CHIO Aachen 2018: Emilio von der Rolle im Nationenpreis-Grand Prix, USA führen

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Emilio und Isabell Werth, CHIO Aachen 2018, Grand Prix Nationenpreis (© Pauline von Hardenberg)

Nach dem Grand Prix, der ersten Teilprüfung für die Nationenpreiswertung, die am Samstag mit dem Grand Prix Special beim CHIO Aachen entschieden wird, liegt das deutsche Team nur an zweiter Stelle. Das US-Team rund um Grand Prix-Siegerin Laura Graves führt knapp vor den Deutschen. Unter ihnen ist überraschend Helen Langehanenberg die Beste. Emilio quittierte den Dienst, Isabell Werth muss eine Nacht drüber schlafen, warum. Jessica von Bredow-Werndl erhielt mit Dalera sechs Punkte weniger als Helen Langehanenberg.

Das hatten sich die Deutschen wohl anders vorgestellt. Nicht eine souveräne Führung, sondern ein zweiter Platz in der Zwischenwertung des Nationenpreises. Gleich zwei Überraschungen aus deutscher Sicht waren für das Ergebnis verantwortlich: Die positive lieferte Helen Langehanenberg, die als erste Reiterin mit über 77 Prozent die beste Runde aller Deutschen zu Stande brachte. Für die negative sorgte ausgerechnet Isabell Werth, die auch so etwas wie eine Premiere feierte: Platz 17 in Aachen. Das war auch etwas Neues. Emilio und Werth fanden überhaupt nicht zueinander. Warum, darauf wusste Werth spontan auch keine Antwort. Sollte sie damit geliebäugelt haben, der US-Amerikanerin Laura Graves zu zeigen, dass sie auch mit ihrem Zweitpferd Emilio die US-Top-Kombination schlagen könnte, hat sich Werth verrechnet. Zumindest für heute.

Dressur-Nationenpreis in Aachen spannend wie selten

Die beste aus dem US-Team, die Weltcup-Zweite Laura Graves und Verdades hatte schon im letzten Jahr in Aachen gezeigt, dass sie sich hier wohlfühlt. Ihr mächtiger Wallach Verdades hat eine Fangemeinde, die bis in die Richterhäuschen reicht. 8,6 für die Trabtraversalen, Bewertungen in der Piaffe um 7,7 – für eine Piaffe, der man wünschte, dass sich das Pferd in ihr setzen würde. Der braune Wallach zeigt eher eine Passage auf der Stelle, wobei das linke Hinterbein eine Kreisbewegung beschreibt. Im starker Schritt fehlte der Übertritt (6,9). In den Seitwärtsbewegungen im Galopp punktete das Paar. Zick-Zack-Traversalen, Pirouetten und auch die 15 Einerwechsel wurden hoch bewertet. Auf der letzten Linie drohte das Powerpack Verdades kurzfristig auszufallen, auch die Piaffe bei X gelang nicht wie geplant. Laura Graves sagt, ihr Job sei es, den trotz seiner 16 Jahre noch so kernigen Verdades ruhig zu halten. „Dann macht er keine Fehler“. 80,606 Prozent bedeuteten den Sieg. Gut 77 Prozent gaben die Zuschauer via Spectator Judging App, das passte irgendwie auch besser. Generell waren die Noten hoch in dieser Prüfung. Das galt für das gesamte Feld, das teilweise gute aber nicht herausragende Leistungen zeigte.

Cassidy ist in Aachen angekommen

Zweite wurde mit einer harmonischen Runde die Dänin Cathrine Dufour. Einmal erschrak sich der Caprimond-Sohn vor der zweiten Piaffe. Ansonsten zog er konstant seine Runden, unaufgeregt und nicht überpowert vorgestellt. 78,494 Prozent gab es dafür, zwei Richter sahen das Paar allerdings nur auf Position fünf. Cassidy ging etwas mit angezogener Handbremse. „Im letzten Jahr hat er sich noch sehr von der Atmosphäre beeindruckt gezeigt. Heute hat er gesagt, hey, gut, ich bin da,“ sagt seine Reiterin. So weich und entspannt und damit schön die Runde war, war man geneigt, manchmal etwas zu schnalzen. Cassidy ist gut im Futter, bis Tryon darf ruhig noch etwas Figurtraining auf dem Programm stehen.

Erst Geburt, dann Grand Prix

Helen Langehanenberg hatte vier Wochen und einen Tag nach Geburt von Tochter Finja gut vorgelegt. Mit dem Hannoveraner Damsey kam sie nach einem Ritt mit zahlreichen Höhepunkten wie Galopppirouetten, starker Schritt, die fliegenden Galoppwechsel zu zwei Sprüngen und die Einerwechsel, auf 77,034 Prozent – für das Paar ein Aachen-Rekord und die drittbeste internationale Bewertung ihrer gemeinsamen Karriere. (ausführliches zu dem „„Punktlandungs-Comeback“ lesen Sie hier).

Pauline von Hardenberg

Helen Langehanenberg und Damsey in der Piaffe, CHIO Aachen 2018 (© Pauline von Hardenberg)

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Sechs Punkte weniger als Damsey: Dalera „rockt das Ding“

„Sie war voll bei mir und ich habe mich nur von Lektion zu Lektion konzentriert“ – noch 15 Minuten nach ihrem Ritt ist Jessica von Bredow-Werndl ein bisschen verwundert, mit welchem Selbstverständnis die Trakehner Stute Dalera gerade den Grand Prix absolviert hat. Es war erst das sechste Mal im Leben der elfjährigen Easy Game-Tochter, dass sie diese Prüfung gegangen ist. Das erste Mal in Aachen und damit auch das erste Mal in einer Atmosphäre, die man nicht üben kann. „Die geht da rein und rockt das Ding“, sagt die Reiterin. Unsicher, dass etwas nicht klappen könnte, sei sie nie gewesen. Nach einer mäßigen Grußaufstellung punktete das Paar. Der erste starke Trab, geschmeidige Trabtraversalen nach rechts und links mit weitem Übergreifen des Vorderbeins. Die beiden ersten Piaffen rhythmisch, die Passagen mit Ausdruck. Beständig lag das Paar im ersten Drittel der Prüfung im hohen 70-Prozent-Bereich, knapp unterhalb der 80-Prozent-Marke und noch vor den Bewertungen für Damsey. Nach der Schritttour war dieses Polster weg. Im Galopp gelangen die fliegenden Galoppwechsel zu zwei Sprüngen sicher, in den 15 Einerwechseln war die Stute noch gespannt. Ein leichter, aber folgenschwerer Fehler drückte die Noten der Zick-Zack-Traversale. Die Lektion geht in doppelter Wertung ein, die Stute sprang hinten einmal einen Wechsel nach. „Da habe ich dann nicht mit Risiko weitergeritten“, sagt Jessica von Bredow-Werndl. In der letzten Piaffe gab es einen leichten Rhythmusverlust (7,1). 0,186 Prozent betrug am Ende der Unterschied zwischen den beiden deutschen Top-Scorerinnen auf den Plätzen drei und vier. Das sind sechs Punkte – bei sieben Richtern, die hier in Aachen ums Viereck sitzen.

Pauline von Hardenberg

Training vorm Grand Prix: Jessica von Bredow-Werndl und Dalera, Grand Prix CHIO Aachen 2018 (© Pauline von Hardenberg)

Die gesamte Familie und Pferdebesitzerin Beatrice Bürchler-Keller sind in Aachen. Nur einer ist beleidigt in Aubenhausen geblieben. Unee, der Hengst mit dem Reiterin aus Aubenhausen vor drei Jahren in Aachen bei der Europameisterschaft geritten war. Morgens um halb vier Uhr beim Verladen dämmerte ihm, dass er nicht mehr die Nummer eins ist. „Der Blick war nicht schön. Nicht böse, sondern enttäuscht. Als wolle er sagen, ist das dein Ernst, dass ich nicht mitkomme?“ Im Dezember darf er auf jeden Fall noch mal mit. In Frankfurt soll der Gribaldi-Sohn aus dem Sport verabschiedet werden.

Starke Damen im US-Team

Mit einer fehlerlosen und losgelassenen Runde kam die US-Amerikanerin Kasey Perry-Glass mit dem Dänen Dublet v. Diamond Hit auf Rang fünf. Mehr als 76 Prozent des Paars unterstreichen, wie stark die Amerikaner im Jahr der Weltmeisterschaften im eigenen Land aufgestellt sind. Neunte wurde Adrienne Lyle mit dem Hannoveraner Salvino. Das Paar war in Florida im Winter sehr positiv aufgefallen. 74,581 Prozent bekam der hübsche Schwarzbraune, der seinem Vater Sandro Hit wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Weniger überzeugend war die Runde von Steffen Peters und Rosamunde v. Rock Forever auf Platz 18. Wie so häufig bei dem in den USA hoch geschätzten Reiter wirkte auch dieses Pferd nicht happy im Viereck.

Dorothee Schneider mit Besuch im Viereck

„Oh, wie süüüüß!“ Das ist die normale Reaktion, wenn Menschen ein Kaninchen sehen. Einige hingegen greifen eher zur Flinte. Möglich, dass Dorothee Schneider heute zu letzterer Kategorie zu zählen ist. Denn sie war nicht allein im Viereck mit Sammy Davis jr.

Pauline von Hardenberg

Das Kaninchen, von dem ganz Aachen sprach. Störenfried beim Ritt von Dorothee Schneider. (© Pauline von Hardenberg)

Ein Kaninchen gesellte sich spontan zu den beiden. Das Problem: Das Publikum sah den nervigen Nager, raunte und wurde unruhig. Schneider aber hörte nur die Unruhe, weil sich das Kaninchen nicht in ihrem Sichtfeld befand. „Das hat mich schon irritiert“, sagte Dorothee Schneider, der in dem Moment Gedanken durch den Kopf gingen, wie dieser:

Hat das Pferd sein Schweiftoupet verloren, das es doch gar nicht hat?

Zu Gesicht bekamen die Mannschafts-Europameister den renitenten Rammler dann erst auf einer Mittellinie. Und zwar ausgerechnet der, auf der die 15 fliegenden Galoppwechsel von Sprung zu Sprung verlangt sind. Ein Fehler war die Folge des von rechts durchs Bild hoppelnden Miniatur-Meister Lampe. 75,916 Prozent, Platz sechs – Sammy hat geliefert. Er setzte sich vor Therese Nilshagen und Dante Weltino (75,373/7.). Emmelie Scholtens wurde als beste Reiterin der niederländischen Abordnung, die nicht mit den starken Kombinationen nach Aachen gereist sind, ebenso wenig wie die Briten, Achte (74,627).

Was war los mit Emilio?

Platz 17. Ein neues, ein ungewohntes Gefühl für Isabell Werth, die als letzte Starterin ins Stadion ging. Schon beim Herumreiten um das Viereck schüttelte Emilio mehrfach mit dem Kopf. Ein wenig unwirsch, nichts, von dem man wirklich Notiz genommen hätte. Aber aus unwirsch wurde unwillig. Nach einer sehr guten ersten Trabverstärkung und den Trabtraversalen erhob sich der Westfale in der ersten Piaffe in die Levade. Sprich er machte Männchen. Wer da meint, das sei zu viel der hohen Schule, sieht sich bei einem Blick ins Protokoll eines Besseren belehrt. Für ein paar Piaffe-Tritte, dann ein angedeutetes Steigen und anschließendem Korrekturpiaffieren mit geschätzten 20 Tritten gaben die Richter tatsächlich noch Noten zwischen 2,0 und 7,5! Auch in den Übergängen, die mit einer Note extra bewertet werden, war von 2,0 bis 7,0 alles dabei. In der zweiten Piaffe gab es einen erneuten, wenn auch weniger starken Widerstand. Es folgten fehlerhafte Zweierwechsel (Noten von 4,0 bis 7,5), und auch das Durchparieren aus dem Galopp in den versammelten Trab wollte so gar nicht im ersten Anlauf glücken. Ob Lieschen Müller aus Honduras auch solche Noten für die Fehler bekommen hätte? Werth selbst konnte sich das Geschehen nicht erklären, „keine Ahnung was da war, eigentlich war alles normal.“ Nach der missglückten ersten Piaffe sei Emilio aus dem Konzept gekommen, sagt Isabell Werth. „Der Rest waren dann Folgefehler, das Pferd war in sich verunsichert. Das ist gar nicht so tragisch, ja gut, Nationenpreis in Aachen stelle ich mir auch anders vor, aber am Samstag geht es ja weiter. Wollen wir mal ‘ne Nacht drüber schlafen und am Samstag dann in alter Form wieder angreifen.“

Ergebnisse finden Sie hier.

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