Fesselträgerschaden – und nun?

fesseltraegerschaden

Der Fesselträger ist wortwörtlich tragendes Element und starken Belastungen ausgesetzt. (© www.toffi-images.de)

Die Diagnose ist niederschmetternd: Fesselträgerschaden – das heißt zumeist mindestens ein halbes Jahr Auszeit. Und im Hinterkopf bleibt die bange Frage: Was ist dran an der Weisheit, „einmal Fesselträger, immer Fesselträger“?

Mal ist das Bein dick geschwollen, heiß, pochender Pulsschlag ist zu fühlen und das Pferd zuckt bei Berührung zusammen. Dann wieder ist das Pferd „etwas lahm“, läuft sich „irgendwie“ ein, ist aber nicht hundert Prozent lahmfrei, wobei glasklare Beine auf keinerlei Probleme hindeuten. Die Diagnose kann bei beiden Fällen dieselbe sein – ein Fesselträgerschaden.

Fesselträgerschaden – Sehnenschaden des Pferdes

Das Gebilde, das zwischen Vorderfußwurzel-, bzw. Sprunggelenk und Pferdehuf verläuft , ist für Mediziner der Musculus interosseus medius.

Der Fesselträger ist aber kein Muskel, sondern eine Struktur, die „mehr Sehne und Band ist, mit einigen muskulären Anteilen, die sich im Verlauf der Entwicklung des Pferdes weitestgehend zurückgebildet haben“, sagt Dr. Matthias Niederhofer von der Tierklinik Telgte.

Er bevorzugt den deutschen Begriff, weil dieser die Funktion der sehnigen Struktur genau beschreibt. „Ein Komplex, der die Fessel trägt“, quasi der Fesseltrageapparat.

Ohne Fesselträger würden, vereinfacht gesagt, beim Abfußen Fessel und Huf unterm Fesselkopf herunterhängen. Im Stand würde dann auch der Fesselkopf, an dessen Rückseite das Fesselringband verläuft, den Boden berühren. Probleme im Bereich des Fesselringbandes können durch das sogenannte Fesselringbandsyndrom hervorgerufen werden.

Sehnengewebe zählt aufgrund seiner schlechteren Durchblutung grundsätzlich zu den Bereichen im Körper, die – wenn sie erst einmal verletzt sind – tendenziell schlechter heilen als Muskelgewebe. Dass immer häufiger die Diagnose „Fesselträgerschaden“ gestellt wird, liegt an der in den vergangenen 15 Jahren stark verbesserten Medizintechnik.

Lahmheiten, deren Ursachen früher nicht wirklich zu benennen waren, lassen sich durch präzisere diagnostische Verfahren (Röntgen, Ultraschall) jetzt besser darstellen. Bei Pferden, die in den 80er-Jahren noch als unerklärbar lahm galten, würde heutzutage wohl auch häufiger die Diagnose „Fesselträger“ lauten.

Belastung des Fesselgelenks im Fokus

Probleme am Fesselträger können bei allen Pferden auftreten, unabhängig vom Alter oder der Verwendung. Allerdings sind es nach Niederhofers Beobachtungen etwas häufiger Dressurpferde, die in die Klinik kommen.

Ungefähr 60 Prozent sind an den Vordergliedmaßen erkrankt. Es wird diskutiert, ob der Anstieg von Fesselträgerschäden auch züchterisch bedingt ist. „Pferde mit überdimensionierten Bewegungsabläufen haben ein höheres Risiko“, ist sich der Praktiker aus Telgte sicher.

Trabverstärkungen und Seitengänge zählen zu den Lektionen, bei denen der Verschleiß am größten ist. „Wenn dann noch lange Fesselungen, wie sie heute häufig anzutreffen sind, hinzukommen, sind das Faktoren, die Fesselträgererkrankungen in gewissem Maße begünstigen.“

Niederhofers einfache Strategie zur Gesundhaltung: „Weniger Mitteltrab.“ Runde um Runde im starken Trab, das greift den Körper an. Bei den Seitengängen kommen die Scherkräfte hinzu. Das Pferd tritt nicht plan auf, sondern im Auffußen rollt die Hufsohle quasi seitlich ab – eine Höchstleistung für den gesamten Fesseltrageapparat. Pferde aus dem letzten Jahrhundert, mit steiler, kurzer Fesselung, waren deutlich stabiler.

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Ca. 60% aller Fesselträgerschäden betreffen die Vorderbeine. (© www.toffi-images.de)

Vom Fesselträgerursprung zum Gleichbein

Ausmaß und Ort eines Fesselträgerschadens können unterschiedlich ausfallen – immerhin misst die Sehne zwischen 20 und 30 Zentimeter. So kann der Fesselträgerursprung, also die Stelle, an der das Sehnen- bzw. Muskelgewebe an den Knochen angeheftet ist, betroffen sein. Oder in der Sehne haben sich Löcher gebildet.

Der Fesselträger teilt sich oberhalb der Gleichbeine und führt links und rechts dieser Knochen vorbei. Die Gleichbeine sind funktionelle Bestandteile des Fesseltrageapparates, ihre Hinterfläche dient den Beugesehnen als Gleitfläche, die Vorderfläche ist Teil des Fesselgelenkes, die Fesselträgerschenkel setzen an den Gleichbeinen an. Ein neuralgischer Punkt.

Treten hier Probleme auf, „ist das nicht schön“, gibt sich Tierarzt Niederhofer skeptisch. Weniger als die Hälfte von Erkrankungen in diesem Bereich haben Chancen auf Ausheilung.

Diagnose der Sehnenverletzung am Pferd

Am Anfang steht die Standard-Lahmheits-Untersuchung: Vortraben auf festem und weichen Boden, auf gerader und gebogener Linie, Beugeprobe, gegebenenfalls längeres Longieren. Auch ein Pferd, das erst nach längerem Longieren zu lahmen beginnt, kann Probleme am Fesselträger oder bereits einen handfesten Fesselträgerschaden aufweisen.

Es gibt viele Krankheitsbilder, die sich mitunter gegensätzlich äußern: Einer „tickt“ zu Beginn und läuft sich ein, bei dem anderen setzt die Lahmheit erst mit fortschreitender Bewegung ein.

Unterschiede gibt es im Diagnoseverfahren: Ist das Bein geschwollen, entfällt eine Anästhesie (systematisches Betäuben der Beinregionen), um die Schmerzquelle zu lokalisieren. Dann wird der Tierarzt sofort zum Ultraschallgerät greifen, um das Sehnengewebe näher zu betrachten.

Ohne Schwellung wird anästhesiert, dann geröntgt, um den Zustand von Griffel- und Gleichbeinen bzw. des Fesselträgerursprungs einschätzen zu können und dann kommt wieder der Ultraschall ins Spiel, um herauszufinden wo genau der Fesselträgerschaden sitzt.

Leichte Verletzung oder gar Sehnenentzündung des Pferdes?

Reizung? Zerrung? Entzündung? Der Pferdebesitzer möchte es gerne genau wissen.

Dr. Matthias Niederhofer: „Es gibt keine wissenschaftlichen Definitionen, wo eine Reizung aufhört und eine Zerrung beginnt. Ich persönlich würde vielleicht bei einer minimalen Beeinträchtigung ohne deutlich erkennbare Schädigung von Sehnenfasern von einer Reizung sprechen, bei etwas stärkeren Symptomen dann von einer Zerrung.

Entzündungen treten grundsätzlich auf, als Reaktion des Körpers. Einfacher sind wirkliche Sehnenschäden mit deutlich darstellbaren Sehnenfaserrissen zu beschreiben. Diese können sich randständig, diffus verteilt oder als Loch in der Mitte (so genannte „Core lesion“) darstellen. Ein Loch in der Sehne, umgeben von gesundem Gewebe, das ist ein handfester Sehnenschaden und entsprechend zu therapieren.“

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Bei Seitswärtsgängen wird der Fesselträger besonders beansprucht. (© www.toffi-images.de)

Stammzellentherapie gegen den Sehnenschaden

In diesem Fall injiziert Niederhofer Stammzellen. Sie lassen an der Stelle des Schadens neues Gewebe entstehen. Die Therapie setzt sich immer mehr durch, ist allerdings recht teuer. Nach frühestens zwölf Monaten ist das Pferd wieder voll einsatzfähig. Trotz guter Erfahrungen in der Praxis steht der wissenschaftliche Beweis, dass die Stammzellentherapie das Maß aller Dinge ist, noch aus.

Eine Studie zur Stammzellentherapie bei Fesselträgerschäden konnte eine schnellere Heilung nicht belegen. Die Tierärztin Dr. Christina Becker, Initiatorin der Studie, sagt: „In den meisten Fällen setzt die Therapie mit Stammzellen zu spät ein, andere Behandlungsformen wären sinnvoller.“

Eigenbluttherapie – PRP beim Pferd

Manchmal zeigen sich bei der Ultraschalldiagnose diffuse Veränderungen an der Sehne, viele kleine Löcher. In diesem Fall ist für Niederhofer die PRP-Methode, bei der thrombozytenreiches Blutplasma die Heilung ankurbelt, die Therapie der Wahl. Bestimmte Wachstumsfaktoren in dem aus Eigenblut gewonnenen Plasma greifen dann im Körper in biologische Steuerungsprozesse ein – regenerieren, aber zügig!

Der vermeintliche Zeitgewinn, der als Vorzug dieser Behandlungsformen gilt, kann in der Praxis nicht bestätigt werden. „Der Vorteil liegt vielmehr darin, dass weniger Narbengewebe bei der Heilung entsteht und die neuen Sehnenstrukturen haltbarer sind, als das bisherige Therapieformen bewirken konnten“, erläutert Dr. Niederhofer.

Trotzdem will Niederhofer diese Möglichkeiten der Behandlung bei Fesselträgerschäden nicht ins Abseits schieben. Sowohl die Injektion von Hyaluronsäure, als auch von Präparaten in denen Glykosaminoglykane, Baustoffe von Knorpel und Gelenkflüssigkeit enthalten sind, haben gute Ergebnisse geliefert.

Stoßenwellentherapie beim Fesselträgerschaden

Wenn die Erkrankung am Fesselträgerursprung ermittelt wurde, dort wo der Fesselträger an den Knochen anhaftet (Insertion), empfiehlt der Tierarzt aus Telgte die Stoßwellentherapie. Hierbei werden Schalldruckwellen ins Gewebe geschickt.

Ursprünglich wurde diese Behandlung zur Zertrümmerung menschlicher Nierensteine eingesetzt. Die Stoßwelle setzt Gewebshormone frei, die den Stoffwechsel des Knochens positiv beeinflussen. Schwache Stellen an der Insertion werden auf diese Art und Weise regeneriert.

Chronischer Sehenenschaden beim Pferd

Wenn ein chronischer Fesselträgerschaden vorliegt, muss dennoch operiert werden. Es kommt vor, dass die bei der Heilung der Sehne entstehenden Vernarbungen von innen gegen das stabilisierende Gewebe, die sogenannte Faszie, drücken und Schmerzen verursachen.

Bei der sogenannten Fasziothomie wird dieses stramme Gewebe, das unterhalb der Haut liegt, durchtrennt. Der Druck wird dadurch aufgehoben, äußerlich bleibt eine deutliche Verdickung am Bein zurück.

Liegt der Ursprung des Problems an der Insertion, kann ein lokal begrenzter Nervenschnitt das Pferd von seinen Schmerzen befreien. Ein Einsatz im Turniersport ist dann allerdings nicht mehr möglich.

Antrainieren nach der Behandlung des Fesselträgerschadens

Ruhe ist bei allen Sehnenschäden oberste Bürgerpflicht. Das heißt aber nicht 24 Stunden Haft in Pferdeboxen. „Strikte Boxenruhe ist nur für deutlich schrittlahme Pferde angesagt.“ „Kontrollierte Schrittruhe“ empfiehlt Niederhofer: Auf hartem, vor allem aber ebenen Boden, sollte das Pferd im Schritt geführt werden.

Besser mehrmals am Tag kürzere Zeiteinheiten. Das kommt auch der Psyche des Pferdes entgegen. Trotzdem kommt man selten umhin, die Pferde mit der Gabe von Beruhigungsmitteln vor sich selbst zu schützen. Ein unkontrollierter Satz oder eine dumme Bewegung kann schon ausreichen, um den Erfolg wochenlangen Schrittführens zunichte zu machen.

Schritt führen auf hartem Boden

Drei Monate Schrittführen, danach – „wenn alles tiptop aussieht“ – drei Monate vorsichtig wieder antrainieren. Die Betonung liegt auf „vorsichtig“. Woche für Woche soll der Reiter fünf Minuten mehr traben, jeweils gleich viel auf beiden Händen. Erst nach sechs Wochen kommt der erste Galopp hinzu.

Gebogene Linien – Keine Sorge

Niederhofer ist kein Freund von der Panik vor gebogenen Linien. „Wichtig ist, dass das Pferd locker und entspannt, ruhig untertourig und primär auf geraden Linien trabt. Permanentes Durchparieren vor jeder Ecke ist dem Heilungsprozess aus meiner Sicht nicht zuträglich. Wendungen wie kurze Seiten und auch Zirkellinien stellen keine Probleme dar.“ Es wisse doch jeder, wie schnell Pferde „heiß“ würden, wenn man sie immer wieder aus dem Tempo herausnimmt. „Deswegen ist durchparieren kontraproduktiv.“

Vorsicht bei Trabverstärkungen und Seitengängen

Erst am Ende des Antrainierens sollten Trabverstärkungen und Seitengänge wieder ins Programm aufgenommen werden. Wenn das Bein geschwollen ist, kann der Pferdebesitzer durch Kühlen (mit Wasserschlauch, Gels oder Pasten) seinem Tier helfen. Auch Stallbandagen sind bei Schwellungen, nach Rückfrage mit dem Tierarzt, sinnvoll: „Bei akuten Schwellungen wird so das Ödem zurückgehalten – die Umgebung der Schwellung wird nicht so stark in Mitleidenschaft gezogen.“

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Beim gewohnten Eisen bleiben – Spezialbeschläge können manchmal eher problematisch statt hilfreich sein. (© Picture-Factory - Fotolia)

Spezialbeschlag beim Fesselträgerschaden

Einem speziellen Beschlag beim Fesselträgerschaden zur Unterstützung des Pferdes steht Niederhofer kritisch gegenüber: „Eier- oder Rundeisen galten lange als das Maß aller Dinge, Untersuchungen haben aber ergeben, dass sie funktionell gesehen vor allem im weichen Boden den Fesseltrageapparat oft eher be- als entlasten.

Durch diese Hufeisen stehen die Pferde hinten etwas höher, man möchte aber den gegenteiligen Effekt, weswegen ich verbreiterte Zehenteile bevorzuge. Das entlastet den angegriffenen Fesselträger.“ Niederhofer führt an, dass viele Pferde mit den neuen Beschlägen zunächst nicht so gut zurecht kämen. Unsicheres Auffußen ist aber genau das, was der Tiermediziner vermeiden möchte. „Hinten habe ich sie am liebsten barfuß.“

Gerne möchten Pferdeliebhaber die Patienten auch mit speziellem Futter unterstützen. Das Angebot von Nahrungsergänzungsmitteln, die Stoffe enthalten, wie sie in Gelenk und Sehne vorkommen, etwa Glucosamine, ist groß. Ihr positiver Einfluss auf Heilungsprozesse in diesem Gebiet ist allerdings nicht eindeutig belegt.

Und dem Fiasko Fesselträger vorbeugen?

Es gibt kein Patentrezept. Aber es gibt ein paar hilfreiche Verhaltensregeln. Über allen steht: Reite dein Pferd schonend!

„Wenn es traben kann, dann muss ich nicht unentwegt Trabverstärkungen üben.“  Vorsicht Boden: Wenn das Viereck einem „Acker“ gleicht, meiden Sie es. Versteckte Löcher und Stangen, auf die Pferde treten, sind häufig Auslöser für Fesselträgerprobleme.

Andererseits müssen Pferde lernen, auch jenseits des perfekt glatt gezogenen Hallenbodens zu laufen. Mal querfeldein reiten, das Pferd dazu bringen, mit sich und seinem Körper umzugehen, auch mal unplan aufzutreten – das trainiert den Bewegungsapparat.

Und die Weisheit, wonach „einmal Fesselträger, immer Fesselträger“ bedeutet, wird abgelegt. Unter A wie Ammenmärchen.

 

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