München: Jessica von Bredow-Werndl siegt mit persönlicher Bestleistung vor Schneider und Werth

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Grand Prix Special-Bestergebnis: Jessica von Bredow-Werndl und Dalera in München (© von Korff)

Persönliche Bestleistung von Jessica von Bredow-Werndl und Dalera in München im Grand Prix Special. Dorothee Schneider/Showtime und Isabell Werth/Quantaz mit 80 Prozent und mehr. Und ein Hubertus Schmidt mit dem viertbesten Ergebnis.

Ein ganz paar Pünktchen fehlten, dann hätten Jessica von Bredow-Werndl und Dalera nicht nur eine erneute persönliche Bestleistung, 84,702 Prozent, gezeigt. Sie hätten außerdem sogar die 85-Prozent-Schallmauer im Grand Prix Special durchbrochen. Das wäre eine Sensation gewesen und unterstreicht, in welch bestechender Form das Duo aus Aubenhausen momentan unterwegs ist.

Harmonie, Schwungentfaltung immer da, wo es gefragt ist. Piaffen, die gesetzt sind und bei denen man nicht einmal für Bruchteile von Sekunden mechanische, abgehackte Schritte zu Gesicht bekommt, sichere fliegende Wechsel – heute passte fasst alles. Nur vor der zweiten Piaffe kam es im versammelten Schritt zu Spannungen. Das drückte die Note für den Schritt. Und wer den Ehrgeiz und die Hingabe von Jessica von Bredow-Werndl kennt, der kann sich gut vorstellen, dass in Aubenhausen nun noch an diesem Detail gefeilt werden wird.

Die Traversalen waren nicht nur sicher in Stellung und Biegung, auch Schwung und Kadenz veränderten sich überhaupt nicht. 16-mal stand die Idealnote 10,0 im Protokoll (die Ergebnisse finden Sie hier), davon fünfmal für die Piaffen, viermal für die Übergänge zwischen Piaffen und Passagen und zweimal für die Passage. Dazu unzählige Male die 9,0 und die 9,5. Das ist im olympischen Jahr besonders bedeutsam, denn in Tokio wird am 27. Juni die Entscheidung über die Mannschaftsmedaillen fallen. Und dafür zählt bei den Olympischen Spielen in Tokio allein das Ergebnis des Grand Prix Special.

Valegro, Totilas, Bella Rose, Dalera

Zur Einordnung, auch wenn sich Grand Prix-Ergebnisse nicht 1:1 vergleichen lassen: Isabell Werth und Bella Rose hatten in  ihrer Karriere bislang einmal ein höheres Ergebnis in dieser Aufgabe. Das war in Tryon, als die beiden die Weltmeisterschaft für sich entschieden mit 86,246 Prozent. Viermal hat die Britin Charlotte Dujardin bis dato ein noch höheres Ergebnis erzielen können als 84,72 Prozent. Jedesmal mit Valegro und dreimal davon auf einem Championat bei einem Titelgewinn. Und schließlich hat auch Totilas diese Notensumme nur zweimal in seiner Karriere übertrumpfen können, jeweils 2010, in Aachen und bei den Weltmeisterschaften in Kentucky unter dem Sattel von Edward Gal. Dorothee Schneider und Showtime wurden mit 85,456 Prozent in Rotterdam 2019 Vize-Europameister.

Das tapfere Schneiderlein

Dorothee Schneider hatte am Freitag einen in mehrerlei Hinsicht bemerkenswerten Ritt hingelegt. Erstens, weil es das Comeback von Showtime war, der seit den Europameisterschaften 2019 nicht mehr am Start war. Und zweitens, weil Dorothee Schneider nur unter Schmerzen, drei Wochen nach dem tragischen Tod von Rock’n Rose, bei dem sich die Reitmeisterin das Schlüsselbein gebrochen hatte, wieder im Turniersattel saß. Eine Spezialweste macht’s möglich. Offensichtlich ein gutes Omen für einen Grand Prix Special. „Showi“ zeigte Passagen, für die es dreimal eine Zehn gab. In den Piaffen wollte der Hannoveraner einmal mehr alles besonders gut machen, trat sehr weit unter den Schwerpunkt und machte sich selbst das Leben schwerer als es nötig ist. Die Linkspirouette war ein Genuss, die nach rechts auch gut.

Einen einzigen Patzer musste das Paar hinnehmen: Die fliegenden Galoppwechsel zu zwei Sprüngen misslangen. Die Eierwechsel, sowohl die 15 auf der Diagonalen als auch die zwischen den Pirouetten auf der Mittellinie, waren sicher. Im Verlauf kam dabei das Genick etwas tiefer.

Was aber die eigentliche Meisterleistung war, war dass Dorothee Schneider es vermochte, gehandicapt vom Schmerz die drittbeste Grand Prix Special-Leistung zu zeigen, die der Sandro Hit-Sohn je im Viereck präsentiert hat. Mit noch nicht verheiltem Schlüsselbeinbruch kann das nur jemand schaffen, der wirklich handunabhängig sitzt und dessen Pferd an feinsten Hilfen durch die Prüfung zu führen vermag, von der ersten bis zur letzten Sekunde – Chapeau!

Für alle potenziellen Olympiapferde stehen die Deutschen Meisterschaften am ersten Juni-Wochenende als nächstes auf dem Programm. Erscheinen ist Pflicht, schließlich ist am 21. Juni der Meldeschluss für die Spiele von Tokio.

Isabell Werth: Punktlandung – 80 Prozent mit Quantas

Nachdem Isabell Werth Bella Rose und Weihegold in Mannheim zu Siegen geritten hatte, war in München der Brandenburger Quantaz gefragt. Der Quaterback-Sohn, schon in Hagen in guter Form, kam auf exakt 80 Prozent. Die Gleichmäßigkeit der Noten, nahezu in jeder Lektion zwischen 7,5 und 8,5 mit vereinzelten Ausrutschern, spiegelte sich auch in seiner heutigen Darstellung wieder. Knackpunkt bleibt der starke Schritt, den man sich raumgreifender und aus der Schulter heraus schreitender wünscht. In einigen Piaffen und der zentrierten Rechtspirouette erhielt das Paar Neunen.

Platz vier ging an Hubertus Schmidt und Escolar. Das Westfalen-Duo kam auf mehr als 76 Prozent, exakt standen 76,128 Prozent unterm Protokoll. In den Piaffen lässt der imposante Hengst noch Punkte liegen. Insgesamt aber kann man im Vergleich zu Hagen von aufsteigender Tendenz sprechen.

Eine Aufsteigerin ist die Niederländerin Dinja van Liere mit Hermès, über den Trakehner Vater Easy Game ein Halbbruder zu Dalera. Dem Paar unterlief ein Fehler im starken Trab. Trotzdem landeten sie noch über 75 Prozent.

74,341 Prozent standen für Victoria Max-Theurer (AUT) und Abbeglen zu Buche. Der Wallach bekam es mit etwas „Seitenwind“ zu Beginn der Aufgabe an einer kurzen Seite zu tun. Diese Spannung ließ zwei Lektionen misslingen. Ein 75 Prozent-Ergebnis ist also auch für dieses Paar eigentlich kein Problem, Fehlerfreiheit vorausgesetzt.

Knapp dahinter landeten Helen Langehanenberg und Annabelle. 74,319 Prozent wurden durch einen Patzer in den neun Einerwechseln gedrückt. Noch härter traf es an dieser Stelle Benjamin Werndl und Daily Mirror. Die Linkspirouette und die folgenden neun fliegenden Wechsel von Sprung zu Sprung misslangen. Das machte in der Endabrechnung realistisch gerechnet einen Verlust von 50 Punkten aus. Hätte er die gehabt, wäre er dicht an das Ergebnis von Hubertus Schmidt herangekommen.

Hätte, Hätte, Kinnkette …