblick auf die geschlechtliche Zusammensetzung der Gruppen scheint es keine nennenswerten Unterschiede zu geben. Wobei eine Studie festgestellt hat, dass es in reinen Wallachherden weniger Aggressionen gibt, als in gemischten oder reinen Stutenherden.

Dadurch, dass die Pferde in dieser Haltungsform viel Bewegung und Kontakt zu ihren Artgenossen haben, sind sie so gut wie nie gelangweilt und ein Pferd, das koppt oder webt, gibt es kaum. Sie sind den ganzen Tag auf natürliche Weise mit ihrer Herde und der Futteraufnahme beschäftigt.

Es liegt hauptsächlich an den Einzeltieren, wie gut sich eine Herde verträgt. Und das Alter? „Eine gemischte Alterszusammensetzung dürfte generell zu stabileren Herdenverbänden und dadurch weniger Rangordnungskämpfen führen, da die Hierarchie weniger angefochten wird. Da gibt es keine Grenze von jung bis alt.

Erst wenn ein Pferd gesundheitliche Probleme hat oder altersbedingt Schwächen zeigt, von anderen verdrängt oder belästigt wird, sollte man es besser mit einem ähnlich alten oder ruhigen Pferd zusammen halten und aus dieser Herde nehmen“, rät Dr. König von Borstel. PRoblematisch kann es auch werden, wenn das Pferd noch nie in seinem Leben – auch nicht während der Aufzucht – mit anderen Pferden zusammen gelebt hat.

Gewöhnungssache: der Futterautomat

Auch bei der Gewöhnung an die Futterautomaten, die die individuelle Versorgung mit Pferdefutter sicher stellen, sollte nichts dem Zufall überlassen werden. „Es gibt Pferde, die erst mal Probleme haben, in die engen Ständer zu gehen. Wir lernen sie alle in Ruhe an, denn viele verstehen auch erst mal nicht, dass sie gegen die Abgrenzung drücken müssen, um in die Station zu kommen oder bekommen Angst, wenn das ranghöhere Pferd von hinten an den Futterstand herantritt“, berichtet Katharina von Lingen von ihren Erfahrungen.

Wenn sich die Pferde an die Futterautomaten für Heu und Kraftfutter gewöhnt haben, kommt diese Haltungs- und Fütterungsform dem natürlichen Pferdeverhalten sehr entgegen. Ausreichend soziale Kontaktmöglichkeiten sorgen mit für eine gesunde Psyche und die lange, langsame Futteraufnahme mit kleinen Portionen hilft eine futterbedingte Kolik gar nicht erst entstehen zu lassen.

Die Investitionen, die Stallbetreiber für einen Aktivstall mit computergesteuerter Fütterung, befestigten Ausläufen, separaten Funktionsbereichen plus der üblichen Reitanlage mit Halle und Außenlätzen tätigen müssen, ist nicht gering. Eine gute Kalkulation ist daher absolut notwendig – denn je nach Region sind die Boxenpreise sehr unterschiedlich angelegt. Was rund um München 400 Euro und mehr kosten darf, fällt in ländlichen Gegenden für den Pferdehalter deutlich günstiger aus.

© Info zur Verwendung von Texten der Autoren Sarah Baum, Natalie Demtrøder, Kirsten Stamer und Julia Wentscher

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