SPRINGEN Niederlande werden Weltmeister, Deutschland Vierter

Springweltmeister 2014, Europameister 2015 und auch Olympiasieger? Das Team der Niederlande

Rob Ehrens (unten links) und seine siegreiche Mannschaft bei den Weltmeisterschaften 2014. (© Pauline von Hardenberg)

Alles war drin, erst recht als Christian Ahlmann und Codex One am Entscheidungstag im Nationenpreis als erste Starter der deutschen Mannschaft fehlerfrei geblieben waren. Doch dann fiel immer eine Stange zu viel. Die Niederlande sind neue Mannschaftsweltmeister vor den Franzosen und den USA. Deutschland wurde Vierter, zur Enttäuschung des Bundestrainers.

Am Ende war es der berühmte eine Springfehler zu viel, der eine deutsche Mannschaftsmedaille verhinderte. Dem Vorbild ihres Mannschaftskollegen Christian Ahlmann, der mit Codex One als erster Deutscher im Parcours eine souveräne, fehlerfreie Runde hingelegt hatte, vermochten die drei anderen Reiter nicht zu folgen. „Es ist ganz wichtig als Erster erstmal einen guten Start hinzulegen. Gestern mit einem Fehler war das sehr ärgerlich, aber heute hat Codex sich super präsentiert, sehr konzentriert und ich bin richtig glücklich. Es war nochmal eine Ecke schwerer als gestern, es fing relativ human an, obwohl der zweite Sprung sehr oft fiel. Aber dann die zweite Hälfte war nochmal richtig schwer, es wurde schon richtig viel verlangt vom Pferd, am Ende eine schwierige Schlusslinie, also alles in allem war es schwer genug heute“, erklärte der Sieger des Großen Preis von Aachen 2014.

In der zweiten Runde des Nationenpreises waren die Hindernisse dem Thema Frankreich verpflichtet. Ein Eiffelturm, ein Segelboot und ein Steilsprung, der einer Brücke an der Seine-Mündung nachempfunden war, waren die optischen Highlights. Der Steilsprung war auch eine der Klippen, da er nach einer kniffligen Distanz stand, nach einem Oxer, über den die Pferde sich weit fliegen lassen mussten. Für die deutsche Equipe war das kein Problem. Zum Verhängnis wurde Marcus Ehning und Cornado der Steilsprung in den Tricolore-Farben, begrenzt an einer Seite durch den Eiffelturm. Wie stets wenig basculierend erwischte der westfälische Hengst hier, am vorletzten Sprung, mit den Hinterbeinen die Stange.

Ehning war ein wenig ratlos nach dem Ritt: „So eine richtige Erklärung habe ich auch noch nicht, vor der letzten Kombination fingen viele Leute an zu pfeifen wegen der Zeit, da war er ein bisschen abgelenkt. Die Distanz war eigentlich gut, aber er ist im letzten Moment ein bisschen unter mir weggesprungen und dann war er hinten zu flach.“ Die Deutschen hatten es extra schwer, da sie jeweils nach dem französischen Reiter, von den 19.000 Zuschauern frenetisch gefeiert, ins Stadion mussten. Um seinem Schimmel unnötigen Stress zu ersparen, hatte Ehning sich Zeit gelassen. „Die Stewards waren nicht so erfreut, ich bin relativ spät reingeritten, weil ich das vorher schon geahnt hatte, dementsprechend war das okay, er war zum ersten Sprung relativ gelassen“, bilanzierte der Mann aus Borken, der einen zusätzlichen Zeitfehler in Kauf nehmen musste, es aber trotzdem unter die letzten 30 Reiter, die am Samstag starten dürfen, geschafft hat.

Für Ludger Beerbaum hingegen ist das Turnier nur theoretisch noch nicht beendet. Er ist der letzte Reiter, der es noch in das Samstag-Springen geschafft hat. Mal sehen, ob er antritt. Denn der Traum ist vorbei, dass er auch als Weltmeister in die Geschichtsbücher des Reitsports eingehen wird. Schon im Vorfeld hatte der Weltranglistenzweite betont, in vier Jahren in Kanada nicht mehr reiten zu wollen. Als vierter Teamreiter hätte eine Nullrunde des 51-Jährigen zumindest noch eine Mannschaftsmedaille, wenn auch nicht die goldene sichern können. Doch die Holsteiner Stute Chiara hatte ausgerechnet am zweiten Sprung, einem blau-grünen Oxer, einen Abwurf. Dieser Sprung, aus einer Linkswendung anzureiten, sah zunächst nicht dramatisch aus, wurde aber zu einer Hauptfehlerquelle des von Frederic Cottier erdachten Parcours. Ludger Beerbaum ging anschließend mit sich selbst hart ins Gericht: „Der Druck war sicherlich da, aber es war nicht so dass mich das abgelenkt hätte, oder das mein Fehler daraus resultiert hätte. Ich glaube, dass am Ende keine Ausreden angebracht sind. Ich habe gestern auch schon Fehler gehabt, da war ich mir eigentlich sicher, dass ich nicht genug Schwung und auch nicht genug Druck hatte. Heute hatte ich eine gute Vorbereitung, Chiara hat den ersten Sprung super gesprungen, dann hatte ich die erste Stange um. So reicht es dann nicht, und dann wird man auch nicht Weltmeister. Es war nicht akkurat genug vom ersten Tag an, gestern nicht und heute nicht, und unterm Strich muss ich Hausaufgaben machen und versuchen es besser zu machen.“

Minimalziel erreicht, die Qualifikation für die Olympischen Spiele, aber keine Medaille – Bundestrainer Otto Becker konnte sich darüber nicht freuen: „Wir haben erwartet, dass es eng wird bis zum Schluss, also das es wirklich mit dem letzten Reiter entschieden wird. Das war so, wir waren auch kurz vorne, dann ging es hin und her. Wir hätten noch eine Nullrunde gebraucht, die hatten wir heute nicht, insgesamt ist das bitter muss ich sagen. Christian hat super angefangen, er hat einen super Job gemacht, das ist immer der schwerste Job anzufangen. Er hat das die drei Tage wirklich hervorragend gemacht. Ich kann insgesamt allen keinen Vorwurf machen. Alle haben hart trainiert, sich hier super präsentiert. Alle sind gut geritten, alle Pferde sind gut gesprungen, wir haben ein super Team hier um uns herum. Das macht es ja so bitter, weil wir hier eigentlich gute Leistungen gezeigt haben. Die anderen waren besser, das müssen wir auch anerkennen. Für die Jungs ist das ganz ganz bitter, dass wir hier am Ende mit dem Minimalziel, der Olympiaqualifikation, nach Hause fahren. Aber das eigentliche Ziel war eine Medaille, das haben wir nicht geschafft, dementsprechend sind wir auch enttäuscht.“

Auch für Daniel Deußer, Vierter nach den ersten beiden Springen und einer der Medaillenkandidaten nach Meinung vieler, gab es einen bitteren Fehler. Am Einsprung zur dreifachen Kombination gab es Abstimmungsprobleme und die Stange fiel. „Ich hatte mich entschieden, sieben kurze Galoppsprünge in die Dreifache zu reiten. Ich habe das Gefühl gehabt, dass er eigentlich die Ohren nach vorne hatte und sich auch gut konzentriert hat, im letzten Galoppsprung oder im Absprung selbst ging er dann doch ein bisschen zu schnell nach vorne. Beim zweiten Mal kann man es vielleicht besser machen, in diesem Fall einfach nicht gut genug, sagt der Weltcupsieger über Cornet d’Amour, der danach wieder sicher und souverän wirkte.“ Der Abwurf hat Deußer in der Einzelwertung auf den achten Rang zurückgeworfen. Hier führt jetzt die US-Amerikanerin Beezie Madden mit dem belgischen Wallach Cortes‘ C‘ v. Randel Z, der das Springen wie eine Freispringreihe aussehen ließ. Nicht weil die erfahrene, ehemalige Weltcupsiegerin nicht eingewirkt hätte, sondern weil der Schwarzbraune an jedem Sprung mühelos und easy aussah, auch da, wo andere sich schon mächtig strecken mussten. Zweiter ist der Schwede Rolf-Göran Bengtsson, dessen Holsteiner Casall v. Caretino mit seiner Leistung unterstrich, warum er im Hengststall des Holsteiner Verbandes die unangefochtene Nummer eins ist. Dritter ist der Däne Sören Pedersen mit Esperanza v. Rebel vor dem Franzosen Patrice Delaveau. Der hatte mit dem Quick Star-Sohn Orient Express noch geführt, bekam aber ausgerechnet am Sprung drei, einem Steilsprung mit Motiven des Haras du Pin, einen Fehler. Der Steilsprung war sonst wenig fehlerträchtig. Da sowohl Pénélope Leprevost mit der energisch und geschmeidig springenden neunjährigen For Pleasure-Tochter Flora de Mariposa (Einzelwertung Siebte) fehlerfrei geblieben war, wie auch Kevin Staut mit Reveur de Hurtebise, und Simon Delestre und Qlassic Bois Margot mit einem Springfehler das Streichergebnis lieferten, arbeiteten sich die Franzosen mit zwei Nullern noch nach vorne. Die Equipe tricolore gewann Silber (14,08 Strafpunkte).

Obwohl im niederländischen Team bei drei Reitern jeweils eine Stange fiel, und Jeroen Dubbeldams Zenith auch noch einen Zeitfehler kassierte, reichte es für die Truppe von Bondscoach Rob Ehrens für Gold. Jur Vrieling und der wuchtige, nicht zu komfortabel aussehende Bubalu, lieferten eine Nullrunde. Gestern war das Paar noch das Streichergebnis. Der Bundestrainer hat gestern deutliche Worte gefunden, das hat mich aufwachen lassen, erläuterte der Niederländer seine Leistungssteigerung. Ein Abwurf des Hengstes London v. Nabab de Reve ließ Gerco Schröder auf den neunten Rang zurückfallen, Jeroen Dubbeldam ist 13.
Ein Zehntel weniger auf dem Punktekonto als die Deutschen hatten die US-Amerikaner nach der entscheidenden Runde. Bis auf Beezie Madden verzeichnete jeder des US-Quartetts einen Abwurf. Die routinierte Madden allerdings, sieht aus wie die Weltmeisterin der nahen Zukunft. Kein Pferd sprang wie ihr belgischer Wallach. Kent Farringtons Voyeur patzte, McLain Ward und Rothchild, der unzufrieden und mürrisch nach dem Reiterschenkel schlug, liegen nach einem Abwurf auf dem 14. Rang.

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