Ermelo: Überragender Dancing Diamond tanzt zum Titel, Verwirrung um Bronze

17-30-d3907b-Anne-Kathrin-Pohlmeier-GER-Lorswood-Dancing-Diamond-hann

Der Tag ihres Lebens: Anne-Kathrin Pohlmeier und Lordswood Dancing Diamond sind Weltmeister 2017. (© Toffi)

Die letzten Medaillen der Weltmeisterschaften der jungen Dressurpferde sind vergeben. Lordswood Dancing Diamond sorgte für Gänsehautfeeling, Governor rettete das KWPN-Wochenende und wegen der Bronzemedaille gab es einen kleinen Eklat.

Es war einer dieser Gänsehautmomente in der Dressur als Lordswood Dancing Diamond durch das WM-Stadion in Ermelo schwebte. Diese Momente, in denen man von Lektion zu Lektion mitfiebert und betet: Lass jetzt nicht noch etwas schief gehen. Und als Anne-Kathrin Pohlmeier den Hannoveraner Wallach v. Dancier-Wolkenstein II (Z.: Heinrich Ebeling) dann zur letzten Trabverstärkung über die Diagonale fliegen ließ, rieselte einem ein leichter Freudenschauer über den Rücken. So trabt ein Weltpferd! Wie ein Metronom tanzte sich der Rappe durch die Aufgabe. Ob auf gebogener Linie, in den Seitengängen oder den Verstärkungen – der Rhythmus blieb in allen Grundgangarten immer erhalten. Da war keine unnatürliche Spannung im Pferd, das war gottgegebene Elastizität, die von Anne-Kathrin Pohlmeier – mit Hilfe von Hans-Heinrich Meyer zu Strohen, wie sie betont – auf klassische Art und Weise reell gefördert wurde, seit sie den Rappen dreijährig zum Reiten bekam. So hat sie jetzt ein Musterbeispiel für ein korrekt ausgebildetes Pferd unter dem Sattel, immer bergauf, mit ganz leichter und elastischer Anlehnung, völlig in Balance und Selbsthaltung. Für die Durchlässigkeit gab es eine 9,8, völlig zu recht.

Kommentator Andrew Gardner (GBR) ist keiner, der in Euphorie ausbricht. Und so leierte er ziemlich nüchtern herunter: „Besonders gut gefiel uns die Anlehnung, das natürliche Talent und der Ausdruck im Trab, 10,0. Für den losgelassenen Schritt mit guter Versammlungsbereitschaft gaben wir eine 9,3. Im Galopp hat das Pferd eine natürliche Technik, mit den Hinterbeinen unter den Körper zu arbeiten und die Bergauftendenz zu unterstützen, 9,5.“ Und bei der Perspektive war dann doch so etwas wie Emotion herauszuhören: „Für die Perspektive sage ich nur: 10,0.“ Machte in Summe eine 9,72 für den Bundeschampion des Vorjahres, der unter Pohlmeier auf dem Reitpferdeviereck schon zweimal Silber gewonnen hatte. Damals war der Wallach jedes Mal als Führender ins Finale gegangen. Aber weil er so sensibel ist, ist der Fremdreitertest nicht gerade seine Lieblingsdisziplin gewesen. Einen ausführlichen Beitrag zu diesem Thema bringen wir übrigens demnächst im St.GEORG.

Der, der alles kann

„Als er dreijährig, vierjährig, fünfjährig war, bin ich jedes Mal vom Bundeschampionat nach Hause gefahren und habe geheult, weil ich dachte, jetzt muss er gehen.“ Auch während sie das erzählte, waren Anne-Kathrin Pohlmeiers Augen verdächtig rot. Dieses Gefühl heute auf dem Rappen, das werde sie nie vergessen: „Es war unglaublich! Während der Aufgabe musste ich mehrfach lachen, weil er so bei mir war, dass er ausgeführt hat, was ich gedacht habe, noch ehe ich die Hilfen gegeben hatte. Der Tag heute war ein ganz besonderer in meinem Leben!“ Und so, wie sie drei-, vier- und fünfjährig nicht wusste, was das nächste Jahr bringen würde, ist es auch heute nicht klar. Die Besitzergemeinschaft Whitefield & Stack aus Großbritannien, der Lordswood Dancing Diamond gehört, wurde heute ein bisschen scherzhaft gefragt, ob Andreas Helgstrand schon ein Angebot gemacht habe. „Kein Kommentar!“, war die Antwort. Man kann Dressurdeutschland nur wünschen, dass dem nicht so ist, oder dass es ausgeschlagen wurde.

KWPN-Retterin Adelinde Cornelissen

Die einzige Medaille für die Pferdezucht der Niederlande holte heute Adelinde Cornelissen mit dem gekörten KWPN-Hengst Governor Str v. Totilas-Jazz (Z.: Streppel) . Dieser Hengst sorgte schon von Jugend an aufgrund seiner Abstammung für Aufsehen. Er stammt nämlich noch aus der Zeit als Totilas unter Edward Gal ging und die Mutter ist eine Vollschwester zu Cornelissens langjährigem Erfolgspferd Parzival. Governor ist ein schicker Rappe mit drei guten Grundgangarten und viel Gummi. Er ging unter seiner erfahrenen Reiterin eine super korrekte Aufgabe, zu der Adelinde sagte: „Ich war Neunte der Qualifikation, ich wusste, wenn das was werden soll, muss ich aufs Gaspedal treten. Das habe ich gemacht und nun sitze ich hier!“

Das „aufs Gaspedal treten“ sah man. Governor hatte nämlich einen recht unruhigen Schweif. Auch vermisste man jene Selbsthaltung in relativer Aufrichtung, wie sie beispielsweise der Sieger mustergültig zeigte. Dennoch bewegte der elegante Rappe sich fließend in allen Phasen der Aufgabe und zeigte keine ungleichmäßigen Spannungstritte. Die Richter lobten „die stete Anlehnung“, die „natürliche Bergauftendenz“, die „Versammlungsbereitschaft“ und den „Durchsprung im Galopp“ des Hengstes und gaben in Summe eine 9,06.

Verwirrspiel im Bronze, oder: Irren ist menschlich

Einen kleinen Eklat gab es nach der Siegerehrung. Oder vielmehr währenddessen. Denn während Frederic Wandres sich mit dem Oldenburger Sir Skyfall für Bronze ehren ließ, stellte man in der Rechenstelle fest, dass das Ergebnis von Severo Jurado Lopez und Quel Filou falsch berechnet worden waren. Die beiden hatten sich einmal verritten, wofür ihnen vom Endergebnis korrektermaßen 0,5 Prozent abgezogen worden waren. Aber das Endergebnis war falsch, tatsächlich hatten der Spanier und der Zweite des Vorjahres diesmal Bronze gewonnen. Als das bemerkt wurde, war die Siegerehrung bereits in vollem Gange. So dauerte es bis zur Pressekonferenz, bis Frederic Wandres vor aller Augen seine Medaille und seine Schärpe abgenommen und Severo umgehängt wurden. Der Spanier sah ziemlich belämmert aus, als er sich da plötzlich auf dem Podium wiederfand und konnte auch nur sagen: „Das tut mir sehr leid für Frederic! Aber Irren ist menschlich, ich habe mich heute in der Aufgabe auch geirrt.“

Wie auch immer, Severo hat nun eine zweite Medaille der WM 2017 im Schrank. Zu Gold von gestern auch noch Bronze. Und das, obwohl er zugab: „Ich habe keine Ahnung, warum, aber ich war von Anfang bis Ende der Aufgabe unkonzentriert. Gottseidank habe ich ein Pferd wie Quel Filou, der so gut ist, dass ich trotzdem hier sitze.“ Quel Filou ist allerdings wie auch Severos Fiontini bereits verkauft. Neue Besitzerin des Oldenburgers ist Anna Zibrandtsen.

Verdient Bronze

So leid es einem für Frederic Wandres auch tut, Quel Filou war von Anfang an ein Medaillenkandidat. Der Oldenburger v. Quaterback-Stedinger (Z.: Aloys Hinxlage) begann auch heute wieder mit einer medaillenverdächtigen Trabtour. Seine Grundausbildung hatte Quel Filou von Eva Möller bekommen, mit der er beim Bundeschampionat der Reitpferde in den Medaillenrängen war. Danach wurde er über die PSI-Auktion in den Luxemburger Dressurstall Grand Ducal verkauft und hier von Sascha Schulz weitergeritten. Der eher kleine Wallach mit dem gewissen Ponycharme besticht mit seiner großen Elastizität. Für seine geringe Größe kann er wirklich marschieren. Man hätte sich allerdings gewünscht, dass der Reiter ihn heute weniger hoch und eng eingestellt hätte. Außerdem trat auch unter Severo ein Problem zutage, dass sich schon im vergangenen Jahr gezeigt hatte, als Quel Filou noch unter Sascha Schulz Silber gewann: Der Wallach verwirft sich schnell. Aber alles in allem war das eine schöne Runde der beiden – trotz eines massiven Widerstands vor dem ersten fliegenden Wechsel. Auch die Richter waren sehr positiv – der Trab „taktsicher, kadenziert mit guter Elastizität, 9,8“, der Schritt „immer im Takt, mit tendenziell gutem Schreiten, obwohl er mehr Schulterfreiheit bräuchte, 8,5“, der Galopp „sehr kraftvoll mit sehr gutem Hinterbein und sichtlicher Versammlungsbereitschaft, 9,5“. Aufgrund des Patzers beim ersten Wechsel und wegen des Verwerfens ging die Durchlässigkeitsnote auf eine 8,0 zurück. Für die Perspektive gab es die 9,4. Das machte in Wahrheit eine 8,99 im Durchschnitt und damit Bronze vor Wandres und Sir Skyfall.

Die weiteren Deutschen

Frederic Wandres hatte mit dem Oldenburger Hengst v. Sandro Hit-K2 (Z.: Manfred Rueter) eine sehr gute Prüfung gezeigt. Der Dunkelbraune ist nicht unbedingt ein Lampenaustreter, aber er besticht durch seine Eleganz und seine Korrektheit. Stärkste Grundgangart ist der Schritt, der eine 9,5 erhielt. Der Notendurchschnitt des Paares lag bei 8,86, Rang vier.

Der Bundeschampionats-Bronzemedaillengewinner Nymphenburg’s First Ampere v. Ampere-Weltruhm (Z.: Jan Siemsglüss) wurde unter Tessa Frank Sechster. Die Wechsel sitzen bei dem Braunen noch nicht ganz sicher. Wobei es auf dem Abreiteplatz schon sehr gut klappte und es Spaß machte, Mensch und Pferd zu beobachten, weil die Reiterin den gekörten Hengst immer so überschwänglich lobte und der das sichtlich genoss. Gearbeitet werden muss hier weiterhin an der Selbsthaltung. Auf gebogenen Linien kippt First Ampere schnell hinter die Senkrechte und ist dann nicht mehr vor den treibenden Hilfen. Trotzdem war das heute eine ordentliche Runde, die von den Richtern mit einer 8,8 im Mittel bewertet wurde, und die Richter waren voll des Lobes für den kraftvollen Hengst, der sich kadenziert, aber frei von Spannung bewegt.

Claudia Rüscher und der gekörte Westfale Baccardi v. Belissimo M-De Niro (Z.: Agnes Beckhoff), die beiden Sieger des kleinen Finales, wurden heute Neunte mit einer 8,44 im Mittel. Und Frederic Wandres wurde mit seinem zweiten Pferd, dem Oldenburger Hengst Fior v. Fürstenball-Sandro Hit (Z.: Gestüt Lewitz) Zwölfter der 15 Finalisten.

St.GEORG GRATIS LESEN!

Schnell, aktuell und auf einen Blick wissen, was Sache ist! Das bietet der
St.GEORG Newsletter. Jetzt abonnieren und Sie erhalten eine Ausgabe
St.GEORG als ePaper gratis - zum immer und überall lesen.