Peter Thomsen: „Ich will die Deutschen noch erfolgreicher machen“

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Peter Thomsen (© Julia Rau)

Peter Thomsen war letztes Wochenende das erste Mal als neuer Bundestrainer Vielseitigkeit beim CCI5*/4* in Luhmühlen im Einsatz. Im St.GEORG-Interview spricht er über seine Trainerrolle, die Arbeit mit den Kaderreiterinnen und -reitern, Championate und Zukunftsgedanken.

St.GEORG: Sie sind lange selbst erfolgreich in der Spitze mitgeritten, jetzt stehen Sie auf einmal als Trainer am Boden – was macht den Unterschied, für Sie und die anderen?
Peter Thomsen: Der Unterschied ist gewaltig. Da ist einmal die andere Perspektive, vom Boden aus die Reiter und die Pferde zu beobachten, und zum anderen meine Erfahrungen, die ich in 30 Jahren international gesammelt habe, weiterzugeben – in der Hoffnung, dadurch einen Mehrwert, sprich bessere Leistungen, zu erreichen. Ich will sie noch erfolgreicher machen.

Einige der Reiter sind Ihre ehemaligen Teamkameraden. Akzeptieren sie Sie als derjenigen, der das Sagen hat?
Ja. Es war mir sehr sehr wichtig, dass die Reiter mich als Bundestrainer wollen. Wenn ein Trainer bestimmt wird und die Reiter nicht mitgehen, das funktioniert nicht. Das ist wie im Fußball, am Ende muss das harmonieren. Ich habe ja in den vergangenen Jahren schon Hans Melzer assistiert und immer gesagt, wenn ich der Richtige bin, vor allem auch für die Reiter, dann würde ich das gerne machen. Ich brauche das nicht für mich, um eine Position inne zu haben. Ich muss ja trotzdem erst beweisen, dass ich es kann, ich bin genauso wie als Reiter unter Druck.

Wie vereinbaren Sie Ihre Trainertätigkeit mit Ihrem Beruf außerhalb des Reitsports?
Ich bin 2019 in den sogenannten engagierten Vorruhestand gegangen: Man darf früher in Rente gehen, muss dafür ehrenamtlich arbeiten. So konnte ich Hans assistieren, ohne dass dem DOKR Kosten entstanden und das Unternehmen DHL, bei dem ich tätig war,  konnte einen jungen Mitarbeiter einarbeiten. Ich bin jetzt bei DHL ausgeschieden und habe einen ganz normalen Honorartrainervertrag mit dem DOKR.


Beschreiben Sie bitte die Situation des deutschen Vielseitigkeitssports!

Die Weltreiterspiele 2002 in Jerez waren der Tiefpunkt, keiner der sechs Reiter hat die Prüfung beendet. Ich war damals auch dabei. Da waren Hans Melzer  und Christ Bartle gerade ein Jahr im Amt und man sieht daran, wie lange es dauert, bis sich der Erfolg wieder einstellt. Man muss fünf Jahre planen, man muss jetzt schon an Los Angeles 2028 denken. Für Paris 2024 kann man vielleicht noch an ein paar Schrauben drehen, aber für LA muss man Reiter und Pferde entwickeln, neue Leute aufbauen. Es ist genau wie beim Reiten: Du musst dich um das Top-Pferd kümmern, aber auch den Nachwuchs aufbauen. Wenn du den Nachwuchs vergisst, dann bis du raus, wenn das Top-Pferd ein gewisses Alter erreicht hat. Man sieht das bei einigen Reitern, wie Michi, Ingrid oder auch Isabell Werth, die ziehen immer wieder junge Pferde nach. Nur dann haben Reiter langfristig Erfolg.

Nachwuchs in den Startlöchern

Wie ist die Lage bei den jungen Reitern?
Ich bin super zufrieden, dass Jerome Robiné als Nachwuchsreiter hier ein gutes Bild abgegeben hat, nach dem Gelände auf Platz zwei. Das macht den Etablierten etwas Druck. Konkurrenz belebt das Geschäft. Christoph Wahler lag mit einem jungen Pferd nach dem Gelände auf dem dritten Platz, mit Carjatan ist er in Richtung WM gut unterwegs, Je mehr junge Reiter und je mehr Wettbewerb, umso bessere Ergebnisse werden wir haben. Hanna Knüppel ist jetzt dabei mit einem jungen Pferd, auch andere von unseren jungen Reitern konnten sich in Szene setzen, wie Alina Dibowski, das geht dann schon in Richtung LA. Auch Malin Hansen-Hotopp ist inzwischen auf Welt-Niveau unterwegs, die alle rücken ran und das finde ich gut so.


Wie beurteilen Sie es, dass in der Fünf Sterne-Prüfung in Luhmühlen nur eine deutsche Reiterin am Start war?

Das ist sehr schade, dass in der einzigen Fünf Sterne-Prüfung in Deutschland praktisch kein Deutscher am Start ist. Vel schlimmer noch finde ich es, dass es keine langen Viersterne-Prüfungen mehr gibt, in denen sich die Reiter für Championate qualifizieren können. Viele Turniere, die früher fest im Kalender waren, gibt es nicht mehr wie Walldorf, Achselschwang, Rodderberg  und andere.


Wie erklären Sie sich das?

Das ist genauso wie bei den Spring- und Dressurturnieren: Es wird immer schwieriger, ehrenamtliche Helfer zu finden. Das ist ein Grundproblem der Reiterei. Gleichzeitig wird alles immer  teurer, immer aufwendiger. Die Turnierplätze, die eine entsprechende Infrastruktur haben, wie Luhmühlen, mit Tribüne, Toiletten, Strom- und Wasseranschlüssen, Lautsprecheranlagen, die haben es natürlich viel einfacher als die Veranstalter, die alles immer komplett neu aufbauen müssen. Daran werden wir uns wohl gewöhnen müssen. Die Plätze, die wir dann halten, die müssen immer besser werden mit mehreren Turnieren im Jahr. Natürlich wünsche ich mir den alten Zustand zurück, allein weil wechselndes Gelände die Pferde ausbildet, aber wir müssen ja auch realistisch bleiben. Denn wenn ein engagiertes Team, wie etwa die Familie Steinle in Achselschwang aufhört, dann ist schnell die ganze Veranstaltung weg.


Wie ist die Situation im internationalen Vergleich?

Besser als die, die Hans und Chris damals übernommen haben. Aber automatisch geht es ja auch nicht weiter. Wir haben sehr viele tolle Reiter, wir haben auch tolle Nachwuchsreiter, aber wir haben viel zu wenig Pferde. Zum Beispiel jemand wie Oliver Townend, der reitet zwei in Badminton, zwei in Burghley, zwei in Luhmühlen, zwei in Kentucky und zwei in Pau. Da kann keiner bei uns mithalten.


Sie selbst haben ja auch immer mal wieder Pferde verkauft, auch ins Ausland.

Ich habe natürlich mit dem Tag, an dem ich wusste, dass ich Bundestrainer werde, meine Zielsetzung verändert. Bis dahin musste ich für meinen Reitbetrieb, für meinen Sport in irgendeiner Weise Einnahmen generieren, um alles bezahlen zu können. Ein Turnier kostet mit drei Pferden ca. 4.500 Euro, 1.500 pro Pferd, dann kriegt man 500 Euro Gewinngeld… Irgendwo muss das Geld ja herkommen. Du kannst `ne Bank überfallen, kannst Unterricht geben. Für 4000 Euro musst du ein paar Tage in der Bahn stehen, oder du kannst halt Pferde verkaufen. Leider sind es dann auch noch die Guten, aber dann kann man auch mal Reserven schaffen, von denen man ein paar Monate die Unkosten decken kann.


Gehen Sie weiter selbst auf Turniere?

Nein, ich bin fertig mit dem Reitsport, aber ich muss natürlich für meine Tochter Pferde besorgen. Hier in Luhmühlen sind drei Pferde, die aus meinem Stall kommen. Jetzt versuche ich, die Top-Pferde in Deutschland zu halten. Aber das reicht bei weitem nicht. Briten wie Townend, Laura Collett und Piggy March sind Woche für Woche unterwegs, und unsere Reiter – außer Michi – reiten auf dem Niveau zweimal im Jahr. Da fehlt dann einfach Routine im Gelände und die Wettkampferfahrung. Das ist im Springen nicht anders: Ein Springreiter, der die Global Champions Tour reitet, der reitet dann sieben, acht Mal im Jahr ein Fünf Sterne-Springen. Wenn einer das nur einmal im Jahr macht, hat er eindeutig einen Nachteil. Mein Wunschszenario wäre, dass jeder Reiter bei den Deutschen Meisterschaften zwei bis drei Pferde auf diesem Niveau zur Verfügung hat, so wie Michi, der Highlighter für Luhmühlen hatte und Chipmunk für Aachen. Wild Wave kann Pause machen nach einer kleinen Verletzung, weil genügend Pferde da sind, die ihn ersetzen. Wenn jeder Top-Reiter zwei, drei Pferde hat, dann würden wir auch die Briten wieder schlagen können.


Woran liegt der Mangel an Top-Pferden bei uns? An der Zucht kann es nicht liegen, denn viele Reiter aus England, Neuseeland oder Australien reiten inzwischen deutsche Pferde sehr erfolgreich im Busch.
Das liegt daran, dass eine Sandra Auffarth oder ein Dirk Schrade auch mal ein Pferd verkaufen müssen, um diesen Sport zu betreiben. Oder Pferdebesitzer finden, die ihnen helfen. Ein erfahrenes Top-Pferd kostet siebenstellig und kommt fast nie auf dem Markt. Ein Vier Sterne-Pferd kostet sechsstellig.


Wie gestaltet sich die Arbeit mit dem französischen Co-Trainer Rodolphe Scherrer?

Er ist eine Koryphäe und hat die Geländebetreuung übernommen. Zur Zeit machen wir das noch zusammen, er muss ja erstmal Pferde und Reiter kennenlernen, aber in zwei Jahren soll er das selbstständig machen. Er vertritt Chris‘ Philosophie, spricht Englisch und lernt auch Deutsch. Ich denke, er ist für uns der richtige Mann.


Wie stark sind wir für die WM aufgestellt?

Wir wollen eine Mannschaftsmedaille, nachdem wir jetzt zweimal ohne Mannschaftsmedaille von Weltmeisterschaften gekommen sind. Die Briten sind schwer zu schlagen, wir werden uns mit den USA, Frankreich und Australien um Silber prügeln. Aber es darf sich um Himmels Willen kein Pferd verletzten. Und an dem Wochenende müssen wir auch ein bisschen Glück haben.

Das Gespräch führte Gabriele Pochhammer.