Moment mal! Eine sanfte Drohung und ein Schuss aus der Hüfte

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Mit diplomatischen Worten bekräftigte das IOC seine Forderung nach Drei-Reiter-Teams, gegen den erklärten Willen vieler Reiter die bei Olympia lieber wieder mit vier Startern antreten würden. Und zu allem Überfluss versuchte derzeit der Fünfkampf-Verband, den Pferdesport als unmodern abzuqualifizieren, um von eigenen Fehlern abzulenken.

Wirklich spannend ist die Generalversammlung der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI) ja selten. Diesmal traf man sich in Antwerpen, Belgien, und dazu im Internet. Wie immer gab es bei fast keinem Beschluss nennenswerte Gegenstimmen, weil alles schon in den Meetings der verschiedenen Gruppen, regional oder je nach Disziplin, an den Tagen zuvor festgezurrt worden war. Spannend war allenfalls, was dem Herrn Computer, der die gesprochenen Worte in einer Textleiste wiedergab, so einfiel. Da wurde die FEI gleich mehrfach zum FBI, und die „African Horse Sickness“ zur „African horrendous sickness“, was ja auch nicht falsch ist. Wie schön, dass Menschen doch manches besser können als Computer. Noch.

Posten und Pöstchen

Auch die Wahlen für die diversen Posten und Pöstchen gingen glatt über die Bühne, mit nur jeweils wenigen Gegenstimmen. Stephan Ellenbruch wurde zum Vorsitzenden der Springkommission wiedergewählt, er war der einzige Bewerber. Mit seiner quasi automatischen Wiederwahl minimierten sich auch die Chancen für Martin Richenhagen, den die deutsche FN als ebenfalls Vorsitzenden, diesmal in der Sparte Dressur, vorgeschlagen hatte. Zwar ist es nicht unmöglich, dass die Chefs der beiden wichtigsten Disziplinen aus demselben Land kommen, aber da die Deutschen nun mal nicht die beliebtesten Kinder auf dem Schulhof sind, war das Rennen gelaufen, bevor es begonnen hatte. Falsch ist, dass nur Richenhagen als einziger der drei Bewerber wählbar gewesen sei, weil er im Gegensatz zu seinen Mitbewerbern Ulf Helgstrand und Maribel Alonso als einziger das Richteramt nicht mehr ausübt. „Es gibt lediglich die Regel, dass der Vorsitzende des Dressurkomitees nicht bei einem Championat, also Welt- und Europameisterschaften sowie Olympischen Spielen, richten darf“, so der Generalsekretär der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FEI), Soenke Lauterbach.

Helgstrand konnte die Delegierten trotz leidenschaftlicher Beteuerungen nicht davon überzeugen, dass er gar nichts mit den geschäftlichen Aktivitäten seines Sohnes, des Luxuspferdehändlers und Hengsthalters Andreas Helgstrand zu tun habe. Für Maribel Alonso sprachen drei Faktoren: Fünf-Sterne-Richterin, nicht aus Europa, sondern aus Südamerika – und Frau. Das kriegten die beiden anderen Bewerber schon aus biologischen Gründen einfach nicht hin.

Das Olympiaformat

Am wenigsten eindeutig ging die Abstimmung über die Entscheidung der künftigen Formel des olympischen Team in Springen, Dressur und Vielseitigkeit über die Bühne, also entweder vier Reitern mit einem Streichergebnis wie bis 2016 oder nur drei Reiter wie in Tokio, ohne Streichergebnis. Der Springreiterclub hatte sich mächtig ins Zeug gelegt, seinen Vorzeigereiter, Olympiasieger von 2012 und lange Zeit Weltranglisten-Ersten Steve Guerdat nach Antwerpen geschickt, der leidenschaftlich für die bewährte Vier-Reiter-Formel plädierte, wie auch Dressur-Aktivensprecherin Isabell Werth die Trommel für Viererteams in ihrer Disziplin rührte.

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Guerdat sprach den Tierschutzaspekt an, die Vier-Reiter-Formel sei pferdegerechter als die Drei-Reiter-Formel, wie auch die Abfolge erst Mannschafts- dann Einzelwertung. Da fragt es sich natürlich, wie klug es ist, aus den eigenen Reihen des Springsports Zweifel anzumelden, ob die Formel, nach der in Tokio geritten wurde, tierschutzgerecht gewesen sei. Man muss ja PETA und Co nicht unbedingt Argumente liefern. Und das Nasenbluten des Pferdes Kilkenny von Cian o’Connor hatte mit der Formel rein gar nichts zu tun. Zwar sind 30 Stimmen für die Vier-Reiter-Formel gegenüber 70 für die Drei-Reiter-Version, übrigens auch aus Europa, nicht gar nichts und mehr als elf Stimmen wie bei der letzten Abstimmung, aber der Brief des IOC-Sportdirektors Kit McConell an den „lieben Ingmar“ (gemeint ist FEI-Präsident Ingmar de Vos) vom 3. November lässt wenig Raum für Zweifel. Wie üblich in wohlgesetzten Worten lobt das allmächtige IOC den Tokio-Auftritt des Reitsports mit besonderem Applaus für die Drei-Reiter-Formel: Mehr Flaggen, leichter verständlich, sportlich gerechter. „Aus den genannten Gründen würde das IOC für das olympische Qualifikationssystem und das Wettkampf-Format in Paris 2024, Vorschläge begrüßen, die diese Prinzipien aufrecht erhalten“, so heißt es in dem Schreiben. Zu deutsch: „Wehe, Ihr stellt euch quer.“

Der neue und alte FEI-Springchef Stephan Ellenbruch sieht es deswegen jetzt als eine der wichtigsten Aufgabe an, die Aktiven mit ins Boot zu holen. In einem anderen Punkt könnten die Reiter sich durchsetzen, beim Entscheidungsmodus bei Olympischen Spielen. In Tokio wurde erst um die Einzelmedaillen, dann um die Team-Medaillen geritten, in den letzten 40 Jahren war es umgekehrt, wodurch nach Meinung vieler Akteure mehr Kraft bei Reiter und Pferden für den Nationenpreis, der ja eigentlich das Wichtigste ist, übrig blieb. Die Entscheidung darüber soll beim FEI-Sportsforum im April fallen.

Markanter Brief zum Modernen Fünfkampf

Gegenwind bekam der Pferdesport jetzt aus einer ganz anderen Richtung. Der internationale Fünfkampfverband (UIPM) will nach den schlechten Bildern von Tokio nun bekanntlich das Reiten durch eine „modernere“ Sportart ersetzen. Jetzt schoss der UIPM-Vizepräsident Joel Bouzou in einem offenen Brief quasi aus der Hüfte: Reiten gehöre schon deshalb nicht mehr ins Moderne Fünfkampf-Programm, weil viele Reiter in ihren Ländern keinen Zugang zu Pferden hätten. Früher, zu Zeiten des Olympia-Schöpfers Barons de Courbertin, seien Pferde Teil des täglichen Lebens in vielen Bereichen gewesen, heute seien sie ein teurer Luxus für die allermeisten Menschen. Was könne an einer Fünfkampf-Disziplin „modern“ sein, die die größte Mehrheit der Menschen in der Welt ausschließt? Das wird die um jede Flagge ringende FEI nicht gerne hören. Und es fragt sich, ob man sich so leicht vom Vorwurf miserablen Reitens befreien kann.