Das Selle Français, eine Erfolgsgeschichte mit starkem Einfluss auf die deutsche Zucht

Diamant de Semilly

Diamant de Semilly (1991-2022) (© hippofoto.be/Dirk Caremans)

Seit seiner Gründung im Jahre 1958 hat sich das Selle Français stark verändert. Dennoch ist es heutzutage nach wie vor eines der erfolgreichsten Zuchtbücher der Welt fürs Springen und die Vielseitigkeit. Bei den Olympischen Spielen im letzten Jahr waren fünf der sieben besten Vielseitigkeitspferde Selle Français. Bedeutende Hengste, die von den Anfängen bis heute die französische Zucht geprägt und auch Einfluss in Deutschland gehabt haben, machen einen Teil der Geschichte des Zuchtbuchs aus. In einer Zeit, in der man sich über das Risiko einer zu großen Öffnung Gedanken macht, zeigt sich auch, wie sehr das französische Blut die deutsche Zucht schon beeinflusst hat.

Im Jahre 1958 beginnt offiziell die Geschichte des Selle Français. Am Ende dieses Jahres “wurden die verschiedenen regionalen Halbblüterrassen unter der Bezeichnung ‘Selle Français’ vereint”, liest man auf der Webseite des Stutbuchs. Zu dieser Zeit war die Normandie, die heutzutage noch mit Abstand die Region mit der größten Anzahl an Pferdezüchtern ist, schon sehr wichtig für die Zucht. Die “Anglo-Normand”, wie die von der Anpaarung zwischen lokalen normannischen Stuten und Vollblütern entstandenen Halbblüterrasse hieß, war also schon einer der “wichtigsten Vertreter des Reitpferdes in Frankreich”. Saint-Lô und das Departement um die Stadt La Manche werden als Heimat und Zentrum des Selle Français betrachtet, da sie sehr wichtig für seine Entwicklung waren.

Neben dem Anglo-Normand waren die “Demi-Sang Vendéen” und “Charolais” die anderen bedeutendsten Halbblüterzuchtbücher Frankreichs zum Zeitpunkt der Entstehung des Selle Français. Sie stammten aus einer Region an der Atlantikküste, dem Süden der Bretagne und aus einem Gebiet im Süden des Burgunds. “Die Halbblutstuten waren durch Anpaarungen mit Hengsten genetisch fremder Rassen [wie] Vollblütern, Anglo-Arabern oder französischen Trabern verbessert worden. Diese Ursprungsanpaarungen haben die Einzigartigkeit der französischen Sportpferdezucht bereichert.”

Heutzutage ist das Selle Français noch mit Abstand das bedeutendste Reit- und Sportpferde Zuchtbuch Frankreichs. 2021 waren laut Angaben des französischen Institut du cheval et de l’équitation (Institut des Pferdes und der Reiterei, IFCE) und seines Système d’information relatif aux équidés (Informationssystem zu Equiden, SIRE) ungefähr 47 Prozent der in Frankreich gedeckten Reitstuten Selle Français-Stuten. Letztes Jahr wurden mehr als 11.500 Stuten dieses Zuchtbuches gedeckt, sodass “die Vorhersage für 2022 bei mehr als 8.000 neugeborenen Fohlen liegt”, erklärt Bérengère Lacroix, Direktorin des Zuchtbuchs Selle Français. 2021 seien es circa 7.300 Fohlen gewesen, die in diesem Zuchtbuch registriert wurden. Einer der bedeutendsten Vorfahren laut den Zahlen des IFCE ist der Hengst Ibrahim. Er ist für 7,1 Prozent der Gesamtgene der Rasse verantwortlich.

Am Anfang war Ibrahim

Der 1952 geborene Halbblüter war ein Sohn des The Last Orange (Mutter v. Horloger), der selbst von dem Vollblüter Orange Peel xx (v. Jus d’Orange xx – Ajax xx) gezeugt wurde, dessen Nachkommen Jus de Pomme (Mutter v. Karikal) und Plein d’Espoirs (Mutter v. Dagobert) auch wichtig für die französische Zucht geworden sind. Der letztere, 1937 zur Welt gekommene Hengst wurde unter anderem sechsmal mit Gazelle angepaart, die eine Tochter des Vollblüters L’Alcazar ist. Sie legte den Grundstein für das bekannte Gestüt “Haras d’Elle” der Familie Pignolet in Moon-sur-Elle und ist eine der sechs bedeutendsten Stuten, die vom Selle Français in einer Sonderausgabe zum 60. Jubiläum hervorgehoben wurden. Von der Anpaarung Ibrahim und Gazelle stammt der Hengst Digne Espoir ab, von dem ca. 350 Nachkommen in Frankreich registriert sind.

Ibrahim wurde bei René Haize geboren und dann von einem der bekanntesten französischen Hengstentdecker dieser Epoche, Alfred Lefèvre, gekauft, bevor er wie sein Vater und Großvater in Saint-Lô  als Staatshengst stand. Er hat viele weitere bedeutende Nachkommen gezeugt wie Double Espoir (Mutter v. Plein d’Espoirs), Ukase (Mutter v. Centaure du Bois), Quastor (Mutter v. Jus de Pomme) oder Tanaël (Mutter v. Centaure du Bois), was vor allem seiner Anpaarung mit Töchtern des irischen Vollblüters Ultimate xx (v. Umidwar xx – Beaudelaire xx) zu verdanken ist.

Aus dieser Anpaarung wurde zuerst der im Springsport sehr erfolgreiche Tango C geboren, aber auch die Hengste Cor de Chasse, der zum Vater der Javotte D wurde (Grundstein des Stammes von Itot du Chateau) und Elf III, den man insbesondere als Muttervater von Diamant de Semilly kennt. Der beste und bekannteste Vertreter der Vereinigung von Ibrahim und Ultimate ist aber Almé.

Almé, eine europäische Geschichte

Nicht weniger als achtmal wurde Almés Mutter Girondine, die inzwischen Fünfte auf der Liste der bedeutendsten Vorfahren des Selle Français ist, mit Ibrahim angepaart. Nach Almé brachte sie die Stute D’Où Viens Tu zur Welt, die Mutter des Hengst Si Tu Viens (v. Uriel) wurde, der mit Julien Epaillard die Europameisterschaft der Jungen Springreiter 1997 gewann. Auch als Vererber schrieb Si Tu Viens Geschichte: Er hat 508 registrierte Nachkommen in Frankreich, unter ihnen Haram d’Auvers (Mutter v. Galoubet A), der mit Xavier Vacher auf 1,60m- Niveau erfolgreich war. Er ist auch der Muttervater des Number One d’Iso (v. Baloubet du Rouet), der unter Nicolas Delmotte Frankreich in mehreren 5*-Nationenpreisen vertrat.

Gestüt Zangersheide

Almé (© Gestüt Zangersheide)

“Die, die Almé springen sehen konnten, erinnern sich noch daran”, schrieb Bernard Le Courtois über den charismatischen Hengst. Der Züchter von u. a. Katchina Mail oder Jaguar Mail sorgte für die Rückkehr des 1966 geborenen Hengstes nach Frankreich, als dieser achtzehn war. Almé hat einen großen Teil seines Lebens in den Benelux verbracht, wo er insbesondere auf dem Gestüt Zangersheide im Einsatz war. Nicht nur in der Zucht war der imposante Braune, der bei Alphonse Chauvin geboren wurde, aktiv.  Er “wurde mit Erfolg auf internationalen Turnieren vorgestellt, erst durch Fifi (Anm. der Red.: François Mathy) und dann durch Europameister Johan Heins, den damaligen Top-Reiter des Elitestalls in Lanaken”, liest man im Artikel „Almé Z – The True Story“, der 1993 im Z-Magazine veröffentlicht wurde. “Seine außergewöhnliche Technik und Vorsicht und sein starker Charakter wurden schnell weltberühmt.” Als Vererber wurde er zu einer Legende des Pferdesports, und das von Anfang an.

Erste Jahrgänge von ganz hohem Niveau

Zu seinem ersten Jahrgang, der aus fünf Nachkommen besteht, zählen Galoubet A (Mutter v. Nystag) so wie Grand d’Escla (Mutter v. Djecko), den man heute als Muttervater des Urvoso du Roch (v. Nervoso, dessen Mutter selbst eine Galoubet A Tochter ist) kennt – er hat 2021 an den Olympischen Spielen teilgenommen und hat unter Nicolas Delmotte mehrere Fünf-Sterne-Grand Prix gewonnen zudem beispielsweise den wirklich schweren Preis von NRW beim CHIO Aachen 2021. Aus den folgenden französischen Jahrgängen des Almé sind die im Sport sehr erfolgreichen Valme de Kerloury (Mutter v. Fair Play III), Amande du Château (aus der Javotte D) und natürlich Jalisco B (Mutter v. Furioso xx) bekannt, der selbst zu einem der bedeutendsten Vererber des Selle Français wurde. Zu den prominentesten Söhnen von Almé gehören auch Joyau d’Or A (Mutter v. Vin d’Honneur) und vor allem I Love You (Mutter v. Nykio), der mit dem US-Amerikaner Norman Dello Joio das Weltcup-Finale 1983 gewann und zum Beispiel auch Muttervater von Ludger Beerbaums Chaman ist – der als Baloubet du Rouet-Sohn übrigens auf Almé ingezogen war.

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Der Muttervater von Urvoso du Roch, hier auf dem Weg zum Sieg im Preis von NRW beim CHIO Aachen 2021, kommt aus dem ersten Jahrgang von Almé. (© www.toffi-images.de)

Ein Linienbegründer, auch in Deutschland

Das waren nur die französischen Nachkommen des Almé. In seiner Zeit in Belgien war er auch für viele sehr gute Pferde verantwortlich: Artos Z (Mutter v. Gotthard) wurde Vierter beim Weltcup-Finale 1994, und Animo Z ist für die Zucht von Leon Melchior wichtig gewesen. Dieser ist u.a. Großvater der Mütter von All In und Indiana, die mit der schwedischen Mannschaft siegreich bei den Olympischen Spielen in Tokio waren. Die Anpaarung einer Almé-Tochter mit einem anderen prominenten Hengst von Leon Melchior, dem Holsteiner Ramiro (v. Raimond – Cottage Son xx), brachte die Stute des 20. Jahrhunderts hervor: Ratina Z. Sie ist vielleicht der beste Beweis dafür, dass das Blut von Almé sich mit dem der deutschen Springpferdevererber sehr gut mischt bzw. gemischt hat.

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Ratina ist ein Symbol des Erfolgs der Anpaarung von Ramiro und Töchtern des Almé (© www.toffi-images.de)

Almé selbst hat 15 Söhne, die bei der FN als gekörte oder anerkannte Hengste registriert sind, und wurde zu einem wirklichen Linienbegründer, insbesondere im Holstein mit der “A”-Hengstlinie. Man denke unter anderem an den Almé-Enkelsohn Acord II (v. Ahorn Z – Calypso), unter dessen zwölf gekörten Söhne Askari (Mutter v. Lavall I) zu finden ist, der als Landbeschäler in Neustadt/Dosse zum Vater der WM-Siegerin DSP Alice (Mutter v. Landrebell) sowie zum Vater der Mutter der EM-Siegerin DSP Chakaria (v. Chap I) wurde und mit Ingrid Klimkes Asha P auch eine Granate im Busch brachte. Der Acord II-Sohn Acorado I (Mutter v. Corrado I), der unter dem Sattel von Torben Köhlbrandt siegreich in S***-Prüfungen war, ist selbst für nicht weniger als 38 gekörte bzw. anerkannte Söhne verantwortlich.

Außer dieser “A”-Hengstlinie ist bzw. wurde Almé durch manche seiner besten französischen Nachkommen in Deutschland repräsentiert. Sein bekannter Sohn Galoubet A, der 1972 bei Colette Lefranc-Ducornet das Licht der Welt erblickte und eine erfolgreiche Sportkarriere mit Gilles Bertran de Balanda führte (1982 Weltmeister mit der französischen Mannschaft in Dublin), hat Quick Star und Baloubet du Rouet gezeugt.

Quick Star war sportlich sehr erfolgreich unter Meredith Michaels-Beerbaum und wurde dann zum sehr guten Vererber, u. a. von Nick Skeltons Olympiasieger Big Star (Mutter v. Polydor) und dem Selle Français-Hengst Orient Express HDC (Mutter v. Le Tot de Semilly), der Mannschafts- und Einzelsilber bei den Weltreiterspielen 2014 in der Normandie gewann und Dritter im Großen Preis von Aachen 2013 war.

Ein weiterer Galoubet-Enkel ist ein unvergesslicher bunter Wallach, der den Namen Palloubet d’Halong trägt … Er stammt ab vom Baloubet du Rouet (Mutter v. Starter) in Kombination mit einer Tochter von Muguet du Manoir. Palloubet hätte sicher eines der besten Springpferde der Welt werden können, wäre er bei Janika Sprunger geblieben und nicht für eine Rekordsumme verkauft worden und dann in Katar in der Versenkung verschwunden. Aber er hat nachhaltig Werbung für seinen Vater gemacht.

Baloubet du Rouet, selbst eine Legende

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Der charismatische Baloubet du Rouet unter dem Sattel von Rodrigo Pessoa (© www.toffi-images.de)

Unter dem Sattel von Rodrigo Pessoa hat Baloubet fast alles gewonnen, darunter drei Weltcup-Finals – ein Rekord – und den Olympischen Titel. In der Zucht war Baloubet in Frankreich zuerst nicht gerade beliebt, wurde aber am Ende seines Lebens als Top-Vererber anerkannt und zeugte u. a. die Mannschaftsolympiasiegerin Sydney Une Prince (Mutter v. Alfa d’Elle). Bei der FN sind 37 Söhne des Fuchses als Hengste registriert, darunter Bubalu VDL, Barcley, Brantzau oder Balougran, aber vor allem natürlich Balou du Rouet.

Der 1999 von Paul Schockemöhle gezogene Oldenburger, der mittlerweile als Hengst mehr als einflussreich geworden ist, ist bis zur Klasse S** gesprungen und hat nicht weniger als 2.478 registrierte Nachkommen auf Horsetelex. Bei der FN zählt er 71 gekörte bzw. als Hengst anerkannte Söhne und hat eine Nachkommen-Lebensgewinnsumme von ca. 4.900.000 Euro! Unter den erfolgreichsten Nachkommen sind z. B. der verstorbene Mannschaftsolympia-Bronzemedaillengewinner 2016, First Class van Eeckelghem (Mutter v. Feinschnitt I), Babalou 41 (Mutter v. Silvio I), die Vierte und Fünfte im Großen Preis von Aachen 2018 und 2019 wurde, oder Baloutinue (Mutter v. Landor S), der mit den USA die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen in Tokyo gewann.

Auch in der Vielseitigkeit haben Balou du Rouet-Nachkommen große Erfolge vorzuweisen, man denke nur an Corouet (Mutter v. Lovis Corinth) und Billy The Red (Mutter v. Stan The Man xx), die letztes Jahr bei der EM in Avenches Einzel-Bronze bzw. Mannschaftsgold mit den Britinnen Sarah Bullimore und Kristina Cook gewannen.

Im Juli zeigte sich auch in Aachen, dass das Blut von Baloubet du Rouet auch durch mehrere weniger bekannte Hengste weitergegeben wird. Der Westfale Ben, der sich den Sieg im Großen Preis unter dem Sattel von Gerrit Nieberg sicherte, ist über den KWPN-Hengst Sylvain (Mutter v. Capitol I) ein Baloubet-Enkel. Außerdem ist Ben auf Almé ingezogen, da der Großvater seiner Mutter Quipolly (v. Quincy Jones – Polydor) der Jalisco B- Sohn Quidam de Revel ist.

von Korff

Ben, der Sieger im Großen Preis von Aachen 2022, stammt aus der Hengstlinie des Baloubet du Rouet. (© von Korff)

Quidam de Revel und sein Einfluss im Holstein

Mit mehr als 2.000 Nachkommen, die in Frankreich registriert sind, ist auch Quidam de Revel (u. a. Mannschaftsolympia Bronzemedaillengewinner des Jahres 1992) von ganz großer Bedeutung. Zu seinen im Sport prominentesten Nachkommen zählen Diabolo du Parc II (Mutter v. Ukase), der unter Ludovic Leyge auf Top-Niveau erfolgreich war und z. B. Reservist der französischen Mannschaft für die Weltreiterspielen 2002 war, dann Dollar de la Pierre (Mutter v. Foudre de Guerre), der dort Mannschaftsweltmeister wurde, und natürlich Eve des Etisses (Mutter v. Pot d’Or), die u. a den Großen Preis von Bordeaux 2005 gewann. 2016 war der Schimmel Rahotep de Toscane (Mutter v. Laudanum xx) in der französischen Mannschaft, die in Rio Mannschaftsgold 2016 gewann.

St.GEORG-Archiv

Quidam de Revel und einige seiner bekanntesten Nachkommen (© St.GEORG-Archiv)

Quidam wurde in Deutschland und insbesondere von den Züchtern in Holstein viel genutzt, sodass er dort 29 gekörte Söhne hat, unter denen manche ja auch ausländische Hengste wie Verdi (Mutter v. Landgraf I) von Maikel van der Vleuten sind. Der zur Zeit bessere Vertreter von Quidam de Revel auf höchstem Niveau ist wahrscheinlich sein Sohn Quel Homme de Hus (Mutter v. Candillo 3), der dieses Jahr im Aachener Nationenpreis Doppelnull ging und der unter Jérôme Guéry für die WM in Herning benannt ist. Quinar (Mutter v. Aloube Z), Quantum (Mutter v. Cor de la Bryere), Quo Vados I (Mutter v. Caletto II) oder Quite Easy I (Mutter v. Landgraf I) zählen zu den züchterisch prominentesten Quidam-Nachkommen in Holstein. Letzterer ist übrigens als Vater auch in der Vielseitigkeit erfolgreich, sodass er auf Rang 23 im WBFSH-Stallionranking 2021 für diese Disziplin steht.

Französisches Blut in der Dressur

Viele Jahre vor Quidam de Revel und Baloubet du Rouet war ein anderer Hengst von großer Bedeutung für das Selle Français sowie für die deutsche Zucht, und zwar der 1939 geborene Vollblüter Furioso xx (v. Precipitation xx – Son-in-Law xx), der der dritte bedeutendste Vorfahre im Selle Français ist. Er zeugte selbst Lutteur B (Mutter v. Obok) und Pomone B (Mutter v. Barnum), jeweils Olympiasieger 1964 und WM-Siegerin 1966 unter Pierre Jonquères d’Oriola und war auch als guter Muttervater bekannt. Diese Rolle spielt er u. a. in der Abstammung von dem schon erwähnten Jalisco B, der 1975 bei Georges Sabras geboren wurde, an den Olympischen Spielen 1988 teilnahm und dann zu einem sehr guten Vererber wurde.

In Deutschland ist Furioso xx aber vor allem als Vater eines Stempelhengstes bekannt: Furioso II. Seine Mutter Dame de Ranville v. Talisman brachte auch Mexico, der Vater von dem in den Niederlanden wichtigen Hengst Le Mexico (Mutter v. Brûle Tout) wurde. Furioso II, der ein Jahr vor Almé geboren wurde, wurde dreijährig von Georg Vorwerk nach Oldenburg geholt. Er ist sowohl für den Springsport aber auch für die Dressur von großer Bedeutung – letzteres eher überraschend für ein französisches Pferd. Aber man braucht nur zwei Namen seiner Nachfahren zu nennen: Florestan, ein Enkel über Fidelio, und Jazz, über Purioso und Cocktail ein Furioso II-Urenkel.

Ähnlich einflussreich wie Jazz war für die niederländische und mittlerweile internationale Dressurpferdezucht der Olympiahengst Ferro. Er geht nicht auf Furioso II zurück, aber auf dessen Vollbruder Mexico, siehe oben.

Für den Springsport brachte Furioso II untern anderem den zweifachen Mannschaftsolympiasieger For Pleasure und Voltaire. Beide Hengste haben inzwischen eine eigene Linie gegründet.

Privat

Furioso II in Deutschland 1977 (© Privat)

Cor de la Bryères Vater

Der vierte bedeutendste Vorfahre des Selle Français ist ein anderer Vollblüter, der über einen seiner Söhne auch sehr wichtig für die deutsche Zucht gewesen ist: Es handelt sich um Rantzau xx (v. Foxlight – Cavaliere d’Arpino), den Vater von Cor de la Bryère. Auch in der Abstammung von Baloubet du Rouet ist er zu finden, als Großvater der Mutter des Hengstes Starter (Mutter v. Jus de Pomme).

Was interessant ist, ist dass der Hengst, der am zweithäufigsten in den Genen aller Selle Français vorkommt, ein Vierteljahrhundert nach Almé und ca. ein halbes Jahrhundert nach Rantzau und Furioso geboren wurde. Sein Name: Diamant de Semilly.

Diamant, vom Waisenfohlen zum Weltmeister

Sein Schicksal ist eng mit dem der Familie Levallois verbunden, die das Gestüt Haras de Semilly unweit von Saint-Lô betreibt. “Eines Tages hat mich der Züchter Jules Mesnildrey gebeten, eine junge Stute für ihn zu finden”, erklärte Germain Levallois 2006 in einem Interview, das in den Archives départementales de la Manche zu finden ist. Diese Stute war Venue du Tot (v. Juriste – Laurier Thym), die einige Jahre später den Fuchs Le Tot de Semilly (v. Grand Veneur) zur Welt brachte. Im Jahre 1977 hatte Jules Mesnildrey drei Fohlen von Grand Veneur (v. Amour du Bois – Le Mioche xx), die er Levallois zu verkaufen gedachte. „Aber da es der erste Jahrgang des Hengstes war, wollte ich nicht alle drei“, so Germain Levallois weiter, der wie sein Vater zuerst Pferdehändler war. “Er sagte mir jedoch: ‘Entweder alle drei oder keines‘. Und ich habe alle gekauft. […] Ich habe Le Tot behalten, weil ich dieses Pferd wirklich mochte. […] Er war gut gebaut, und außerdem war er nett.”

Der Hengst wurde 1984 mit dem Sohn von Germain, Éric, Europameister der Jungen Reiter und hat allein in Frankreich fast 1.500 Nachkommen gezeugt – unter ihnen Diamant de Semilly. „Jules Mesnildrey hatte mich erneut gebeten, eine junge Stute für ihn zu finden, weil er das Blut in seiner Zucht ändern wollte.“ Diesmal war es Venise des Cresles, die mit Le Tot für ihre ersten Fohlen angepaart wurde und 1991 einen dunkelbraunen Hengst zur Welt brachte. „Jules Mesnildrey hat mir eines Tages gesagt ‘Meine Stute ist gestorben, ich bringe Ihnen das Fohlen.’ Das wollte ich nicht, aber er hat hinzugefügt: ‘Wenn Sie das Fohlen nicht wollen, erschlage ich es mit einem Vorschlaghammer und schicke es zur Tierkörperbeseitigung.’” So ist Diamant de Semilly bei der Familie Levallois angekommen. Der Verlust wäre unermesslich gewesen.

Das Waisenfohlen wurde zu einem kräftigen, talentierten Hengst, der dem Sport wie auch der Zucht seinen Stempel aufgedrückt hat. Nach seinem Tod Anfang des Jahres erinnerte sich auf GRANDPRIX sein Reiter Eric Levallois, der ihn von den Springpferdeprüfungen der vierjährigen Pferde bis zu der WM geritten hat: “In Bezug auf seine Bewegung und sein Charisma war er außergewöhnlich. […] Das erste Mal, als ich ihn springen gelassen habe, habe ich bemerkt, dass er alles machen konnte. […] Er hatte etwas mehr als die anderen: Kraft und wunderbares Vermögen. Alles war einfach für ihn. […] Als er sechs war, habe ich verstanden, dass er Große Preise springen würde.”

hippofoto.be/Dirk Caremans

Diamant de Semilly (© hippofoto.be/Dirk Caremans)

2003 gewann er mit der französischen Mannschaft die Silbermedaille bei der Europameisterschaft in Donaueschingen, aber vor allem 2002 hatte er eine hervorragende Saison. In dem Jahr sprang er in zwölf Umläufe in den schwersten Nationenpreisen wie Rom oder Aachen elf Nullrunden! Die wirkliche Krönung des Hengstes kam einige Wochen später, als er zum Sieg Frankreichs bei den Weltreiterspielen in Jerez de la Frontera beitrug. Dieser Mannschaftsweltmeistertitel war bzw. bleibt ein besonderer Erfolg für das Selle Français, da das französische Team aus vier im Zuchtbuch registrierten Hengsten bestand: Diamant natürlich, aber auch Dollar de la Pierre, Dollar du Murier (v. Jalisco B – Uriel), dem Eric Navet dann auch noch die Einzel-Silbermedaille verdankte, und Crocus Graverie (v. Rosire – Fend l’Air).

Ein vielseitiger Vererber

Obwohl er am Anfang eher als Vater von ’sehr guten Pferden, aber nicht von Olympiasiegern‘ in Frankreich angesehen wurde, hat Diamant später bewiesen, dass er auch züchterisch mehr als interessant war. Im Selle Français ist er für 4,3 Prozent der Gesamtgene verantwortlich und mehr als 110 seiner Söhne sind für die Selle Francais-Zucht zugelassen. Darunter viele, die auch sportlich erfolgreich sind bzw. waren wie Quickly de Kreisker (Mutter v. Laudanum xx), der mit Abdelkebir Ouaddar 2015 die Rangliste der besten Springpaare der FEI anführte, oder Rock’n Roll Semilly (Mutter v. Apache d’Adriers), der mehrere Top-Platzierungen in 5* Großen Preisen unter Marlon Modolo Zanotelli erreichte, u. a. einen zweiten Platz beim CSIO 5* in La Baule.

Der Einfluss des Diamant de Semilly in der Zucht kann auch an der Zahl seiner Töchter gemessen werden, die in Frankreich als aktive Zuchtstuten registriert sind: 670 laut des IFCE. Er hat die Zucht in ganz Europa beeinflusst und gilt auch in Deutschland als Linienbegründer mit 56 bei der FN registrierten anerkannten bzw. gekörten Hengsten. Der bekannteste unter ihnen, selbst Linienbegründer, ist der Holsteiner Körsieger des Jahres 2007, Diarado (Mutter v. Corrado I). Er hat 21 gekörte Söhne in Holstein und 57 insgesamt in Deutschland. Die Nachkommen des Rappen sind im Springen erfolgreich – Don Diarado (Mutter v. Lord Lancer/Maurice Tebbel) oder Dicas (Mutter v. Cassini I/Margie Engle) –, aber auch in der Vielseitigkeit, wie JL Dublin (v. Canto), der letztes Jahr Doppel-Europameister in Avenches mit Nicola Wilson wurde.

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Der Diarado-Sohn JL Dublin wurde letztes Jahr zum Einzel- und Mannschaftseuropameister mit Nicola Wilson (© www.sportfotos-lafrentz.de/Stefan Lafrentz)

Diamant selbst brachte auch erfolgreiche Buschpferde, etwa den Team-Olympiasieger und Einzelsilbergewinner Toledo de Kerser (Mutter v. Papillon Rouge) von Tom McEwen (GBR). Aber auch den deutschen Mannschaftsweltmeister Viamant du Matz von Sandra Auffarth.

Diamant de Semilly ist eines der Elemente, die die Zuchtgeschichte des Selle Français mit seiner Gegenwart und seiner Zukunft verbinden. Denn das Zuchtbuch steht heute noch an der Spitze im Springen und in der Vielseitigkeit. Im letzten Jahr waren in der Vielseitigkeit unter den Top sieben bei den Olympischen Spielen fünf Selle-Français registrierte Pferde zu finden. Das hat auch dazu geführt, dass das Zuchtbuch auf dem ersten Platz der Rangliste der WBFSH für das Jahr 2021 rangierte.

Neben den bereits erwähnten Toledo de Kerser zählten dafür die Leistungen von Amande de B’Neville (v. Oscar des Fontaines – Elan de la Cour), Api du Libaire (v. Fusain du Defey – Tresor de Cheux), Toubleu de Rueire (v. Mr Blue – Bayard d’Elle), Banzai du Loir (v. Nouma d’Auzay – Livarot) und Vendredi Biats (v. Winningmood – Camelia de Ruelles).

Im Springen beendete das Selle Français das Jahr als zweitbestes Zuchtbuch der Welt und konnte mit den Leistungen der zwei Diamant de Semilly-Söhne Antidote de Mars (Mutter v. Jarnac) und Vital Chance*de la Roque (Mutter v. Rivage du Poncel) punkten. Dazu kamen die sehr guten Ergebnisse von Unick du Francport (v. Zandor Z – Helios de la Cour II), Urvoso du Roch (v. Nervoso – Grand d’Escla), Bibici (v. Norman Pré Noir – Nelfo du Mesnil) und Oak Grove’s Enkidu (aka Bohysra d’Auzay LA v. Ensor vd Heffinck – Quidam de Revel).

Wendung hin zu Fremdblut

Unter diesen zwölf Top-Pferden sind aber nur vier “Selle Français Originel”, wie Pferde bezeichnet werden, deren Abstammung nur aus Selle Français und Vertretern der Rassen besteht, die als Bestandteile des Zuchtbuchs angesehen werden. Zu diesen Zuchtbüchern zählen die Araber (inklusive Halbaraber), Anglo-Araber (inklusive Halbanglo-Araber und Kreuzungsanglo-Araber), Französische Traber und die beim Cheval de sport Anglo-Normand (Anglonormannisches Sportpferd) registrierten Pferde. Diese „Selle Français Originel“ scheinen in der ganzen französischen Zucht selten zu sein. 44,1 Prozent der im Jahre 2021 geborenen Selle Français-Fohlen kommen von der Anpaarung eines Selle Français-Hengstes mit einer Selle Français-Stute. Beim Holsteiner Verband heißt es zum Vergleich, dass 56,6 Prozent der 2022 geborenen Fohlen einen Holsteiner Vater sowie eine Holsteiner Mutter haben. Außerdem waren von den 7.342 im Jahre 2021 geborenen Fohlen des Zuchtbuchs nur 6,3 Prozent „Selle Français Originel“.

Die Wendung hin zu Fremdblut kann man auch an der Liste der Hengste erkennen, die am meisten nachgefragt wurden, um Selle Français-Fohlen zu züchten. “Wir haben acht Hengste, die 20 Prozent der Besamungen ausmachen”, erklärt Bérengère Lacroix, die Direktorin des Selle Français Zuchtverbandes. Unter diesen findet man einen „Selle Français Originel“, nämlich Diamant de Semilly, drei Selle Français Hengste, die ausländisches Blut in ihrer Abstammung haben: Mylord Carthago (v. Carthago – Jalisco B), Candy de Nantuel (v. Luidam – Diamant de Semilly) und By Ceira d’Ick (v. Stakkato – Landadel), der übrigens der Sohn der Holsteinerin Fein Cera ist. Vier Hengste sind aus anderen Zuchtbüchern: Conthargos (v. Converter – Carthago), Conte Bellini (v. Cornet Obolensky – Ramiro Z), Pegase van’t Ruytershof (v. Comme Il Faut – Cartani) und Armitages Boy (v. Armitage – Feo).

Mehrere französische Züchter warnen vor einem möglichen Verlust von der Essenz des Selle Français durch die vielen Anpaarungen mit Vererbern anderer Rassen, obwohl “man sieht, dass die meisten genutzten Stuten Selle Français sind”, so Bérengère Lacroix. “Wir haben eine Stutenpopulation, die zahlreich ist.”

Enttäuschungen in der Zukunft?

Zu den Züchtern, die sich mit diesem Thema beschäftigen, gehört Patrice Boureau, bei dem seinerzeit Orient Express HDC (v. Quick Star – Le Tot de Semilly) zur Welt kam. “Mein größter Stolz ist es, ein Pferd gehabt zu haben, das der Motor des französischen Teams bei der Weltreiterspielen in der Normandie gewesen ist”, sagt der Mann, der sich “für die Pferde interessiert, nicht für die Menschen”. Angst habe er aber vor der Zukunft des Selle Français, da “diese Bezeichnung nicht dem entspricht“, was er Selle Français nennt. Der Züchter ist Teil der Gemeinschaft, die 2015 das Stud-book du Cheval de sport anglo-normand (CSAN) gegründet haben. Dieses versteht sich als ein Zuchtbuch, das zu der Wurzel des Selle Français zurückkommen möchte und deswegen den Namen eines der Stutbücher genommen hat, die vor der Gründung des Selle Français 1958 existierten. “Das CSAN hätte weiterhin Selle Français heißen sollen. Das Selle Français von heute hätte sich Europäisches Reitpferd nennen sollen”, findet er. Seit dem Tod von Fernand Leredde im Jahr 2017, dem bekannten Züchter des Haras des Rouges und einem des Gründer des CSAN, sei es schwierig geworden, dieses Zuchtbuch am Leben zu behalten.

Julia Rau

Der Züchter von Orient Express HDC zeigt sich eher pessimistisch über die Zukunft des Selle Français. (© Julia Rau)

Patrice Boureau glaubt, dass die große Wendung des Selle Français hin zu ausländischem Blut “vor 20 oder 25 Jahren begonnen hat”. Er verbindet diese Wendung mit dem Auftauchen von „Samenverkäufern (Anm. der Red.: die viele Hengste anbieten, die bei ihnen stationiert werden können oder nicht), deren Ziel es war, Geld zu verdienen, und nicht eine 150 Jahre alte Auswahl am Leben zu halten. Je mehr Werbung es um bestimmte Hengste gibt, desto mehr Leute gibt es, die denken, dass diese wunderbar sind. Die meisten französischen Züchter, die eine oder zwei Stuten besitzen, sind dieser Bewegung gefolgt, sodass das Selle Français ein Kreuzungs-Stutbuch geworden ist, das niemanden mehr interessiert, weil die Belgier und Niederländer ein solches Zuchtbuch vor langem gegründet haben“, grollt er. Für die Zukunft mal er ein eher düsteres Bild: „Wir hatten eines der besten Stutbücher der Welt und jetzt ist es zu einem ‘normalen’ Zuchtbuch geworden. Meiner Meinung nach werden die Enttäuschungen später kommen, wenn die Zucht alles gemischt hat und man diese 150 Jahre alte Auswahl beendet hat. Es wird immer gute Pferde geben, aber es werden Zufall-Pferde sein: Man wird nicht mehr wirklich züchten.”

Die französische Zucht hat sich stark verändert, aber die wichtigsten Zuchtbücher der Nachbarländer wenden sich auch an Fremdhengste, wie man bei der letzten Holsteiner Körung mit dem Körsieger von Emerald beobachten konnte. Ist diese Europäisierung ein Problem für die Zukunft der Sportpferde, wenn über die Anpaarungen auch heute noch so viel nachgedacht wird?