Wandern wie ein Wildpferd im „Paradise Paddock Trail“

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Für einen perfekten Überblick im Paddock Trail sorgt eine Viewing Plattform (© www.slawik.com)

Bei einem „Paddock Trail“ bzw. „Paddock Paradise“, läuft ein Wanderweg vom Stallpaddock aus im Rundkurs am Rand der Weide entlang. Er führt um die Weidefläche außen herum und dann wieder zum Paddock zurück. Für die Pferde ein natürlicher Wanderweg.

„Paddock Trail“ oder „Paddock Paradise“ – klingt paradiesisch, hat aber nichts mit Cocktails schlürfen unter Palmen zu tun. Hier ist ein Paradies für Pferde gemeint, eine Form der Pferdehaltung, die sich am Alltag der Mustangs in Nevada orientiert: viele Futterstellen, die zum Wandern anregen, eine Schwemme für heiße Sommertage und rund um die Uhr Kontakt zu den Kumpels.

Die Idee des Paddock Trail

Das Konzept Paddock Trail oder auch Paddock Paradise ist ein Offenstallkonzept, das der Amerikaner und ehemalige Hufschmied Jamie Jackson entwickelt hat. „Die Einrichtungen, die üblicherweise im Stallgebäude oder auf dem Paddock angeordnet sind, werden hier auf einen Rundkurs verlegt“, erläutert Diplom-Ingenieur Romo Schmidt, Autor des Buchs Pferde artgerecht halten. Strohraufe, Heufressstände, überdachter Mineral- und Salzleckstein, Wälzplatz und Hufschwemme sind Teil des Rundwegs und ergänzen die sogenannte Viewing-Plattform in der Mitte.

Der Erfinder des Paddock Trail, Jamie Jackson, folgte über mehrere Jahre Wildpferden in Nevada auf ihren Wanderungen und war fasziniert von deren Gesundheit. Jackson hat ihre
 Gewohnheiten untersucht
 und seine Beobachtungen 
auf die Haltung der Hauspferde übertragen. Er ist
 überzeugt, dass Reitpferde durch die Haltungsbedingungen in Pferdeboxen faul, neurotisch und schwach werden und damit anfällig für Lahmheiten und Atemwegserkrankungen. Er hat die Erkenntnis gewonnen, dass es den Pferden geistig und körperlich nur dann gut geht, wenn sie ständig frei in Bewegung sind.

Der Paddock Trail bietet die optimale Lösung. Er ist einfach umzusetzen und simuliert eine natürliche Umgebung mit unterschiedlichen Bereichen, quasi die „Steppe light“. Im Gegensatz zur reinen Haltung im Pferdestall mit täglichem Auslauf, werden die Pferde angeregt, sich ständig zu bewegen und sie bauen Sozialkontakte im Herdenverband auf. So sind die Knochen und Gelenke jederzeit einsatzbereit. Das Pferd ist für einen sportlichen Einsatz optimal vorbereitet und auch die Aufwärmphase beim Reiten wird dadurch wesentlich verkürzt.

So funktioniert der Paddock Trail

Hauptbestandteil des Paddock Trail bzw. Paddock Paradise ist ein Pfad, der als drei bis zehn Meter breiter Streifen außen um die verfügbare Fläche herumgeführt wird und die Wanderrouten der Wildpferde simuliert. Dabei wird vor allem Heu an möglichst vielen Stellen angeboten, da es den Hauptanreiz für Bewegung liefert. Nach Jackson sollten viele kleine Minihaufen auf dem Pfad verteilt sein. Weil unser Klima aber matschige Böden verursachen kann, wird die Heufütterung bestmöglich durch engmaschige Heunetze oder spezielle Raufen gelöst.

Mit einer Hufschwemme auf dem Rundkurs lassen sich speziell im Hochsommer trockene und rissige Hufe bewässern, während für eine optimale Hufbeschaffenheit möglichst unterschiedliche Böden sinnvoll sind. Zusätzlich kann ein Wälzplatz, bestehend aus einer Sandkuhle oder einer Sandaufschüttung, angeboten werden.

In solch einem Rundkurs eines Paddock Trail legen Pferde täglich bis zu zwölf Kilometer zurück, was Jacksons Vorstellung von einem Leben ähnlich dem der von ihm beobachteten Wildpferde nahe kommt.

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Auf dem Rundweg eines Paddock Trail sollen möglichst viele Heustationen verteilt sein (© www.Slawik.com)

Nicht für jedes Pferd geeignet

Da die Vierbeiner für die Gabe von zusätzlichem Pferdefutter meistens eingefangen und separat von der Herde gefüttert werden müssen, ist diese Haltungsform für solche Pferde, die mehr als zwei Kilogramm Kraftfutter am Tag benötigen, ungeeignet. Bei extrem leichtfuttrigen und gefräßigen Pferden ist es von Nachteil, dass die Futteraufnahme nicht kontrolliert werden kann.

Auch eignet sich ist die offene Gruppenhaltung im Paddock Trail bzw. Paddock Paradise nicht für Pferde mit bestimmten Verhaltensstörungen. Romo Schmidt erklärt: „Pferde, die durch Menschenhand und langjährige Einzelunterbringung ihr Sozialverhalten verlernt und diverse ‚Untugenden‘ wie Kreislaufen, Boxenwandschlagen, extremen Futterneid oder andere Aggressionen angenommen haben, müssen von dieser Haltung im Offenstall leider ausgeschlossen werden.“

In solchen Fällen ist die Unterbringung in einer Paddockbox mit Laufanreizen, wie einem Einzel-Raufutter- oder Kraftfutterautomaten im Außenbereich, einer Tränke mit Mineralleckstation innen und direktem Kontakt zu den Nachbarn, aber ausreichend Platz zum Ausweichen, eine gute Option. Koppt oder webt das Pferd hingegen, ist der Paddock Trail eine gute Sache!

Paddock Trail: Ein Fallbeispiel

Die Besitzerinnen von Woodstock (Woopy) und Smilla suchten eine Alternative zur Pensionspferdehaltung. Beide Reiterinnen sind Freizeitreiter mit Turnierambitionen. Ihr Ideal: mehr Bewegung und mehr Platz. Aber bitte so, dass die Reiterei nicht zu kurz kommt. Gerade für Woopy musste eine Alternative zur Boxenhaltung her. Der 1,86 Meter große Wallach ist auf einem Auge blind und musste immer alleine stehen. Sein Paddock war nicht viel größer als seine Box. 20 Quadratmeter Sand boten nicht wirklich viel Raum für Bewegung.

Ein Aktivstall war für ihn keine Alternative. Die Kraftfutterstationen sind viel zu klein für Woopy, der wegen seiner Blindheit auch 
enge Durchgänge meidet. Auf der Suche nach einer Lösung wurde Besitzerin Sabine auf
 einen Paddock Trail in Vogelsang bei Magdeburg aufmerksam. Der Paddock Trail in Vogelsang ist einer von zu diesem Zeitpunkt 14 Trails in Deutschland. Die Herde umfasst zehn Pferde, denen 3,5 Hektar zur Verfügung stehen. Die Wege rings um die Weideflächen umfassen ca. 1,5 Kilometer. Auf dem Pfad verteilt gibt es acht Heuraufen, eine Wasserstelle, Wälzplätze und einen Unterstand. Verschiedene Baumgruppen werden von den Pferden gerne als Sonnen-, Fliegen- und Regenschutz genutzt. Diese Aufteilung imitiert die Wanderrouten der Wildpferde. Laut GPS-Messungen legen die Pferde in 30 Stunden bis zu 15 Kilometer zurück.

„Eine Herausforderung war es, nach dem Bau herauszufinden, ob die Pferde auch alles so annehmen, wie wir es uns vorgestellt hatten“, erinnert sich Betreiberin Annette Strobach. Zum Beispiel bliebe die vorderste Heuraufe immer leer. Die Pferde hätten alle versucht, nur an dieser zu fressen, weil sie sehr nah an der Wasserstelle war. Streitigkeiten waren programmiert. Jetzt müssen die Pferde zwischen Heu und Wasser mindestens 500 Meter zurücklegen.

Auch die Eingewöhnung neuer Pferde musste durchdacht werden. Ein abgetrennter Paddock im vorderen Bereich war wenig sinnvoll – die Herde hält sich dort nur zum Saufen auf. Somit wurde ein Teil des Trails abgesperrt, von dem aus das neue Pferd mit einem Vierbeiner aus der Herde Freundschaft schließen kann. Ständiger Kontakt zur Herde und ausreichend Bewegung sind möglich. Nach ein bis zwei Wochen können die Neulinge komplett integriert werden.

Das Verhalten der Pferde verändert sich

Woopy und Smilla wurden nacheinander in die Herde  im Paddock Trail integriert. Beide galten immer als sehr nervös und guckig. Egal ob auf dem Platz, in der Halle oder im Gelände – gerade Woopy hat sich durch seine einseitige Blindheit mit dem gesunden Auge an allem festgeguckt, was er nicht richtig fixieren konnte. Wind und Geräusche machten ihn nervös.

Für Besitzerin Sabine wurde es zunehmend schwieriger, ihn entspannt zu reiten. Beide Pferde änderten ihr Verhalten deutlich, seit sie auf dem Trail stehen. Smilla war gerade im Gelände und 
in fremder Umgebung früher kaum zu reiten. Jetzt ist sie tiefenentspannt, geht sogar alleine auf den Anhänger und lässt sich überall entspannt reiten. Auch Turniere sind nun endlich kein Problem mehr mit der Sachsen-Anhaltiner Stute.

Die Ausritte mit Woopy sind mit früher nicht mehr zu vergleichen. Am langen Zügel im entspannten Schritt und unbeeindruckt von seiner Umgebung geht es durch Wald und Wiese – bisher war das undenkbar. Auch im Viereck ist der bis Klasse M ausgebildete Hannoveraner Wallach durchlässiger und rittiger geworden. „Er hebt endlich freiwillig seine Füße“, freut sich die Besitzerin. Auch das lernen die Pferde im Paddock Trail, wo Unebenheiten zum Alltag gehören. Positiver Effekt: Der Schritt bei beiden Pferden ist deutlich raumgreifender geworden.

Diese Form der Pferdehaltung wirkt sich positiv auf alle Pferde aus. „Wir haben hier Pferde mit Arthrose und Hufrehe. Die viele Bewegung tut ihnen enorm gut. Auch Verhaltensstörungen wie das Weben haben sich völlig verflüchtigt“, berichtet Annette Strobach begeistert. Auch andere Erkrankungen wie eine Bronchitis oder Kolik findet man hier selten.

Gute Bodenverhältnisse das ganze Jahr

Oft halten Zweifel an den Bodenverhältnissen gerade im Winter Sportreiter von dieser Haltungsform ab. Doch mit einem durchdachten System versinken die Pferde auch in den nassen Monaten nicht im Schlamm.

Alle Heuraufen sind mit Paddockplatten umgeben, ebenso Unterstand und Wasserstelle. Das Futter-Management ist in Vogelsang so abgestimmt, dass die Pferde zweimal täglich Kraftfutter bekommen und den ganzen Tag Heu zur Verfügung haben. Egal ob Freizeit- oder Sportpferd – so sind alle gut versorgt. Rundgänge und Kontrollen sichern die Gesundheit und die Versorgung der Pferde ab. Verletzungen werden schnell erkannt und behandelt.

Der Paddock Trail bzw. Paddock Paradise stellt tatsächlich eine gute Variante im Bereich der Offenstallhaltung dar. Voraussetzung ist aber, dass das Management stimmt. Dann steht täglichem Training und Turnierstarts nichts im Weg. Und wenn man mal spontan ein paar Tage Urlaub ohne Pferd genießen möchte – kein Problem, der Vierbeiner bewegt sich ja schließlich von alleine.

 

© Info zur Verwendung von Texten der Autoren Mareen Deicke und Carolin Müller

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