EM Aachen: Hauchdünner Sieg für Charlotte Dujardin, Sensations-Silber für Kristina Bröring-Sprehe

Überraschungen hatte es schon genug gegeben bei diesen Europameisterschaften, das Drama um Totilas, der blutende Undercover, dazu kam heute noch eine weitere: Auf der Bronzeposition landete Beatriz Ferrer-Salat. Der Name der spanischen Vizeweltmeisterin von 2002 und Olympia-Bronzemedaillengewinnerin von Athen 2004 hatte schon nach dem Grand Prix die Runde gemacht, Platz fünf, im Grand Prix Special war sie Vierte. Ihr westfälischer Fuchs Delgado v. De Niro ist wie die beiden vor ihm rangierten Pferde ein Musterbeispiel für Durchlässigkeit und gutes Gerittensein. Höhepunkt ist sein Trabablauf, schwungvoll und unerschütterlich im Takt. Mit vielen Übergängen zwischen Piaffen und Passagen wusste sie diese Stärke des Wallachs zu Beginn ihres Programms gut zu unterstreichen. In den Serienwechseln bog sie von der Diagonale kommend auf die Mittellinie ab, um dann Pirouetten anzuschließen. Die Musik hat ein Freund der Reiterin aus Barcelona komponiert. Ferrer-Salat, die mit dem Aachener Ton de Ridder trainiert, war glücklich. Erst im Februar ist ihr Fuchs wieder zurück ins volle Training gekommen. In den vergangenen Jahren hatte er immer wieder mit Verletzungen zu kämpfen. „Ich bin von Klinik zu Tierarzt und zur nächsten Klinik gefahren. Er ging Turnier, war gut, dann wieder verletzt, dann wieder Turnier und gut.“ Den Teufelskreis hat sie jetzt unterbrochen. „Seit eineinhalb Jahren gibt es keine Medikamente mehr, sondern eine Masseurin und einen Chiropraktiker.“ Zwei bis dreimal pro Woche reitet sie Dressur, „ansonsten reite ich viel aus und gehe viel auf die Rennbahn.“ Während Charlotte Dujardin sagte, es sei eine lange Woche gewesen für die Pferde, plädierte Ferrer-Salat für zwei weitere Tage. „Mittwoch war ich Fünfte im Grand Prix, gestern Vierte im Grand Prix Special, heute Dritte. Und Übermorgen …“ 82,714 Prozent lautete die Bewertung. Damit lag die Spanierin 0,232 Prozent vor Isabell Werth und Don Johnson v. Don Frederico (82,482).

Das "Passage-Maschinchen" Delgado mit Beatriz Ferrer-Salat. Foto: von Hardenberg

Das „Passage-Maschinchen“ Delgado mit Beatriz Ferrer-Salat. Foto: von Hardenberg

Auch dieser Hannoveraner ging heute die beste Runde der Tage in Aachen. Als sie das Viereck verließ, sah man zunächst eine vor Freude hüpfende Bundestrainerin Monica Theodorescu und eine Isabell Werth die strahlte, und immer wieder die Siegesfaust ballte. Alles hatte in der Kür zu „Pomp and Circumstance“ von Edgar Elgar und Queens „Woman“ geklappt. Ein Höhepunkt: die 19 Einerwechsel, schnurgerade, dynamisch und sicher. „Heute ist der Tag der Tage“, sagte Isabell Werth, „ich glaube, Johnny ist heute die Prüfung seines Lebens gegangen.“ Und er war mit einer konzentrierten Pilotin im Viereck unterwegs: „Heute waren meine Gehirnzellen alle dabei.“

"Ich hätte auch noch mehr als 19 machen können" – Isabell Werth nach ihrem Ritt über ihre fantastischen Einerwechsel. Foto: von Hardenberg

„Ich hätte auch noch mehr als 19 machen können“ – Isabell Werth nach ihrem Ritt über ihre fantastischen Einerwechsel. Foto: von Hardenberg

Trauer, dass nichts aus Bronze geworden ist? Bei Werth war das nach diesem Ritt eigentlich kein Thema, selbst als noch alles offen war. „Ich glaube, wir können an Bronze kratzen. Aber auch wenn es nichts wird, diesen Moment nimmt mir keiner. Das ist mit einer Medaille fast nicht aufzuwiegen.“

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  1. Sascha Schlede

    Lieber Herr Tönjes,
    Ihre Leser schätzen Sie wegen Ihrer kompetenten Berichterstattung. Jedoch den 40.000 Zuschauern in Aachen objektives Urteilsvermögen und gutes Benehmen abzusprechen ist kühn. Wir wissen ja, dass Sie ein großer Fan von Charlotte und Valegro sind, aber die meisten sahen heute eher einen schlappen Valegro, der unter seinen Möglichkeiten blieb und zudem noch dicke Patzer hatte. Die Chefrichtern Frau Wüst war vermutlich auch im schwarz-rot-goldenen Euphorie-Taumel als Sie Valegro da sah, wo er heute wohl hingehört hätte: auf dem Silber-Rang. Und wenn man Charlotte nach ihrem Ritt ins Gedicht schaute, wusste sie es wohl auch selbst.

    • Charlotta

      Sehe ich ganz genau so! Valegro mühte sich durch die ganze Kür, da steckte wohl die Prüfung von Samstag noch in den Knochen. Da war nicht mehr viel Dynamik zu sehen und gerade im direkten Vergleich mit Desperados war der Unterschied extrem deutlich. Desperados sprühte vor Kraft und Energie und fußte immer energisch ab.

  2. Elke Gebhard-Biegel

    Ich habe auch auf der Tribüne in Aachen gesessen und ich kann Herrn Tönjes nur Recht geben. Ich zumindest habe mich für die pfeifende Meute hinter mir geschämt. Es ist unfair und unsportlich nach einem solchen Ritt zu pfeifen. Es hätte heute sicher auch einen anderen Sieger geben können, aber Charlotte hat sich die Noten ja nicht selbst gegeben. Außerdem haben wir in den letzten Tage schlimmere Richterurteile mit teilweise 10 Punkten Unterschied von Richter zu Richter gesehen und ich rede hier nicht von Totilas!
    Über das was da so zusammengerichtet wurde, konnte man sich schon manchmal aufregen, aber pfeifen hilft da wohl auch nicht weiter.

    • Sascha Schlede

      Die Pfiffe galten nicht dem Ritt, sondern den schwer nachvollziehbaren Richterurteilen. Bei der Siegerehrung hat Charlotte Dujardin den tosenden Applaus bekommen, der dem neuen Europameister gebührt, keine Pfiffe! Auch auf Ihrer großen Ehrenrunde ganz allein durch das Rund des Stadions wurden Charlotte und Valegro von 40.000 Zuschauern bejubelt. Vielleicht ist Ihnen und Herrn Tönjes dies entgangen…

    • Rike F.

      Es wurde nicht nach dem Rit gepfiffen (da gab es Applaus!), sondern nach Verkündigung des Urteils, als das Paar bereits ausgeritten war. Bitte dann doch bei den Fakten bleiben, auch wenn man am Ende dazu eine andere Meinung hat.

  3. Elke Gebhard-Biegel

    Na dann hätten Sie sich die Pfiffe besser bis zur Siegerehrung aufgehoben und an der Stelle eingesetzt, an der der Stadionsprecher immer den Richtern gedankt hat. Dann hätten die Dummen unter uns das auch besser verstanden….

    • Rike F.

      Vielleicht ist es Ihnen entgangen, aber exakt an dieser Stelle brach der Trubel erneut los. Die Reiterin selbst bekam enen großen, herzlichen und fairen Applaus. Hier hat das Publikum sehr wohl klar zwischen Reiterin und Urteil unterschieden!

  4. D Graf

    Es gab wohl in der ganzen Prüfung keinen Reiter der so fein anzuschauen war wie Kristina Bröring-Sprehe. Ein fein geführtes Pferd ( von Charlotte Dujardin kann man das leider auch nicht immer behaupten, da wird ganz ordentlich zugefasst) das sich locker , elastisch abfußend durch die Prüfung bewegte. Keine Kandare im rechten Winkel. Solche Reiter taugen zu Vorbildern! Und man hat eigentlich nur einen kurzen Blick auf das unverständlich schauende britische Team werfen müssen bei der Urteilsverkündung. Das sprach Bände…

    • S. Rink

      Diese Ansicht kann ich zu 100% teilen. Sie hätte gestern zu Recht gewinnen müssen. Das war mehr als deutlich. Nur denen, die darüber entscheiden, wohl nicht. Das ist eine Schande


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