Zungenfehler: Wenn Pferde die Zunge herausstrecken

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Ist die Zunge in einer Dressurprüfung so zu sehen, wird es mit Punktabzügen gewertet. (© www.toffi-images.de)

Ein Zungenfehler beim Pferd ist ein ernstzunehmendes Problem. Das Pferd hat oft das Vertrauen zur Reithand und zum Reiter selbst verloren. Wer Zungenfehler frühzeitig erkennt, kann rechtzeitig gegensteuern. Das allerdings ist gar nicht so einfach.

Warum? Weil nicht nur das deutliche Herausstrecken der Zunge aus dem Maul einen Zungenfehler darstellt. Ein Zungenfehler beim Pferd wird grundsätzlich wie folgt definiert:

Ein Zungenfehler ist das nach vorne oder seitliche Rausstrecken der Zunge aus dem Maul, das mehrfache oder dauerhafte Zeigen der Zunge zwischen den Schneidezähnen, das Hochziehen oder Spielen mit der Zunge, sowie das Legen der Zunge über das Gebiss bis hin zum Draufbeißen.

Die Zunge an sich, ist dabei oft nur das Symptom. Oberste Priorität hat deshalb die Suche nach der Ursache, damit das Problem gelöst werden kann.

Ursachenforschung Zungenprobleme

Wenn dem Pferd „die Zunge heraushängt“, gilt Alarmstufe rot. Von Natur aus hat kein Pferd einen Zungenfehler. Tritt dieser aber im Training auf, ist es immer ein Zeichen des Pferdes von Anspannung, Unzufriedenheit oder Unwohlsein. „Schon beim ersten kleinen Anzeichen eines Zungenfehlers müssen beim Reiter die Alarmglocken schrillen“, warnt Grand Prix-Dressurausbilder Uwe Kröll. „Und er muss seine volle Aufmerksamkeit diesem Problem widmen.“

Die empfindliche Zunge

In den meisten Fällen ist der Auslöser eines Zungenfehlers eine zu harte Reiterhand – darin sind sich Experten, Spring- wie Dressurausbilder und Tierärzte einig. Wirkt der Reiter über die Zügel unverhältnismäßig grob ein oder hat dauerhaft eine zu feste Hand, provoziert er geradezu einen Zungenfehler. Viele Pferde versuchen dann früher oder später, sich dem Druck im Maul zu entziehen. Und das tun sie, indem sie mit der Zunge reagieren. Oft legt sich das Pferd aufs Gebiss oder beginnt die Zunge herauszustrecken. Häufig passiert das bei noch jungen Pferden. Aber auch erfahrene oder Pferde, die sehr empfindlich im Maul sind, reagieren auf diese Art auf zu viel Druck im Pferdemaul.

Warum sperrt das Pferd das Maul auf?

Zwei grundsätzliche Fragen sollte Reiter sich bei der Suche nach dem Auslöser stellen:

1. Hat das Pferd nur unterm Sattel ein Zungenproblem, aber beim Longieren (beispielsweise am Halfter) nicht?

2. Streckt das Pferd die Zunge unterm Sattel nur bei angenommenem Zügel heraus, aber nicht bei durchhängendem?

Wenn das Problem auch an der Longe und am durchhängenden Zügel auftritt, können anatomische oder gesundheitliche Gründe die Ursache sein. „Neben der reiterlichen Einwirkung kann es z. B. auch an einem Zahnproblem liegen, dass das Pferd einen Zungenfehler entwickelt“, berichtet Prof. Dr. Heidrun Gehlen, Fachtierärztin für Pferde von der Freien Universität Berlin. Solche Maulprobleme treten beispielsweise auf, wenn das Trensengebiss Kontakt zu einem Wolfszahn hat, Haken im Backenzahnbereich vorhanden sind oder das Gebiss an die Zähne stößt und Schmerzen bereitet.

Julia Rau

Das Pferd versucht durch das extreme Aufsperren des Mauls dem starken Zug und Zungendruck entgegenzuwirken. (© Julia Rau)

Unruhige Zunge

Wenn weder Reiterhand noch gesundheitliche Probleme schuld am Zungenfehler sind, kann eine unruhige Zunge auch an einer unpassenden oder falsch verschnallten Ausrüstung liegen. Das Pferd wehrt sich oder versucht sich zu entziehen. Es kaut beispielsweise ständig und übermäßig auf dem Gebiss herum, wenn es falsch verschnallt ist, weil es dann nicht an der richtigen Stelle sitzt und so das Pferd stört.

Prof. Dr. Gehlen erklärt, weshalb der korrekte Sitz und die richtige Wahl der Ausrüstung so wichtig sind: „Bei der Ursachenforschung ist außerdem die Art des Gebisses – Größe, Dicke, Länge, Material und Anzahl der Gebissstücke – entscheidend, aber auch wie die Maulhöhle des Pferdes beschaffen ist. Ein Pferd mit ausgeprägtem Gaumen, kleiner Maulspalte oder schmalem Ober- und Unterkiefer hat von vornherein wenig Platz im Maul. Da kann es schnell unangenehm werden, wenn ein Gebiss darin liegt. Durch ein eng verschnalltes Reithalfter oder eine Kandare wird der Platz im Maul noch weiter reduziert.“

Auf einen Blick: Zungenfehler bei Pferden – Mögliche Auslöser

Ein Zungenfehler beim Pferd kann viele Ursachen haben. Das Pferd legt die Zunge nur übers Gebiss oder streckt sie aus dem Maul, wenn etwas nicht stimmt. Aus diesem Grund ist es wichtig zu wissen, was die Auslöser von Zungenfehlern bei Pferden sein können, um dem Problem auf die Schliche zu kommen und es zu beheben.

Als mögliche Auslöser sollte man in Betracht ziehen:

  • Harte Handeinwirkung: Reiten „von vorne nach hinten“, absolute Aufrichtung des Pferdes durch die Reiterhand ➔ Das Pferd will sich dem Schmerz im Maul entziehen.
  • Überforderung: Körperlich und/oder psychisch
  • Fehlende Losgelassenheit: festgehaltener Rücken und blockiertes Genick ➔ zu wenig vorwärts-abwärts, fehlende Gymnastizierung
  • Unpassende Ausrüstung: (Trense, Reithalfter, Sattel) ➔ häufig zu scharfes oder unpassendes Gebiss, Kanten am Gebiss, ein zu tief angesetzter oder zu eng geschnallter Nasenriemen
  • Maul- und Zahnprobleme: Gebiss stößt an die Zähne oder Wolfszahn, Haken im Backenzahnbereich bereiten Schmerzen, die Maulspalte ist kurz, wodurch das Gebiss nah an den Schneidezähnen liegt und das Pferd leicht die Zunge darüber nehmen kann. Auch eine große, fleischige Zunge und ein enger Zungenkanal können Probleme bereiten
  • EOTRH: (Equine Odontoclastic Tooth Resorption) Schneidezähne können ausfallen oder müssen gezogen werden. Dadurch kann es sein, dass die Zunge dauerhaft heraushängt, weil sie nicht mehr von den Zähnen „gehalten“ wird.

Zungenfehler bei Pferden nicht ignorieren!

Bleibt ein Zungenfehler beim Pferd unbeachtet, setzt er sich häufig fest, so dass das Pferd die Zunge irgendwann automatisch herausstreckt – selbst, wenn die Ursachen später beispielsweise unter einem neuen Reiter, gar nicht mehr vorliegen. Das bestätigt auch der Reitmeister und internationale Springtrainer Achaz von Buchwaldt: „Eines ist jedenfalls sicher: Hat sich ein Zungenproblem über Jahre manifestiert, wird man es kaum mehr beheben können.“

Werden Zungenfehler ignoriert, sind gravierende Anlehnungsprobleme die Folge. Die Verbindung des Reiters zum Pferdemaul ist gestört, das Pferd kann durch die dauerhafte heraushängende Zunge keine ausreichende Kautätigkeit mehr entwicklen. Das ist insbesondere bei Dressurpferden, die Turniere gehen sollen, ein Problem. Das Zeigen der Zunge wird in Dressurprüfungen als Anlehnungsfehler und Rittigkeitsproblem geahndet und wirkt sich entsprechend negativ auf die gesamte Bewertung aus.

von Korff

In Dressurprüfungen wird solch ein Zungenfehler bereits als Anlehnungsfehler und Rittigkeitsproblem angesehen und fließt in die Bewertung ein – oder sollte es zumindest. (© von Korff)

„Dem Pferd hängt die Zunge raus“ – die Sicht der Richter

Schockmoment in der Dressurprüfung: Bei der Rückführung aus der Galoppverstärkung kommt auf einmal die Zunge des Pferdes zwischen den Zähnen zum Vorschein. Ein Zungenfehler! FEI-Dressurrichterin Angelika Frömming erklärt, was das Zeigen der Zunge in der Dressurprüfung für Auswirkungen mit sich bringt:

„Für das Richten eines Pferdes mit Zungenfehler in einer Dressuraufgabe gilt die Faustregel: Ist die Zunge seitlich deutlich erkennbar, wird die Lektion zunächst ohne den Zungenfehler bewertet, anschließend werden jedoch zwei Punkte abgezogen. Dabei darf die Note am Ende nie besser als Fünf sein.“ Ein gravierender Fehler also, der eine Platzierung im Normalfall in weite Ferne rücken lässt.

Außerdem macht Frömming darauf aufmerksam, dass nicht nur das Rausstrecken der Zunge als Zungenfehler gewertet wird, sondern auch eine hochgezogene Zunge oder wenn sie über das Gebiss genommen wird. In solch einem Fall ist eine Note höher als Vier nicht mehr möglich.

Der Zungenfehler in der Notengebung

Frömming erklärt weiter, dass es in der Notengebung wichtig ist, dass Abzüge für Zungenfehler nur dann gegeben werden dürfen, wenn der Richter diesen Zungenfehler auch wirklich gesehen hat. Andernfalls muss er die Lektion regulär bewerten – sozusagen ohne jegliche Vermutung. „Meistens zeigt ein Pferd nur temporär die Zunge. So kann es sein, dass beim getrennten Richtverfahren die Bewertung eines Rittes sehr unterschiedlich ausfällt, je nachdem welcher Richter den Zungenfehler wann genau erkennen konnte“, so die FEI-Richterin.

Für die Gesamtnote eines Rittes mit Zungenfehler gibt es demnach Abzüge in der Anlehnung und Durchlässigkeit des Pferdes, denn der aufgetretene Fehler muss sich in der Bewertung der Lektion, aber auch in den Schlussnoten widerspiegeln: „Dabei darf die Note für die Durchlässigkeit – Maultätigkeit und Anlehnung – nicht höher als fünf sein. Da bei den Schlussnoten ein Zusammenhang zwischen der Note für die Durchlässigkeit einerseits und der Note für den Sitz und die Einwirkung des Reiters andererseits besteht, muss sich ein wiederholter Zungenfehler auch in der Note für den Reiter niederschlagen. Eine Fünf für die Durchlässigkeit und eine Acht für den Reiter ist ein ‚No go‘!“, verdeutlicht Angelika Frömming.

Wobei sich hier einmal mehr zeigt, was es für die Dressurreiterei bedeutet, dass in internationalen Grand Prix-Prüfungen keine Fußnoten mehr gegeben werden – Ausbildungsfehler können nicht mehr gesondert geahndet, besonders gute Ausbildung nicht mehr extra honoriert werden.

Ein Mal ist kein Mal?

Im gemeinsamem wie auch im getrennten Richtverfahren gelte generell: ‚Einmal ist keinmal‘, berichtet Frömming. Beim gemeinsamen Richtverfahren führe das einmalige Zeigen der Zunge nicht zu Abzügen. Beim getrennten Richtverfahren komme es zwar in der entsprechenden Lektion zu einem Abzug, dieser Abzug finde aber keinen Niederschlag in den Schlussnoten, so die FEI Richterin.

Zungenfehler bei Pferden im Parcours

Für den Einsatz im Dressursport könnte der Zungenfehler des Pferdes also als Ausschlusskriterium gelten. Im Springsport gilt er hingegen oft als optischer Makel und bringt meist „nur“ ein Rittigkeitsproblem im Parcours mit sich. Das Pferd beißt sich beispielsweise auf dem Gebiss fest und legt sich auf die Hand. Das erschwert das Reiten von exakten Linien.

Achaz von Buchwaldt erklärt: „Beim Springreiten hat man dann durchaus die Möglichkeit, nichts dagegen zu unternehmen, sondern das Pferd einfach machen zu lassen – solange es sich optimal an den Sprung reiten lässt, muss einen die Zunge überm Gebiss nicht zwingend stören und eine sichtbare Zunge ist lediglich ein Schönheitsfehler. Grundsätzlich gilt aber: Es ist das Beste, dass es erst gar nicht so weit kommt.“

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„Optischer Makel“: Im Parcours fließt ein Zungenfehler nicht in die Bewertung ein. (© www.toffi-images.de)

Zungenfehler beim Pferd korrigieren

Zur erfolgreichen Korrektur eines Zungenfehlers sind mehrere Faktoren zu berücksichtigen und ein Zungenfehler beim Pferd kann durch das richtige Wissen und Verhalten vermieden werden. Sollte das Pferd einen Zungenfehler entwickeln, gehört dieser möglichst zügig behoben. Angelika Frömming macht deutlich, worauf es dabei ankommt: „Um ein Pferd mit einem Zungenfehler zu korrigieren, bedarf es viel Geduld, reiterliches Geschick und Feingefühl.“

Am Anfang der Zungenfehler-Korrektur: Ursachenklärung

Beim Auftreten eines Zungenfehlers sollte auch das Pferdemaul untersucht werden, da beispielsweise eine Zungenverletzung ursächlich sein kann. Beispielsweise könnte das Pferd eine dicke Zunge durch eine allergische Reaktion auf etwas aus dem Futter oder auch auf das Material des Gebisses bekommen haben. Prof. Dr. Gehlen berichtet: „Wichtig dabei ist, dass auch der hintere Zungenbereich auf Rötungen und Verletzungen untersucht wird, am besten mit einer Zahnkamera. Das ist nur mit einem Maulgatter und einer Sedierung möglich.“ Zu Beginn sollte die Ursache des Zungenfehlers geklärt werden, damit die richtigen Maßnahmen ergriffen werden können.

Der Zungenfehler als Ausrüstungsproblem?

Vermutet man die Ursache des Zungenfehlers in der Ausrüstung, so rät Richterin Frömming: „Zuerst würde ich darauf achten, dass das Gebiss korrekt liegt und der Nasenriemen korrekt verschnallt ist. ,Korrekt‘ heißt richtlinienkonform: den Nasenriemen so zu verschnallen, dass zwei Finger waagerecht zwischen Nasenbein und Nasenriemen passen.“

Das Reithalfter weiter zu schnallen und ruhig mehr Luft zu lassen, als es die Zwei-Finger-Regel besagt, empfiehlt Ausbilder Uwe Kröll. Denn so wird der Druck im Pferdemaul gelindert, was sich positiv auf das Wohlbefinden des Pferdes und auf den Zungenfehler des Pferdes auswirken kann.

Eine Frage des richtigen Gebisses

Ein weiterer entschiedener Faktor bei der Korrektur eines Zungenfehlers ist das richtige Gebiss, wie Kröll aus der Erfahrung weiß: „Bei der Wahl des Gebisses sollte der Reiter immer daran denken, dass es beim Auftrensen zwar gut im Maul liegen kann, aber wenn der Zügel angenommen wird, eventuell doch unangenehm für das Pferd sein kann. Man sollte es dem Pferd überlassen zu entscheiden, was es mag oder eben nicht.“

Dabei kann man darauf achten, ob das Pferd kaut und das Trensengebiss zufrieden annimmt. Wenn nicht, sollte man sich nicht scheuen ein anderes Modell auszuprobieren. „Will der Reiter versuchen, durch einen Gebisswechsel oder durch ein anderes Reithalfter das Zungenproblem zu beheben, sollte er immer nur eine Sache austauschen und mit der neuen Variante mindestens eine Woche lang arbeiten. Erst dann kann man wirklich abschätzen, ob es eine positive Veränderung gibt“, rät Prof. Dr. Gehlen.

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Eine passende Ausrüstung und die gefühlvolle Reiterhand ermöglichen gute Anlehnung und Rittigkeit – Zugenfehler ausgeschlossen. (© www.toffi-images.de)

Ist der Zungenfehler reiterlich bedingt?

Ist die Ausrüstung kontrolliert und für gut befunden, ist als nächstes der Reiter dran. Oft ist die Ursache eines Zungenfehlers beim Pferd auf falsche Einwirkung des Reiters zurückzuführen. Auf das Pferdemaul wird häufig zu stark eingewirkt. Springreiter Achaz von Buchwaldt, mehrfacher Sieger im Deutschen Spring-Derby und international gefragter Trainer, sagt: „Ist eine zu starke Handeinwirkung die Ursache des Zungenfehlers, braucht es viel Gefühl des Reiters, der mit extrem weicher Zügeleinwirkung dem Pferd wieder Vertrauen in die Hand geben muss. Ein Gebiss mit Zungenfreiheit kann bei der Korrektur durchaus sinnvoll sein, weil es dem Pferd mehr Platz für die Zunge bietet.“

Auf die Korrektur des Zungenfehlers ausgerichtetes Training

Sind die Ursachen behoben, kommt es nun auf ein entsprechendes Training an. Das Pferd sollte nun dem Zungenfehler entgegen wirkend geritten werden, um diesen zu korrigieren. Im Training kann es jetzt sinnvoll sein, dass der Reiter nun vorrangig darauf achten muss, das Pferd dazu anzuregen wieder zu kauen, berichtet Ausbilder Kröll. „Das schafft er über halbe Paraden, mithilfe von Übergängen und Tempounterschieden. Ganz wichtig: Auf die annehmende muss eine nachgebende Zügelhilfe folgen. Das Pferd soll wieder anfangen, die Hand zu suchen, an eine weiche Anlehnung heranzutreten und Vertrauen zur Hand aufzubauen.“

Entscheidend ist dabei das ausgeprägte Gefühl des Reiters, denn das Zügelmaß muss gleichmäßig sein und der Reiter sollte vermehrt die Unabhängigkeit seiner Hände vom restlichen Körper schulen. Er sollte gerade und im Gleichgewicht sitzen, darf nicht einseitig einwirken und muss geschmeidig in der gesamten Bewegung des Pferdes mitgehen. „Das Zusammenspiel der treibenden Hilfen und der feinen Zügelhilfen ist besonders wichtig. Außerdem muss der Reiter darauf achten, die Arbeit abwechslungsreich zu gestalten“, so Ausbilder Kröll.

Uwe Krölls Tipp zur Korrektur: „Streckt das Pferd die Zunge seitlich heraus, geschieht dies meist auf ein und derselben Maulseite. Dann kann der Reiter auf dem Zirkel reiten und bei leichter Innenstellung die Reaktionen des Pferdes beobachten, wann sich das Zungenproblem verstärkt und wann das Pferd die Zunge wieder hereinnimmt.“ Daraus lässt sich ableiten, wie der Reiter in Zukunft einwirken muss, damit das Pferd keinen Anlass mehr hat, seine Zunge herauszustrecken.

Die feine Reiterhand ist Grundbedingung

Die Bedingung für die erfolgreiche Korrektur des Pferdes ist die stetige Selbstreflexion des Reiters. Achaz von Buchwaldt spricht dabei aus Erfahrung: „Ich habe schon immer penibel auf eine ganz feine Hand beim Reiten geachtet. Sobald ich das Gefühl hatte, das Pferd könnte beginnen, mit der Zunge herumzuspielen, habe ich überlegt, was ich besser machen könnte – eine noch feinere Einwirkung, ein weicheres Gebiss oder ich habe das Training verlangsamt, bin ein, zwei Schritte zurückgegangen, um das Pferd nicht zu überfordern.“

Auch Richterin Angelika Frömming teilt diese Meinung und fügt hinzu, wie wichtig es zur Korrektur eines Zungenfehlers für das Pferd ist, dass im Training die Arbeit an der Durchlässigkeit und das Gymnastizieren des Pferdes ‚von hinten nach vorne‘ im Vordergrund stehen. „Kontraproduktiv ist es, das Maul noch mehr zuzuschnüren, um das Zungenproblem in den Griff zu bekommen.“ mahnt sie dabei. „Ein extrem zugeschnürter Nasenriemen hindert das Pferd eventuell kurzzeitig daran, die Zunge sofort wieder herauszustrecken – allerdings nur für eine kurze Zeit. Das Pferd wird sich früher oder später immer einen Weg suchen, dem Druck zu entgehen. Gewonnen hat der Reiter dadurch nichts.“ Ganz im Gegenteil, denn der Zungenfehler würde so nur verschlimmert.

In jedem Fall braucht es einen geschickten und feinfühligen Reiter, um das Problem zu beheben. Möglich ist es aber – auch wenn es mitunter etwas länger dauert. „Ein Jahr war die längste Zeit, die ich gebraucht habe, um ein Pferd mit Zungenfehler zu korrigieren“, berichtet Ausbilder Uwe Kröll. Aber geklappt hat es am Ende doch.

Hilfsmittel Zungenstrecker?

Die Meinung über Zungenstrecker oder ähnliche Hilfsmittel zur Korrektur von Zungenfehlern gehen weit auseinander. Ausbilder Kröll spricht sich strikt gegen den Einsatz solcher Hilfsmittel aus: „Von einer engeren Verschnallung des Reithalfters und von mechanischen Hilfsmitteln wie einem Zungenstrecker rate ich ab. Das hat lediglich einen kurzen Effekt, macht das Problem aber am Ende nur schlimmer.“

Auch Prof. Dr. Gehlen rät davon ab. Unlautere Methoden wie beispielsweise mit einem Gummiband die Zunge festzubinden, können auch sehr gefährlich werden. Ein Zungenstrecker aus Gummi, der übers Gebiss gestülpt wird, bereitet dem Pferd zwar keine physischen Schmerzen, ist aber ein rein symptomatisches Hilfsmittel. „Der Einsatz solcher Hilfsmittel ist nicht langanhaltend, da der Zungenstrecker das Herausstrecken der Zunge nur unterdrückt. Das Pferd wird dennoch weiterhin unter einer nicht geklärten Ursache leiden.

Zungenstrecker im Reglement des Turniersports

Der Einsatz eines Zungenstreckers ist für nationale Prüfungen in Deutschland in der Leistungsprüfungsordnung (LPO 2018) geregelt.

  • In Dressurprüfungen ist ein Zungenstrecker verboten.
  • In Springprüfungen ab Klasse M**, Teilprüfungen Gelände und Springen bei Vielseitigkeits-LP ab Klasse M, Gelände-LP sowie Jagdpferde-LP der Klasse M und S, ist nach §70 der erlaubten Gebisse IV. eine „beliebige Zäumung mit Gebiss und/oder gebisslose Zäumung mit oder ohne Reithalfter gemäß Vorbemerkung §70 zulässig.“
  • Auch in Fahrprüfungen ist ein Zungenstrecker entsprechend §71 BII2. gemäß Abbildung 49 „Erlaubte Fahrgebisse und Zubehör“ nur in Gelände-LP und Hindernisfahr-LP erlaubt.

International legt das Reglement des Weltreiterverbands FEI fest, dass ein Zungenstrecker in Springprüfungen erlaubt ist, sofern er korrekt angewendet wird: Ein Zungenstrecker mit Kopfstück muss so ins Maul gelegt werden, dass er das Wohlbefinden des Pferdes nicht beeinträchtigt. Ein Zungenband/-riemen/-schlaufe ist verboten. (2018 FEI Veterinary Regulations, Article 1046: Bandages and Tack 3. a und b und 5.).

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