Sönke Rothenberger Deutscher Special-Meister 2018 trotz Verreitens

Balve – Optimum Deutsche Meisterschaft Dressur und Springen 2018

Erster Deutscher Meister-Titel bei den Senioren für Sönke Rothenberger auf Cosmo. (© www.sportfotos-lafrentz.de/Stefan Lafrentz)

Sönke Rothenberger und Cosmo sicherten sich nach dem Grand Prix auch den Special bei den Deutschen Meisterschaften 2018 in Balve. Und das trotz Verreitens und einer deutlich verbesserten Verfolgerin Weihegold.

„Mein Pferd hat sich super angefühlt heute! Er war voll dabei! Nur ich irgendwie nicht …“, so Sönke Rothenberger nachdem er sich in Balve mit 83,706 Prozent zum ersten Mal zum Deutschen Meister bei den Senioren hatte küren lassen – obwohl er wertvolle Punkte verschenkte, als er eine Diagonale zu früh aus der Passage in den Schritt durchparieren und durch die ganze Bahn wechseln wollte. Er bemerkte seinen Irrtum jedoch sofort. Und Cosmo tat ihm den Gefallen, sich nicht aus dem Konzept bringen zu lassen. Im Augenblick überwiege die Freude über den Sieg. „Aber im Nachhinein werde ich mich wahrscheinlich noch mal ärgern“, schätzt der EM-Zweite.

Vor allem angesichts dessen, dass der Rest wie am Schnürchen klappte. Insgesamt hat Cosmo sich deutlich weiter entwickelt, ist konstanter vor den treibenden Hilfen und hat an Sicherheit gewonnen. „Man darf nicht vergessen, dass Cosmo erst elf Jahre alt ist“, merkte Rothenberger an. Und in diesen elf Jahren haben die beiden eine Menge zusammen erlebt. Schließlich steht der KWPN-Wallach v. Van Gogh schon auf dem Gestüt Erlenhof seitdem er vier Jahre alt ist. Und die erste gemeinsame Grand Prix-Saison vor zwei Jahren endete prompt mit olympischen Mannschaftsgold. Da waren Reiter und Pferd zusammen gerade mal 30 Jahre jung.

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Seitdem haben sie Jahr für Jahr Fortschritte gemacht. Im vergangenen Jahr mussten sie sich Weihegold und Isabell Werth bei den Europameisterschaften noch geschlagen geben. In Balve drehte Cosmo den Spieß nun erstmals um. Bis auf den einen Patzer reihte das Paar heute ein Highlight an das nächste. Inzwischen gelingt es dem Reiter, den Wallach in den Verstärkungen vorzulassen, so dass es mehrfach Zehnen für die Trabverstärkungen gab.

Die Besonderheit des Grand Prix Special sind ja unter anderem die Übergänge zwischen starkem Trab und Passagen – auch hierfür gab es Höchstnoten. Beim Übergang aus dem versammelten Schritt in die Piaffe gab es eine kurze Stockung. Aber nach wenigen Tritten hatte Cosmo sich gefangen. Waren die Piaffen früher immer noch mal sehr im Vorwärts gewesen, gelang sie heute wirklich auf der Stelle. Auch hier sind die Übergänge bemerkenswert. Hinein in die Piaffe, daraus wieder in die Passage und umgekehrt – das ist eine federnde Bewegung bei reeller Lastaufnahme.

Der Schritt war sicher im Takt, aber es gibt Pferde, die größer losmarschieren als Cosmo. Die Galopptour begannen sie mit reellen Traversalen, wobei in der nach links die Hinterhand zunächst tendenziell etwas voraus ging. Dann kamen die Wechseltouren. Es gibt kaum ein Pferd, bei dem das Wort „fliegender Wechsel“ so zutrifft wie bei Cosmo. Mehr bergauf und durch und nach vorne geht kaum. Daran scheint auch sein Reiter sich noch nicht gewöhnt zu haben, denn die Zweierwechsel begann er etwas spät, so dass der letzte Wechsel schon fast in der anderen Ecke platziert war. Das war bei den Einern deutlich besser.

Es folgte die Mittellinie mit Linkspirouette, neun Einerwechseln und Rechtspirouette – keine Problem: ausbalanciert und zentriert die beiden Pirouetten, sicher bergauf und nach vorne durchgesprungen die fliegenden Wechsel.

Die letzte Trabtour zelebrierte das Paar und konnte entsprechend noch einmal punkten. Nach der Grußaufstellung nahm Rothenberger die Kappe ab und schlug sich mit der flachen hand vor die Stirn. Übersetzt sollte die Geste wohl heißen: „Ich Trottel!“

Trotzdem, das war eine WM-verdächtige Vorstellung. Auch wenn Sönke Rothenberger bescheiden abwinkte als die Sprache darauf kam und meinte: „Jetzt sind wir erst mal in Balve und dann kommt Aachen. Schritt für Schritt.“

Babypause beendet

Nachdem sie gestern im Grand Prix noch weit entfernt gewesen war von der Form einer Weltcup-Siegerin präsentierte sich Isabell Werths Weihegold heute schon wieder deutlich sicherer. Die Richter gaben dem erfolgsgewöhnten Paar 82,804 Prozent. Dsa bedeutete Silber. „Meine Enttäuschung und Depressionen halten sich in Grenzen“, scherzte Isabell Werth nach der Prüfung. Ernst gemeint war die Aussage, dass sie „sehr zufrieden“ war mit der Prüfung ihrer Don Schufro-Tochter heute, insbesondere mit der Trabarbeit.

Vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass Weihegold nach dem Weltcup-Finale in Paris erst noch ganz andere Pflichten hatte. Sie wurde zweimal gedeckt, um Embryonen spülen zu können. Das Procedere ist nicht neu für die Stute. Sie ist bereits „sieben- oder achtfache Mutter“, wie ihre Reiterin sagt. Im vergangenen Jahr war sie tragend von Vitalis. Die Empfängerstute hat das Fohlen im Frühjahr zur Welt gebracht, während die echte Mama sich auf die Titelverteidigung beim Weltcup vorbereitet hat.

Aber dieses Jahr hat es nicht geklappt mit einem Fohlen. „Der gesamte Mai ging dafür drauf“, so Werth. „Vor zwei Wochen haben wir erst wieder angefangen zu trainieren. Als die Bundestrainierin Monica Theodorescu da war, sah sie noch ein bisschen aus wie eine schwangere Auster.“ Beides, Zucht und Sport, sei überhaupt nur möglich, weil Weihegold einen so tollen Charakter habe, sagt ihre Reiterin. Wäre es ihr Pferd, würde sie es nicht so machen.

Doch eigentlich hatte in Balve ja auch nicht Weihegold gehen sollen, sondern Emilio. Doch der stand am Morgen vor der Abfahrt mit einem Einschuss in der Box. Für Weihegold war angedacht gewesen, dass sie den Grand Prix „zu Trainingszwecken“ geht. Nun sprang sie für den Stallkollegen ein. „Umso höher ist es ihr anzurechnen, wie sie sich hier präsentiert hat“, findet Werth. In der Kür morgen wird sie sie aber nicht mehr reiten.

Chefrichter Henning Lehrmann fasste seinen Eindruck zusammen: „Cosmo und Weihegold, das hat sich ja beinahe schon zu einem Dauerduell entwickelt. Beide waren heute Weltklasse, aber hatten Fehler. Doch für die letzte Mittellinie von Weihegold habe ich drei Zehnen gegeben.“

Die letzte Mittellinie, das sind Passagen, eine Piaffe bei X und natürlich die Übergänge. In diesen Lektionen brilliert die Rappstute. Aber um Cosmo zu schlagen, hätte es eine Weihegold in Bestform gebraucht. Sicher, Fehler in den Einerwechseln und ein vorweg genommener Wechsel nach den Traversalen kosteten Punkte. Aber auch ansonsten wäre Weihegold heute an Cosmo nicht vorbeigekommen.

„Riesenfreude“ über Bronze

Hart umkämpft war der dritte Platz. Am Ende ging Bronze an Dorothee Schneider mit Sammy Davis Jr., die heute mit 76,804 Prozent aus dem Viereck kamen. „ich versuche heute, Dressurreiten zu zelebrieren“, hatte Dorothee Schneider im Stadioninterview vor ihrem Start angekündigt. Sie hatte allen Grund, optimistisch zu sein. Ihr bayerischer San Remo-Sohn war gestern nach ihrer eigenen Ansicht und auch der der Trainer den Grand Prix seines Lebens gegangen.

Doch schon vor der ersten Traversale nach links gab es ein kleines Missverständnis. Sammy galoppierte kurz an, aber Schneider konnte das sofort korrigieren. Die Passage-Starker Trab-Reprisen und -Übergänge gelangen mehrheitlich gut, zum Teil sogar sehr gut. Allerdings wünschte man sich im starken Trab mehr Raumgewinn.

Dasselbe gilt auch für den starken Schritt. Der versammelte Schritt hingegen war erhaben und taktsicher. Die erste Piaffe war noch sehr nach vorne angelegt, aber gut im Takt. Die zweite war besser am Platz, die Übergänge fließend und problemlos.

Einen massiven Patzer hatten die beiden in den Zweierwechseln. Es gelang Dorothee Schneider nicht mehr, Sammy vor sich zu behalten. So kam dann ein Aussetzer und noch ein Einerwechsel zustande. Bewundernswert, dass Dorothee Schneider eine kurze Seite reichte, um Sammy wieder vor ihre treibenden Hilfen zu bekommen, so dass die Einer wieder sicher und schnurgerade klappten.

Auch der Rest lief tadellos. Die letzte Piaffe-Passage-Tour war die beste der Prüfung. „Ich habe heute schon beim Abreiten gemerkt, dass ich ihn nicht ganz so vor mir habe wie gestern“, sagte Schneider später. „Aber er ist in sehr guter Verfassung.“ Und dann ging ein Strahlen über ihr Gesicht: „Und ich freue mich riesig, dass wir es hier aufs Treppchen geschafft haben!!!“

Zweimal von Bredow-Werndl

Zumal Jessica von Bredow-Werndl bis auf 6,5 Punkte an Schneider herankam mit Louisdor Preis-Siegerin Dalera BB. Doch 76,508 Prozent bedeuteten am Ende Rang vier. Die elfjährige Trakehner Stute ist ein höfliches Pferd. Bei der ersten Grußaufstellung hob sie einen Vorderhuf wie zum spanischen Schritt und schien mit grüßen zu wollen. Dann ging es los. Zusammen geben die Bayerin und ihre Easy Game-Tochter ein wahnsinnig elegantes Bild ab. Und die Stute besticht mit ihrer Elastizität, ihrer sicheren Anlehnung und dem Bild allgemeiner Zufriedenheit und Motivation.

Doch es schlichen sich heute kleine Unsicherheiten ein, die von Bredow-Werndl auf ihre Kappe nahm: Die erste Piaffe habe sie zu spät eingeleitet, in den Einerwechseln hätte sie sie nicht genug auf dem Hinterbein gehalten. Da machte sie nämlich nur 13 statt 15 Wechsel. In der ersten Pirouette habe sie Dalera ein wenig zu schnell gewendet. In der zweiten habe sie es dann besonders gut machen wollen mit dem Ergebnis, dass die Stute ihr fast ausfiel und dann einmal umsprang.

Kommentar von Bredow-Werndl: „Ich könnte mir auf der einen Seite in den Hintern beißen und auf der anderen Seite Luftsprünge machen.“ Ersteres bezog sie auf ihre eigenen Fehler. Letzteres darauf, dass die Stute sich von Turnier zu Turnier verbessert und immer mehr an Kraft und Sicherheit gewinnt. „Ich will das nicht zu oft zuhause üben. Ich will, dass sie frisch und motiviert bleibt. Dann dauert es eben ein bisschen länger.“

Und sonst?

Was lange währt, wird endlich gut – das gilt auch für Jessica von Bredow-Werndls zweite Stute, die Son de Niro-Tochter Zaire, die ja immer wieder mit ihrem Nervenkostüm zu kämpfen hatte. So manche Prüfung litt dadurch unter einen gewissen Grundhektik, die das Pferd ausstrahlte. Selbst wenn alle Lektionen klappten. Davon war in Balve nichts mehr zu sehen. Plötzlich war da die Erhabenheit, die man vorher vermisst hatte. Die Reiterin konnte die Hand vorlassen, was die Stute mit vorbildlicher Rahmenerweiterung quittierte.

Gedrückt wurde die Gesamtnote heut durch die erste Piaffe, in bzw. vor der die Stute nicht auf die erste Hilfe reagierte und dann energisch aufgefordert werden musste. Anscheinend ist Balve außerdem das Turnier mit den 13 Einerwechseln für von Bredow-Werndl. Schließlich geriet die Stute in der zweiten Galopppirouette etwas aus der Balance, so dass es auch hier Abzüge gab. Machte alles in allem Rang vier mit 74,608 Prozent.

Bei der Siegerehrung konnte Jessica mit ihrem Bruder Benjamin Werndl abklatschen. Der wurde mit dem Westfalen Daily Mirror v. Damon Hill nämlich Fünfter (73,784), sehr dicht gefolgt Jan-Dirk Gießelmann auf Real Dancer (73,765). Ingrid Klimke und Franziskus wurden Siebte mit 72,686 Proozent. Dahinter reihten sich Anabel Balkenhol auf Heuberger (71,490), Kathleen Keller mit San Royal (71,314) und Victoria Michalke auf Novia ein (69,843).

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