WM 2018: Rothenberger und Cosmo knacken die 81 Prozent, Deutschland weiterhin in Führung

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Sönke Rothenberger und Cosmo kamen auf sagenhafte 81,444 Prozent im Grand Prix von Tryon. (© Pauline von Hardenberg)

Spätestens nach der Pause um 11.52 Uhr Ortszeit wurde es spannend im Grand Prix um die Mannschaftsweltmeisterschaft in Tryon. Der dritte Teamreiter für Deutschland, Sönke Rothenberger und Cosmo, spätestens seit der EM in Göteborg auch ein Kandidat für eine Einzelmedaille, musste ins Viereck.

Nach dem Läuten ließ Sönke Rothenberger Cosmo noch einmal bei B anpiaffieren. Dann im frischen Galopp außen herum. Der Countdown, der nach dem Glockensignal des Chefrichters rückwärts zählt bis die Reiter eingeritten sind, war schon recht deutlich bei null angekommen als die Kombination auf der Mittelline war. Das Halten war leicht auslaufend, 7,7. Aber dann: 8,8 für den ersten starken Trab, in den Traversalen mit guter Stellung und Biegung gab es eine 8,2. Beim Anhalten vor dem Rückwärtsrichten vor den Richtern spitzte Cosmo die Ohren und blickte konzentriert in Richtung M. Das Rückwärtsrichten gelang dann weniger überzeugend.

Den folgenden starken Trab ritt der 23-Jährige deutlich verhaltener als den ersten. In der ersten und auch der zweiten Piaffe musste er nach vorne ausgleichen. Entsprechend wurde die Lektion nicht am Punkt ausgeführt. Takt und Energie waren aber ausreichend vorhanden bei den Vize-Europameistern. Erstmals erschien eine Wertung über 80 Prozent zu diesem Zeitpunkt auf den Anzeigetafeln am Viereckrand. Der starke Schritt war gut, 7,9. Im versammelten Schritt guckte der Van Gogh-Sohn in die Ecke bei M, ohne dass der Takt Schaden nahm. Nach der zweiten Piaffe lag das Paar bei gut 78 Prozent.

Cosmo mit Galoppwechseln für eine Neun

Pauline von Hardenberg

Besser geht’s nicht! Hohe Noten gab es in den Galoppwechseln und für die letzte Piaffe. (© Pauline von Hardenberg)

Gepunktet wurde dann in der Galopptour. Die Zweierwechsel, 9,0, den starken Galopp legte Rothenberger eher konservativ an. Bei den Zickzack-Traversalen hatte das Paar mächtig Schwung und landete kurz vorm Abbiegen auf die kurze Seite wieder auf der Mittellinie. Höhepunkt waren die 15 fliegenden Galoppwechsel von Sprung zu Sprung, 9,1, spitze! Die erste Galopppirouette war etwas groß angelegt. Generell suchten Energie und Ausdruck im Galopp ihresgleichen. Und diesen Flow nahm der Student mit in die letzten Lektionen: starker Trab und eine nahezu perfekte Schlusslinie mit Passagen, 8,6.  Für die Übergänge Passage-Piaffe-Passage gab es die 9,1. Insgesamt 81,444 Prozent, Führung! Individuell und mit dem deutschen Team.

Wenig Vorbereitungszeit

„Megastolz“, sei er auf sein Pferd, auch wenn „ein, zwei Schnitzer drin waren“. Die enorme Hitze habe ihn schon beschäftigt. „Das Rückwärtsrichten geht ein bisschen auf meine Kappe. Da war etwas zu viel mein inneres Bein dran. Trotzdem bin ich guter Dinge für die nächsten zwei Tage.“ Vater Sven Rothenberger, die „Führungspersönlichkeit“ der Familie, der Cosmo wie gewohnt bis zum Stadioneinritt begleitet hatte, guckte, Schweiß auf der Stirn, äußerst zufrieden: „Ich bin vor allem dem Pferd dankbar. Vor fünf Wochen hing er noch in den Seilen, das ist schon toll, dass er das jetzt mit der Hitze so macht.“ Fünf Tage habe Cosmo Fieber wegen eines Infekts gehabt, „und man rechnet ja pro Tag Fieber eine Woche der Erholung.“ Wegen der Hitze hatte Sönke Rothenberger früh am Morgen trainiert, auch „um ihm noch viel Zeit zur Erholung zu geben.“

US-Girl knapp vor „Jessi“

Vier Pferde nach Cosmo wurde es still im Stadion. Die Zuschauer drückten Lokalmatadorin Kasey Perry-Glass und Dublet ganz klar die Daumen. Nachdem Steffen Peters und Adrien Lyle gestern ordentliche, aber keine überragenden Ritte für die US-Equipe geliefert hatten, musste die Kombination aus Kalifornien jetzt punkten. Der Diamond Hit-Sohn aus dänischer Zucht ging eine gehorsame Runde. Im starken Trab hätte man sich mehr Rahmenerweiterung gewünscht. In Piaffen, Passagen und den Übergängen lag das Paar konstant bei 7,4. Sichere gerade Zweierwechsel, ein etwas flacher starker Galopp und ein Fehler in den Einerwechseln folgten.

Am Ende lag das US-Duo denkbar knapp, 0,061 Prozent, vor Jessica von Bredow-Werndl – 76,739 Prozent. Dabei rangierte Jessica selbst zu diesem Zeitpunkt noch bei drei der sieben Richtern auf Rang zwei und einmal auf Rang drei. Die australische Richterin Susan Hoevenaers, die die deutsche Startreiterin mit 74,348 Prozent deutlich schlechter als ihre Kolleginnen und Kollegen gesehen hatten, war dafür zuständig.

Deutschland auf den Plätzen eins, vier und sieben

Nachdem die dritten Mannschaftsreiter fertig waren, lag das deutsche Team in Führung. Dorothee Schneider als Siebte auch noch in der Top Ten. Die Briten und die Schweden in Lauerstellung. Auch die US-Equipe noch mit Ambitionen auf einen Podiumsplatz. Für Schweden hatte Therese Nilshagen mit dem Oldenburger Dante Weltino gepunktet, 76,009 Prozent. Der Rappe begann super. Hohe Achternoten für Trabverstärkung und Traversalen, Einerwechsel, 8,1, und 8,6 für den starken Trab waren eine klare Ansage. Die letzte Piaffe auf der Mittellinie war etwas zäh. Am Ende zog Dante Weltino nicht mehr. Seine Reiterin rettete sich bis zum Schlussgruß.

Kurz vor Sönke Rothenberger hatte der Brite Carl Hester mit seiner neuen Zukunftshoffnung Delicato v. Diamond Hit die Führung zwischenzeitlich übernommen. Bei seiner fünften WM-Teilnahme kam Hester auf 77,283 Prozent. Die gab es für eine fehlerfreie und äußerst korrekte Vorstellung. Dreimal Halten, dreimal so wie es sein soll. Auf allen Vieren, bewegungslos. Hester sagt, Delicato sei das beste Pferd, das er je hatte. Auch wenn Reiter das eigentlich grundsätzlich sagen, sobald sie ein neues Pferd haben, ist man geneigt, es dem Briten zu glauben.

Hester auf Platz zwei

Der hübsche Hannoveraner überzeugte in allen drei Grundgangarten, auch in Piaffen und Passagen. Ein Pferd „ohne Loch“, wie die Dressurreiter sagen. Keiner, der die Füße bis zum Sonstwohin hochreißt, aber ein Grand Prix-Pferd, das stets über den Rücken arbeitet. In der Piaffe rutschte die Stirn-Nasenlinie noch manchmal hinter die Senkrechte. Das sah nach einer Frage der Kraft aus. Der Diamond Hit-Sohn ist noch keine zehn Grand Prixs in seinem Leben gegangen.

Wenn es etwas zu bemängeln gab, dann vielleicht die leicht angezogene Handbremse mit der Hester Delicato vorstellte. In den Trabtraversalen und auch in den Piaffen hätte man sich mehr Energie gewünscht. Aber der Brite verfügt über so viel Erfahrung, dass er genau weiß – Abwarten ist manchmal besser als zu viel Druck zu machen und damit möglicherweise einen Rhythmusverlust in Kauf zu nehmen. In der Galopptour wurden die fliegenden Wechsel zu zwei Sprüngen mit 8,1, die von Sprung zu Sprung mit 7,9 bewertet. Die recht groß angelegte Linkspirouette wurde noch durchschnittlich mit 7,3 gesehen. Das war die vielleicht schwächste aller Lektionen des zehnjährigen Wallachs. Die 77,283 Prozent ließen das Paar vorerst auf Platz zwei von den verbleibenden 18 Reitern rangieren.

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  1. Susan

    „Der Countdown, der nach dem Glockensignal des Chefrichters rückwärts zählt bis die Reiter eingeritten sind, war schon recht deutlich bei null angekommen als die Kombination auf der Mittelline war.“

    Wieso macht er das denn?! Ist das nicht eigentlich ein Grund fuer einen Ausschluss?

    • MJ

      Nein, soweit ich weiß gibt es höchstens 1x 2 Punkte abzug. (FEI Dressage Rulebook, Article 430.6.2). Diese 2 Punkte (nicht % ) sind meistens ganz gut zu verkraften, sodass sich ein Reiter besser die Zeit nehmen kann, anstatt „unvorbereitet“ einzureiten.

  2. u.machner

    das darf doch nicht wahr sein!!! schon wieder ein totes pferd bei den distanzritten! und die hälfte mußte in tierärztliche behandlung. sind die denn alle bescheuert oder was? wissen die denn nicht, was sie ihren pferden zumuten können und was nicht? das ist ein skandal. und sind die amis denn zu blöd, den reitern die einzig richtige startlinie zu zeigen? bleibt nur zu hoffen, daß die anderen pferde, welche noch in behandlung sind, dieses desaster lebend überstehen und nach genügend erholungszeit wieder nachhause fliegen können. diese überlangen ritte sollten abgeschafft werden. 120 km sind auch lange genug, finde ich. irgendwo muß doch mal schluß sein. eines tages kommt so ein hirni daher und will „200 km-prüfungen“ veranstalten. das ist doch krank. sollen die, die das haben wollen doch selber bei hitze über stock und stein rennen mit einem rucksack auf den rücken. und zwar einem vollen!


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