Warum Steve Guerdat so besonders ist

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Gabriele Pochhammer, Herausgeberin St.GEORG (© Foto: Bugtrup, Montage: st-georg.de)

St.GEORG-Herausgeberin Gabriele Pochhammer über einen Athleten, der nicht nur besonders ist, weil er besonders erfolgreich ist. Steve Guerdat ist ein Mann mit Ecken und Kanten und handwerklichem Geschick, bei dem Pferde noch Pferde sein dürfen.

Göteborg ist Geschichte und Weltcup-Geschichte wurde auch mal wieder im Scandinavium geschrieben. Erst vier Reiter haben geschafft, was am Wochenende dem Schweizer Steve Guerdat gelang: Zum dritten Mal den Cup zu gewinnen, nach 2015 mit Paille und 2016 mit Corbinian. Das gelang bisher nur Hugo Simon, Marcus Ehning, Rodrigo Pessoa und Meredith Michaels-Beerbaum. Drei verschiedene Pferd zum Weltcup-Ruhm zu bringen, das ist vorher bisher nur Marcus Ehning geglückt. Er siegte mit Anka, Sandro Boy und Küchengirl.

Immer wieder gute Spitzenpferde zu haben, das zeichnet das wahre Supertalent aus. Zur Zeit hat Guerdat vier Pferde, mit denen er überall auf der Welt bestehen kann. Seine Nummer eins ist die schwierige Bianca, sein WM-Pferd von 2018, sie soll die Europameisterschaft in Rotterdam gehen. Und ein Championat im Jahr reicht für ein Pferd, findet Guerdat. Ich glaube, dass die Konkurrenten auch deswegen froh waren, dass der Pferdetausch beim WM-Finale abgeschafft wurde, weil keiner wirklich Lust hatte, auf dem Feuerstuhl Bianca Platz zu nehmen. Guerdat hatte hingegen in Tryon fröhlich verkündet, er hätte sehr gerne mal die anderen Pferde – Alice, Clooney und Clinta – geritten. Die WM wäre womöglich anders ausgegangen

Newcomer Alamo

Vom Weltcup-Sieger Alamo hatte man vorher nicht allzu viel gesehen. Im letzten Dezember gewann er das Top Ten Finale in Genf, wurde im März beim Hermès-Turnier in Paris Vierter im Großen Preis nach einer langsamen Runde im Stechen. Da war Guerdat im Kopf schon beim Weltcup-Finale. Der elfjährige KWPN-Wallach, ein Enkel von Bundeschampion Stakkato, ist kein typisches Guerdat-Pferd. Eigentlich ist er viel zu brav. Er sei sehr rittig, sagt sein Reiter von ihm. Nie zuvor hatte der Schwarzbraune so schwere Kurse gesehen. „Ich brauchte nur passend hinzureiten, springen musste er dann alleine.“ Alamo sei zwar einfacher als Bianca, aber ob er auch so genial sei, das vermöge er nicht zu sagen. Genies sind selten die umgänglichsten Zeitgenossen. Und der Vergleich mit dem eigenwilligen Nino des Buissonnets, dem Olympia-Goldpferd von 2012, verbietet sich sowieso: „Kein Pferd ist wie Nino.“

Nicht umsonst hat Steve Guerdat den Ruf, ein besonders Händchen für komplizierte Pferdeseelen zu haben. Er ist selbst kein Einfacher. In einem Sport, in dem die meisten nur nach den dicksten Gewinngeldern schielen, leistet er sich ein gewisses Rückgrat. Den Stall des Niederländers Jan Tops, des heutigen Chefs der Global Champions Tour, verließ Guerdat 2007 nach dreieinhalb Jahren, weil die guten Pferde immer wieder verkauft wurden. Das bot dem aufstrebenden jungen Springreiter zu wenig Perspektive. Ein siebenstelliges Angebot des Öl-Milliardärs Alexander Onischenko, für sein Legionärsteam der Ukraine zu reiten, schlug er aus, weil er die Schweizer Staatsbürgerschaft gegen die ukrainische tauschen sollte. „Ich bin Schweizer. Punkt.“

Um die Global Chamions Tour und die dazugehörige Mannschaftsserie, die Global Champions League, macht er einen großen Bogen. Das System der gekauften Startplätze ist ihm zutiefst suspekt. „Es ist gegen den Sport“, sagt Guerdat. Inzwischen besteht bei der Global Tour mehr als die Hälfte des Starterfeldes aus Leuten, die für ihren Start bezahlen. Für 2,5 Millionen Euro können sich Reiter aus best-betuchtem Hause für zwei Jahre einkaufen mitsamt einem Team, das sie sich selbst zusammenstellen. „Wie soll ich meinem Kind eines Tages erzählen, dass ich 30.000 Euro pro Wochenende bezahlt habe, nur um mitzumachen?“ sagte Steve Guerdat mal in einem Interview. „Das hat doch nichts mehr mit Sport zu tun.“ Je mehr Geld fließe, umso mehr Probleme gebe es. Er reitet lieber vor vollen Rängen in Aachen oder in ausverkauften Hallen, als vor einer Handvoll VIPs an weiß gedeckten Tischen.

Die Nummer Eins der Welt

Umso beachtlicher die Leistung, auch ohne die Weltranglistenpunkte der 20 Global Tour-Turniere die Nummer eins der Weltrangliste zu bleiben. Das gelang ihm erneut im Januar. Seine Punkte sammelt Guerdat auf anderen Fünfsterne-Turnieren, darunter im millionenschweren Rolex Grand Slam, und in Nationenpreisen. Im Jahr 2018 war er der Reiter mit den meisten Nullrunden in diesem klassischen Mannschaftsspringen.

Vor zwei Jahren hat er die Reitanlage von Paul Weier in Elgg im Kanton Zürich gekauft. Weier war der Schweizern Reiterstar des 20. Jahrhunderts: Viermal bei Olympia, zwölf nationale Titel in den drei olympischen Disziplinen – Springen, Dressur und Vielseitigkeit. Der heute 84-jährige lebt jetzt 200 Meter entfernt und freut sich daran, wie sein Stall wieder auf Hochglanz gebracht wurde. Steve Guerdat legte beim Umbau selbst Hand mit an und bewies dabei ungeahnte handwerkliche Talente. Auch die Naturhindernisse, über denen Paul Weier einst für den Busch trainierte, werden wieder benutzt. Steve Guerdat versucht, seinen Pferden so etwas wie Normalität zu gönnen. „Ich behandle meine Pferde nicht nur wie Athleten, sie müssen auch Pferd bleiben dürfen. Sie stehen schon genug im Stall und auf dem LKW.“ Sie dürfen auf die Weide, er reitet regelmäßig spazieren.

Manchmal konnte es Außenstehenden so vorkommen, als ob Steve Guerdat zu seinem Glück nicht mehr brauche als seine Pferde. „Auf dem Pferd fühle ich mich am lebendigsten. Ich liebe Pferde, ohne sie ist mein Leben sinnlos.“ Das sagte er vor mehr als zwölf Jahren. Seit anderthalb Jahren ist er mit der französischen Nachwuchsspringreiterin Fanny Skalli liiert. Heute klänge die Aussage von 2007 vielleicht ein bisschen anders.


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