Selber Reiter, anderer Schimmel – zweiter Sieg für Martin Fuchs im Rolex Grand Prix von Genf

Hätte man das Schweizer Publikum im fast ausverkauften Palexpo von Genf nach seinem Wunschsieger im Rolex Grand Prix der 60. Ausgabe des CHI de Genève gefragt, die Mehrheit hätte mit Sicherheit geantwortet: Martin Fuchs oder Steve Guerdat. Ihr Wunsch ging in Erfüllung.

40 Paare waren am Start beim Höhepunkt der CHI-Jubiläumsausgabe. Darunter das Einzelolympiasiegerpaar Ben Maher mit Explosion, die am Freitag das Rolex Top Ten-Springen gewonnen hatten, Schwedens Mannschaftsolympiasieger Henrik von Eckermann auf dem Shooting Star dieser Saison, King Edward, Zweiter am Freitag, von Eckermanns Teamkollege von Tokio, Peder Fredricson, auf seinem EM-Bronzemedaillengewinner Catch Me Not S, Aachen-Sieger Daniel Deußer und viele mehr. Und eben die Schweizer Nationalhelden des Springsports, Martin Fuchs auf Mannschaftseuropameister Leone Jei und Steve Guerdat mit dem Sieger im Rolex Grand Prix von Spruce Meadows.

Parcourschef Gérard Lachat hat dem prominenten Starterfeld mit seinem Parcours Rechnung getragen. Am Ende konnte er sich auf die Schulter klopfen – die Fehler waren recht gleichmäßig verteilt an den 14 Hindernissen mit 18 Sprüngen, sechs Paare erreichten das Stechen weitere X verpassten es mit einem Abwurf. Es war allerdings alles andere als ein Spaziergang.

Der erste Umlauf

Das zeigte sich gleich zu Beginn der Prüfung. Die junge Belgierin Zoe Conter, am Samstag noch Vierte im Coupe de Genève, verzichtete auf die Fortsetzung des Parcours mit Davidoff de Lassus nachdem sie unpassend an Hindernis drei kam und dadurch die Distanz auf die dreifache Kombination nicht mehr passte. Der deutlich erfahrenere Beat Mändli entschloss sich nach drei Abwürfen von Dsarie aufzuhören.

Dann kamen Ioli Mytileneou und Levis de Muze, das Überraschungspaar von Riesenbeck, das seither in aller Munde ist. Der Beginn war großartig. Die mühelosen Sätze und der offensichtliche Ehrgeiz dieses Pferdes machte Gänsehaut. Bis zur letzten Kombination, dem vorletzten Hindernis, sah das noch nach der ersten Nullrunde aus. Doch diese letzte Linie sollte noch mehreren Reitern zum Verhängnis werden: ein mächtiger Oxer, dann auf vier Galoppsprüngen noch ein Oxer als Einsprung in die Kombination und dann eine eng gebaute Zweifache mit einem Steilsprung hinaus. Beim Einsprung 13a fiel die Stange. Dieses Hindernis sollte im Laufe der Prüfung die meisten Fehler produzieren. Am Ende kam auch noch ein Zeitfehler hinzu für die Griechin und ihren fantastischen Elvis Ter Putte-Sohn mit dem Stallnamen Porky.

Danach waren die Schweizer Zukunftshoffnungen Edouard Schmitz auf dem Holsteiner Quno, Elin Ott mit Nanu II, und Bryan Balsiger auf Dubai Bois Pinchet an der Reihe. Gerade letzterer demonstrierte eine reiterliche Meisterleistung auf dem etwas übermotivierten Dubai du Bois Pinchet. Ein bisschen Glück war auch dabei, aber bis zum letzten blieben sie fehlerfrei. Doch dieser 1,63 Meter hohe Steilsprung mit Kirschblüten-Deko (lang lebe Tokio, von wo Genf zudem noch ein weiteres Hindernis, den Tempel gekauft hatte) fiel. Ein Aufstöhnen ging durch die Reihen der Fans, die trotz der Corona-Situation noch ein Wochenende Sport genießen durften.

Es folgten mehrere gute Runden, aber keiner blieb fehlerfrei. Dann waren Henrik von Eckermann und King Edward an der Reihe. „Das wird der erste Nuller“, wurde auf den Zuschauerrängen gemurmelt. Sie sollten sich täuschen. Henrik von Eckermanns King Edward sprang wie ein Flummi, war aber etwas dicht an Hindernis 4b, dem mittleren Sprung der delikaten dreifachen Kombination. Die Stange fiel. Aus der Traum.

Das erste Paar, das fehlerfrei durch den Parcours kam, waren Darragh Kenny und der Holsteiner Cartani-Sohn Cartello. Für Kenny war das Turnier bisher eher durchwachsen gelaufen. Aber im wichtigsten Springen waren er und sein Schimmel auf den Punkt fit. Ein bisschen Glück war dabei in der letzten Kombination, aber sie brachten ihr Ergebnis ins Ziel.

Und der nächste Nuller folgte auf dem Fuße. Vierspänner-Fahrer Jérôme Voutaz sagte am Vormittag nach seinem dritten Platz im Weltcup, die Zuschauer seien für ihn als Fahrer wie ein fünftes Pferd. Für Martin Fuchs und Leone Jei waren sie wie ein paar zusätzliche Sprungfedern unter den Hufen. Frenetisch begrüßten die Genfer ihren Helden. Dann wurde es still im Palexpo. Leone Jei, mit dem Fuchs ja in Riesenbeck Mannschaftseuropameister geworden war, machte so mächtige Sätze, besonders über die Liverpool-Kombintion 7a und b, dass sein Reiter zu kämpfen hatte, sich nach der Landung wieder zu sortieren. Aber der ja gerade erst neunjährige KWPN-Wallach v. Baltic VDL kam nicht mal in die Nähe einer Stange. Der Palexpo tobte und Fuchs fiel seinem Sportpartner um den Hals.

Als nächstes dann der Anwärter auf den Rolex Grand Slam, Daniel Deußer mit Killer Queen. Freitag hatte der Aachen-Sieger nach dem Vorbeiläufer seiner Stute im Top Ten Springen angekündigt, nun sei er wach für Sonntag. Bis zur letzten Linie sah alles super aus. Doch am Einsprung der bereits erwähnten letzten Kombination fielen 500.000 Euro in den Sand. Vier Fehler. Aus der Traum vom Jackpot. Die halbe Million sowie die Chance, daraus eine ganze zu machen, wären zusätzlich zum Preisgeld drin gewesen für Deußer. So viel schüttet Rolex aus, wenn ein Reiter drei Grand Slams hintereinander gewinnt. Nun wird Scott Brash bis auf weiteres der bislang einzige Reiter bleiben, dem das Kunststück gelungen ist, Genf, Aachen und Spruce Meadows hintereinander zu gewinnen.

Nun ging es Schlag auf Schlag mit den großen Namen. Nach Deußer kamen die Olympiasieger und Gewinner des Top Ten Springens am Freitag, Ben Maher und Explosion W. Sie kamen super über die Liverpool-Kombination 7a und 7b und eigentlich passte es auch auf den nachfolgenden Oxer. Doch ein leichtes Touchieren brachte die Stange zum Fallen. Insgesamt wurden es acht Fehler für den Chacco Blue-Sohn und seinen britischen Reiter.

Danach wurde es wieder laut im Palexpo – johlen, trampeln, klatschen, die Genfer Zuschauer wissen, wie sie ihre Stars zu begrüßen haben. Diesmal waren es Steve Guerdat und Venard de Cerisy, als Spruce Meadows-Sieger mit der Chance auf 250.000 Euro als Bonus. Doch die beiden testeten schon an Hindernis 1, wie fest die Stangen in ihren Auflagen lagen. Es klapperte auch auf dem weiteren Weg einige Male und zweimal fiel die Stange. Aus der Traum für den Publikumsliebling.

Kent Farrington (USA) hatte seine Gazelle in den letzten Tagen geschont. Gestern stand nochmal intensive Dressurarbeit auf dem Plan. Aber gesprungen war die Stute in Genf nur wenig. Sie hatte sich die Kräfte für heute gespart. Sie ist keine Gewaltspringerin, sondern eher rational. Aber meistens trotzdem über den Stangen, so auch heute. Paar Nummer drei fürs Stechen – und eines, mit dem gegen die Uhr immer zu rechnen ist.

Bei David Will und C Vier lag eine Sensation in der Luft. Sie kamen fehlerfrei bis zum letzten Sprung. Doch hier bekamen die beiden keine Distanz. Will wollte den Cardento-Sohn zurücknehmen, doch das klappte nicht und sie mähten das Hindernis quasi nieder.

Richtig Pech hatten Christian Kukuk und Checker. Der Comme il faut-Sohn kam zu dicht an den Einsprung der dreifachen Kombination, machte einen riesigen (und fehlerfreien) Satz, der Kukuk in Wohnungsnot brachte. Kukuk verlor die Steigbügel und hing fast auf dem Hals, aber der brave Checker war so in Schwung, dass er auch noch das zweite Hindernis der Dreifachen sprang. Kukuk konnte sich gerade noch auf dem Pferd halten und den Schimmel aus der Kombination nehmen. Danach machte er noch einen Sprung, um ihm Sicherheit zu geben und hörte dann auf. Ähnlich lief es bei Frankreichs Kevin Staut und Visconti du Telman in der Kombination 7ab. Auch sie gaben auf.

Jérôme Guery mit Quel Homme de Hus und Marlon Modolo Zanotelli auf Edgar hatten beide je einen Abwurf. Max Kühners Elektric Blue P hingegen zeigte sich in absoluter Topform. Federleicht flog er über die Hindernisse, kein einziger Sprung schien den beiden Probleme zu bereiten. Was sie in der Halle leisten können, hatten die beiden ja schon in ’s-Hertogenbosch demonstriert …

Dann Laura Kraut und Baloutinue. Kraut zeigte ihrem Silbermedaillengewinner von Tokio nochmal die beiden Liverpools. Baloutinue stand wie ein Denkmal, blickte sich um und dachte erstmal gar nicht daran, sich zu bewegen. Erst nach energischer Aufforderung. Doch dann legte er los. Mit großen Sätzen flog er direkt ins Stechen, Nummer fünf.

Harrie Smolders und sein zwölfjähriger Holsteiner Cassini II-Sohn Monaco schlossen sich direkt an. Die Runde der beiden war ein Lehrstück für gutes Reiten – immer am, immer mit dem Pferd timte Smolders seine Runde so, dass er fast auf die hundertstel Sekunde die erlaubte Zeit von 79 Sekunden traf. Wunderbar anzusehen!

Scott Brash und Hello Jefferson verpassten das Stechen mit einem Abwurf. Damit stand die Zusammensetzung des Stechens fest: Kenny, Fuchs, Farrington, Kühner und Smolders.

STECHEN

Irlands Darragh Kenny und sein Olympiapferd Cartello hatten die undankbare Aufgabe, das Stechen zu eröffnen. Kenny ritt zügig ohne seinen Schimmel zu überpesen und legte fehlerfreie 43,47 Sekunden vor.

Dann Publikumsliebling Martin Fuchs mit dem erst neunjährigen Leone Jei. Mit Clooney war Fuchs der letzte Sieger dieses Springens gewesen. Nun sollte es ein anderer Schimmel richten. Aber ob der mit seinem Riesengaloppsprung und den mächtigen Sätzen schnell und wendig genug ist? Tatsächlich scheint Leone Jei einen Galoppsprung zu machen, wo andere zwei brauchen. Wenn er springt, sieht es fast so aus, als mache er einfach einen höheren Galoppsprung. Aber kann er sich auch klein machen und in den Wendungen trotzdem weiter galoppieren. Und wenn dann eine lange Galoppstrecke kommt, wie auf den letzten Oxer zu, kann Leone Jei richtig Boden gut machen. So nahmen sie Darragh Kenny und Cartello fast zwei Sekunden ab. Bei 41,54 Sekunden stoppte die Uhr.

Ein Pferd ganz anderer Machart als Leone Jei ist Kent Farringtons Gazelle. Sie scheint tausend Beine zu haben, ist flink und wendig. Tatsächlich war sie auch einen Hauch schneller als Fuchs‘ Schimmel (41,35), doch auf den letzten Sprung wurde die Stute minimal flach und die Stange fiel.

Nun kam Max Kühner, Sieger im Rolex Grand Prix der Niederlande mit diesem Pferd, dem großartigen Elektric Blue P. Auch diese beiden waren schnell und Kühner ritt eine stilistisch wunderschöne Runde. Aber den Riesengalopp von Leone Jei konnte Elektric Blue P heute nicht einholen, 42,22 Sekunden am Ende Rang drei.

Als nächstes noch einmal die USA mit Laura Kraut und Baloutinue. Der elfjährige Balou du Rouet-Sohn will sowieso schon immer etwas schneller als seine Reiterin. Das macht es in engen Wendungen nicht einfacher, den Fluss beizubehalten. So verloren sie nicht nur Zeit, sondern durch die Unstimmigkeiten auch die Distanz zum Hindernis. Zwei Abwürfe.

Und schließlich Harrie Smolders, der letzte, der den zweiten Sieg in Folge für Martin Fuchs noch verhindern könnte. Sein Monaco sprang super und fehlerfrei. Aber war 0,23 Sekunden langsamer. Enttäuschung bei Smolders, ohrenbetäubender Jubel bei den Schweizer Fans!

Fuchs hatte schon eine Ahnung, dass der Tag so enden könnte, als er den Parcours abging: „Als ich den Parcours abgegangen bin, habe ich mir den fürs Stechen gleich mit angeschaut und war sehr begeistert davon, weil ich wusste, hier kann ich Galoppsprünge auslassen. Ich wusste, dass es schwierig werden würde für meine Kollegen dasselbe zu machen, weil Leone Jei so einen großen Galopp hat. Dank dessen konnte ich die Konkurrenz richtig unter Druck setzen und ich hatte ein bisschen Glück, dass Kent Farrington einen Fehler am letzten Hindernis hatte, und dass Harrie Smolders und Max Kühner etwas langsamer waren.“

Glücklicher Fuchs, gesunder Clooney

Für Martin Fuchs dürfte dieser Sieg besonders bedeutsam sein, nachdem sein bestes Pferd Clooney, dem er die größten Erfolge seiner Karriere verdankt, ja nach einem Weideunfall nicht mehr in den Sport zurückkehren wird. Im Vorfeld des Springens erklärte Fuchs im Interview: „Der Unfall von Clooney war natürlich ein Riesenschock für mich, meine Familie und alle Menschen um uns herum. Er ist so ein besonderes Pferd. Es geht ihm viel besser. Mittwoch haben wir zum ersten Mal wieder einen Sattel aufgelegt. Am Tag zuvor hatten die Tierärzte mich angerufen und gesagt, wir sollten ihn ein bisschen mehr bewegen, damit seine Schulter sich löst und flexibler wird. Das war sehr emotional. Es war der Mittwoch, ehe wir hierher gekommen sind. Aber für alle von uns war es ein traumatischer Unfall. Wenn solche Dinge passieren, denkt man nicht an Medaillen. Das ist größer, und das ist definitiv etwas, was ich dieses Jahr gelernt habe. Es geht nicht immer nur um Ergebnisse und Business. Für mich haben andere Dinge nun einen höheren Wert, als sie es noch vor einem Jahr hatten.“ Aber gewinnen ist natürlich trotzdem schön.